Nr. 44/2017 vom 02.11.2017

Das Politische privat verhandelt

Von Hans Ulrich Probst

Das Wort «Autopsie» im Titel verweist auf einen untersuchungswürdigen Todesfall: Gabriel, 58, erfolgreicher, einst linksintellektueller Radiojournalist, hat Suizid gemacht, indem er Scherben eines Senfglases verschluckte. Das teilt Gabriels Frau Clara dessen Tochter Ania mit. Diese hatte zusammen mit ihrem gehörlosen sechsjährigen Sohn den Vater am Vorabend noch in seinem Landhaus im Pariser Vorortsgürtel besucht, erstmals nach vier Jahren. Ania hat sich von Kindsbeinen an gedemütigt und kaum je verstanden gefühlt von ihrem alleinerziehenden Vater – ihre iranische Mutter starb, als sie vier war.

Und Ania ist es nun, die zur «Autopsie des Vaters», so der Originaltitel, ansetzt. Das Skandalon dazu: Gabriel hatte wenige Wochen zuvor Arbeit und Freunde verloren, weil er sich öffentlich für zwei junge rassistische Gewalttäter aus seinem Dorf starkgemacht hatte, die einen afrikanischen Sans-Papiers zusammengeschlagen und in den Fluss geworfen und damit getötet hatten.

Die in Paris lebende Schweizer Autorin Pascale Kramer, 56, die heuer mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet worden ist, entwickelt ein ruhiges Kammerspiel mit Gabriel, Ania und Clara in den Hauptrollen. Das Politische wird, wie häufig bei Kramer, im Privaten verhandelt. Diese Autorin versteht es meisterhaft, die Ambivalenzen familiärer Beziehungen und gesellschaftliche Symptome einer auseinanderdriftenden Gesellschaft aufzuzeigen. Dabei urteilt Kramer freilich nicht – sie beschreibt kompakt und konkret, ist ihren Figuren sehr nahe und wahrt zugleich Distanz zu ihnen, was die Lesenden umso stärker involviert. Es ist ein zutiefst gespaltenes Frankreich, das uns Pascale Kramer vorführt, wobei wir die Leitmotive – fehlende Empathie und soziale Kälte – aus ihren früheren Büchern kennen. Perfekte Kompositionen und eine punktgenaue wie stimmungsvolle Sprache erzeugen bei den Lesenden Beklemmung ebenso wie Bewunderung.

Eine grandiose und aktuelle Studie, die in Frankreich selbst – aus Ratlosigkeit oder aus Scham? – seltsam verhalten aufgenommen worden ist. Zu Unrecht.

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