Nr. 46/2017 vom 16.11.2017

«Warum sind die Leute heutzutage bereit, fast alles zu glauben?»

Plötzlich diese Übersicht: Dass heute überall Verschwörungstheorien ins Kraut schiessen, zeugt von einer Krise des Denkens in unserer vernetzten Welt. Doch wer gegen den Aberglauben des Verschwörungsdenkens allein auf die liberale Vernunft vertraut, zielt am Problem vorbei.

Von Rolf Bossart

Fotos: Nick Veasey, Getty; RaBoe/Wikipedia (CC by-sa 3.0); Bearbeitung: WOZ

«Ich möchte sie gar nicht Monster nennen, das wäre zu viel der Ehre. Ich werde sie von jetzt an mit dem bezeichnen, was sie sind. Sie sind Verlierer! Sie sind Verlierer!» 
Donald Trump über die Selbstmordattentäter des Bombenanschlags in Manchester im Mai

«Heute hast du als Mann die Wahl: Karriere oder Verschwörungstheorie.» 
User-Kommentar

«Nur weil du paranoid bist, bedeutet das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.» 
Bekannter Psychoanalysewitz

Verschwörungstheorien sind in Mode und gefährlich für das demokratische Denken, das auf offene Szenarien und Prozesse angewiesen ist. Meist lässt sich glücklicherweise anhand einiger rationaler Überlegungen leicht feststellen, ob eine Verschwörungstheorie vorliegt. Dort, wo sich alles aus allem ergibt, wo die widersprüchlichen Fragmente der Wirklichkeit plötzlich nahtlos zueinanderfinden, wo die passenden Fakten gesammelt, die unpassenden diffamiert werden, wo Folge und Absicht sich verkehren und auch dort, wo der Satz von Marx «Sie wissen es nicht, aber sie tun es» in ein allseitiges «Sie wissen, was sie tun» umgedeutet wird.

Der spontane Reflex einer kritischen Öffentlichkeit in liberalen Gesellschaften besteht meist darin, solche Logiken zu identifizieren, sie der Unvernunft zu überführen und sich rasch davon zu distanzieren. Aber wie will man einen «Aberglauben», der von sich glaubt, er sei vernünftig, allein mit den Mitteln der von ebendiesem «Aberglauben» zurückgewiesenen Vernunft angemessen beschreiben, geschweige denn bekämpfen? Sollte man nicht vielmehr, bevor man die Folgen eines Glaubens der Kritik unterzieht, zuerst danach fragen, was diesen Glauben begünstigt oder hervorgetrieben hat? Ohne einen reflektierten Begriff von «Glauben» muss die liberale Kritik der Verschwörungstheorie immer wieder an den wichtigen Weggabelungen vorbeieilen. Denn die unangenehme Frage, der sich eine liberale Gesellschaft stellen muss, lautet: Warum sind die Leute heutzutage bereit, fast alles zu glauben? Und woher stammt eigentlich die Glaubensbedürftigkeit der Menschen in säkularen Gesellschaften?

Von der stillen Kammer ins Netz

Daher möchte ich vorschlagen, die aktuelle Konjunktur der Verschwörungstheorien als Symptom für eine Krise des Denkens in unserer vernetzten Welt zu lesen. Ihre spezifischen Ausprägungen verlangen nach der Analyse der Gründe, die in den gegenwärtigen Krisen und ihren etablierten Deutungsmustern liegen. Denn der verschwörungstheoretische Impuls liegt in der Mitte der Gesellschaft und nicht am Rand – im Zentrum und nicht ausserhalb der herrschenden Vernunft, insofern als diese heute vor allem eine Vernunft der Ökonomisierung und Globalisierung der Welt ist.

Die blinden Flecken der liberalen Kritik des Verschwörungsdenkens lassen sich am besten an ihren Argumenten diskutieren. Eine erste oft vorgebrachte These lautet, dass sich Verschwörungstheorien dank der neuen Kommunikationstechnologie und der sozialen Medien in abgeschirmten Überzeugungsblasen rasant verbreiten können. Aber was heisst das genau? Dass sich jemand die Verschwörungstheorie in der stillen Kammer ausdenkt und dann ins Netz speist? Heisst das, dass gezielte Desinformation die Hauptursache der aktuellen Verschwörungshysterie ist? Gewiss ist das der Fall. Aber in welchem Ausmass und mit welchen Wirkungen?

Es ist doch gerade auch ein entscheidendes Merkmal der digitalen Informationsgesellschaft unter kapitalistischen Bedingungen, dass das Netz nicht unterscheidet zwischen herrschaftlich propagierten, analytisch hergeleiteten, spekulativ postulierten oder mit Gewinn- oder Desinformationsinteressen generierten Zusammenhängen und Vernetzungen. Und das Netz ist daher immer auch eine sich selber in Gang haltende Verstrickungsmaschine, die die UserInnen zu permanenten Geheimagentinnen, Fahndern und Wikileakerinnen macht – und damit auch zu Ursprungs- und UrsachefetischistInnen, die sich imstande sehen, für alles einen ersten, wahren Grund zu finden. Und vom investigativen Surfen ist der Schritt zur veritablen Verschwörungstheorie nicht weit, kommt doch jene Suchbewegung, ist sie einmal in Gang gesetzt, erst zum wirklichen Ende, wenn sich schliesslich der eine Grund für alles findet.

