Nr. 45/2018 vom 08.11.2018

Geister haben sie mehr als genug

Jahrmarkt der Grausamkeiten: Ursula Krechels Roman «Geisterbahn» erzählt von Opfern und Tätern vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg – ein beklemmendes Gesellschaftspanorama.

Von Hans Ulrich Probst

Akribische Recherche poetisch verdichtet: Schriftstellerin Ursula Krechel. Foto: Isolde Ohlbaum, Laif

Mit einem Karussell zieht die Sintifamilie von Alfons Dorn im Rheinland der dreissiger Jahre von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Alfons träumt von einer Autoscooteranlage, doch an der Schaustellermesse in Berlin wird ihm der Kauf aus rassistischen Gründen verweigert. Dann wird er im Zuge des Kampfs der Nazis gegen die «Zigeunerplage» mit anderen Sinti festgenommen und in ein Lager gebracht. Seine Frau erleidet eine Totgeburt, weil die Hebamme nicht zu ihr kommt, später wird die gemeinsame Tochter gegen ihren Willen sterilisiert.

Alfons flieht aus dem Lager, doch schon 1940 werden fast alle Dorns in der ersten systematischen Verschleppungsaktion von SS und Gestapo im Rheinland verhaftet und in den Osten deportiert. Nur die Hälfte der Familie überlebt Auschwitz, gebrochen kehren die Dorns nach Trier zurück, wo den Opfern des Faschismus als «Wiedergutmachung» hundert Mark und zehn Flaschen Wein ausgehändigt werden.

In ihrem Roman «Geisterbahn» erzählt Ursula Krechel von Opfern, Tätern und MitläuferInnen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Um Unrecht, Verbrechen und Vertreibung während der Zeit des Nationalsozialismus kreisten schon frühere Romane von Krechel: In «Shanghai fern von wo» (2008) ging es um EmigrantInnen, die auf der Flucht vor Hitler in Schanghai strandeten, und im mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman «Landgericht» (2012) erzählte sie von einer jüdischen Familie, die durch die Verfolgung der Nazis auseinandergerissen wird und während des Kriegs und in der Nachkriegszeit einen hohen Preis fürs Überleben bezahlt.

Bauernsohn macht Karriere

Mit ihrer Gabe szenischer Vergegenwärtigung und poetischer Verdichtung lässt Krechel nun auch in «Geisterbahn» eine Vielzahl fiktionalisierter Schicksale erstehen – wobei sie wie stets akribisch recherchiert hat. Neben der Sintifamilie Dorn ist da noch die Kommunistenfamilie von Willi und Aurelia Torgau, deren Mitglieder gleich nach der Machtergreifung teils in Haft geraten, teils in den Widerstand gehen. Dort werden sie von der Parteileitung im Stich gelassen. Dann gibt es die Mitläufer und Täter wie den Bauernsohn Franz Neumeister, der nach dem Studium in einem Berliner Ministerium Karriere macht. Nach dem Krieg und der oberflächlichen Entnazifizierung dient er sich opportunistisch und mit bigotter Frömmelei im katholischen Trier neuen Herren an. Zu Hause ist Neumeister ein gewalttätiger Tyrann, der seine Tochter Cecilia missbraucht.

In fünf grossen Kapiteln zeigt Krechel Ausgrenzung und Verfolgung der Sinti lange vor Kriegsausbruch, dann die Vernichtung von JüdInnen und KommunistInnen parallel zur Gleichschaltung der Bevölkerung. Es folgt die präzise Darstellung der Kriegs- und Nachkriegszeit im Kleinstaat Luxemburg und in der Stadt Trier – wobei etwa der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, gar nicht gut wegkommt. Literarisches Herzstück des Romans ist der vierte Teil: Auf 170 Seiten wird eine Gruppe von Kindern porträtiert, die – wie die Autorin – alle 1947 in Trier geboren wurden. Darunter Anna, jüngste Tochter der Dorns, die sich für den Rummel eine «Geisterbahn» wünscht, worauf Vater Alfons bitter erwidert: «Geister haben wir genug.»

Gegen das Vergessen

Porträtiert wird auch Bernhard, der erst spät erkennbare Erzähler des Romans. Er ist der Sohn eines Polizeimanns, der stets als «MEINVATER» apostrophiert wird. Dieser ist der Prototyp des willfährigen Mittäters, der ausführt, was ihm befohlen wird: Er verprügelt einen betagten Juden ebenso, wie er Sinti deportieren hilft und sich später im Osten an Massenexekutionen beteiligt. «Wer ist der Rohling, der sein Pensum an Brutalität vorschriftsmässig, sozusagen bürokratisch erledigt, ohne je seine Mittagspause zu versäumen», geht der Erzähler auf Distanz zu dieser fürchterlichen Vaterfigur. Bernhard selber ist ein sanfter Zauderer, der Lehrer wird, «weil ich mich erinnerte, dass es quälend war, ein Kind zu sein, und ich dem KIND beistehen konnte», wie er in der zarten, flüchtig bleibenden Liebesgeschichte mit Neumeisters Tochter Cecilia bekennt. Der Erzähler schreibt gegen das Vergessen an, will erinnern an all die längst verdrängten oder kaum geahndeten Unmenschlichkeiten und Verbrechen.

Der Schlussteil dieses beklemmenden Gesellschaftspanoramas mündet in einem Ausblick auf den Aufbruch der sechziger Jahre und die Gegenwart. Krechel berichtet detailreich und malt auch Nebenschauplätze plastisch aus: eine Essigfabrik, ein Weingut an der Mosel oder das Geburtshaus von Karl Marx in Trier. Ausserdem zitiert sie gerne literarische Referenzen wie Peter Weiss oder Marguerite Duras. Wohltuend und anregend sind Selbstreflexion und Bescheidenheit des Erzählers Bernhard, der dabei wie ein Alter Ego der die Fäden bündelnden Autorin wirkt: «Während ich schreibe, sage ich mir: Bloss nicht naiv werden, Bernhard, bloss keinen kindlichen Blick, bloss keine Fälschung.» Genau dies und viel mehr ist Ursula Krechel in ihrer magistralen Kompositionskunst über gut 600 Seiten gelungen.

Ursula Krechel liest am 26. November 2018 in der Stadtbibliothek Schaffhausen und am 6. Dezember 2018 im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg.

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