Die Idioten und die Vernünftigen

Dies ist zugleich ein wichtiges Kriterium, um zu erkennen, ob jemand sich noch im Stadium der Aufdeckung des Bösen befindet oder bereits «jenseits von Gut und Böse». Es genügt daher, mit gezielten Fragen herauszuschälen, inwieweit das Böse für jemanden nicht mehr nur in den Trumps und Clintons dieser Welt agiert, sondern sich bereits in «das Böse» – das nicht selten mit «dem Juden» identifiziert wird – verschoben hat. Das heisst, für die Kritik der Verschwörungstheorie besteht das Hauptproblem des Internets nicht in den paar «Idioten», die ihre faktenfreien Vorurteile ins Netz speisen, sondern vielmehr in den vielen «Vernünftigen», die aus dem Netz die Fakten beziehen, mit denen sie ihre Ahnungen und Vorurteile in Wissen verwandeln. Die erschreckende Gleichzeitigkeit von zunehmender Digitalisierung und dem Schwinden der politischen Urteilskraft legt nahe, dass es weniger um perfide Einzelpersonen als vielmehr um ein strukturelles Problem von digitalisierten Gesellschaften unter kapitalistischen Bedingungen geht.

Eine zweite oft gemachte Feststellung bezieht sich auf den Fakt, dass die Spitze der bekanntesten VerschwörungstheoretikerInnen noch um einiges männlicher ist als die Spitze der politischen und ökonomischen Macht. Die häufigste Art der Erklärung, es handle sich auch hier um nichts anderes als männliches Geltungs- und Machtstreben, greift zu kurz. Sie muss ergänzt werden durch die umgekehrte Perspektive, wonach es bei der Faszination vieler Männer für verschwörungstheoretisches Denken (oder handelt es sich dabei nicht vielmehr um ein Fühlen?) um eine Kompensation für gescheiterte Konkurrenzkämpfe, verlorene Übersicht, verlorene Aufstiegsambitionen oder Handlungsoptionen geht. Darum ist das Psychogramm des Verschwörungstheoretikers dem des Amokläufers, der mit dem Hass des Verlierers auf die vermeintlichen GewinnerInnen schiesst, nicht unähnlich. Womit auch ein zweites wichtiges Erkennungsmerkmal für verschwörungstheoretische Affinitäten gewonnen wäre: ob man nämlich noch bereit ist, auch Auswege aus einer Krise oder einem Problem zu erwägen, die sich jenseits von Umsturz und Vernichtung bewegen, oder nicht.

Glaubwürdig ist, was geheim war

Ein drittes Argument betrifft die sogenannte Konstruktion einer zweiten Wirklichkeit, mit der die VerschwörungstheoretikerInnen sich von der sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit verabschieden würden. «Heute gilt als naiv, wer seinen Augen oder Erfahrungen vertraut», schrieb Ivan Krastev in seinem Artikel «Der paranoide Bürger», erschienen in diesem Frühjahr in «Le Monde diplomatique». Dem Leiter des Center for Liberal Strategies in Sofia geht es mit dieser Aussage um die Kritik an der Enthüllungseuphorie in Zeiten von Wikileaks, wo Informationen erst als glaubwürdig erscheinen, wenn sie einmal geheim waren. Gleichzeitig unterschlägt Krastev damit, dass Erfahrung und Wahrheit von jeher in einem Spannungsverhältnis stehen und es keineswegs immer ausgemacht ist, ob nun diejenigen die Wahrheit zu erkennen vermögen, die ihren Sinnen trauen, oder diejenigen, die das Eigentliche stets hinter den sinnlich wahrnehmbaren Dingen vermuten.

Und tatsächlich ist es ja heute nicht so, dass diejenigen, die hinter allem und jedem geheime Interessen an noch mehr Macht und noch mehr Reichtum vermuten – und denen diese Machtkonzentrationen zuweilen so riesig erscheinen, dass sie dämonische Züge annehmen –, dafür keine reale, sinnlich verbürgte Erfahrungsbasis hätten, entstammen doch die politischen und wirtschaftlichen Machtspiele, Umstürze und Sabotagen zu oft den Aktionsplänen einflussreicher Hinterleute, die ironischerweise ja auch fast immer allgemein bekannt sind. Denken wir nur an die jüngste  Geschichte Lateinamerikas: an den Putsch 1954 in Guatemala im Dienst der United Fruit Company, an die Ermordung Salvador Allendes und die Einsetzung General Pinochets für ein neoliberales Experiment in Chile 1973, an den Putsch gegen José Manuel Zelaya in Honduras 2009, an den Parlamentsputsch gegen Fernando Lugo in Paraguay 2012, an die Amtsenthebung von Dilma Rousseff in Brasilien 2016, um nur zwei klassische und drei neue Beispiele zu nennen. In Zeiten, in denen Ivanka Trump sich bei Verhandlungen ihres Vaters mit der chinesischen Regierungsspitze kurzerhand mit an den Tisch setzt und sich ein paar Exklusivrechte für ihre Schuhlabels sichert, geraten so jede Recherche und Reflexion über die aktuellen Machtverhältnisse fast zwangsläufig zu einer lückenlosen Indizienkette von Absprachen, Rechtsbeugungen, Ablenkungsmanövern, Bestechungsversuchen und so weiter.

Auch die Haupterzählung der neoliberalen Gesellschaft, dass nur Erfolg hat, wer nichts dem Zufall überlässt, alles minutiös plant, alles arrangiert und alles für die Erreichung seiner Ziele tut, hat ihren Anteil am verschwörungstheoretischen Paradigma. Wieso sollen die «unbescholtenen BürgerInnen» gerade bei den Erfolgreichsten und Mächtigsten glauben, dass sie an den entscheidenden Punkten auch manchmal der Zufall ereilt oder sie von allem nichts gewusst haben? Kommt hinzu, dass man überall nur noch von zunehmender Vernetzung in einer verdichteten Welt spricht und dass niemand mehr etwas tun kann, ohne für die Folgen am anderen Ende der Welt verantwortlich zu sein. Auch in der Erzählung der Globalisierung kann man eine gewisse Prädisposition für verschwörungstheoretische Engführungen nicht leugnen.

Das Potenzial zum totalen Plan

Ein Blick in das neue Buch «No Is Not Enough» von Naomi Klein, gegenwärtig wohl eine der bekanntesten HerrschaftskritikerInnen, bestätigt den Befund. Jede zweite Information riecht hier nach Verschwörung: etwa dass Donald Trump sich in den ersten drei Monaten seiner Regierungszeit mit 190 CEOs von Grosskonzernen getroffen hat, dass sein Kabinett nur die Reichsten der Reichen repräsentiert und vor allem die an unzähligen Beispielen ausgeführte These, dass überall auf der Welt von neoliberalen Regierungen die Schockstrategie angewendet werde. Unter dieser versteht man, dass man den Schock der Leute nach  Ereignissen wie Naturkatastrophen und Terrorakten dazu benützt, um politische «Schocktherapien» durchzuführen: um Bürgerrechte abzubauen, Konzernrechte auszuweiten, Kürzungen von staatlichen Leistungen durchzusetzen, gegen Minderheiten vorzugehen und so weiter. Die Beweislage ist erdrückend. Wer wollte die Fakten bestreiten und wer den Umstand, dass dann plötzlich nicht immer klar ist, was Ursache und was Folge, was Zufall und was Plan ist? Und wenn in den Medien immer wieder beschwichtigend versucht wird zu zeigen, dass Trump dank der in den USA immer noch funktionierenden Checks and Balances gebremst werde, dann legt Klein dar, wie total der Umbauplan seiner Clique ist. Aber auch Hannah-Arendt-Preisträger und Holocaust-Forscher Timothy Snyder warnt in seinem neuen Buch, «On Tyranny», vor Verharmlosungen und attestiert mehreren aktuellen Regierungen das Potenzial zum totalen Plan.

Man ist daher versucht, in verschwörungstheoretischer Manier zu fragen, wie man so blind sein kann für das Offensichtlichste. Wie kann man kritisch über die Gefahr von Verschwörungstheorien schreiben und dabei nicht sehen, dass es heute ziemlich schwierig ist, nicht an Verschwörungen zu glauben? Aber vielleicht haben sich die Dinge einfach verkehrt, und es braucht heute eher einen besonderen Blick, ein besonderes Wissen, um die Zusammenhänge, Verbindungen und offenen Geheimprotokolle nicht als Verschwörung zu interpretieren. Was bedeuten würde, dass es heute nicht der Verschwörungstheoretiker ist, der die Wirklichkeit relativiert und erst dahinter die Wahrheit vermutet – vielmehr können das nur noch diejenigen, die nicht nur an das Offensichtliche glauben, sondern auch noch an etwas Starkes dahinter, das dieses im Zaum halten kann.

Dem Verschwörungstheoretiker ist es ja gerade nicht möglich, hinter allem, was so himmelschreiend an der Sonne liegt oder im Netz zappelt, eine Ordnung oder Kraft zu erkennen, die die Verschwörung entdämonisieren könnte, die alle diese schlimmen Dinge zu gerade noch legalen Unsauberkeiten, einfach nur kriminellen oder krankhaften Akten, Handlungen der Staatsräson oder Logiken der politischen Ökonomie zurückstufen und sanktionieren könnte. Denn die entdämonisierenden Kräfte wie etwa der Rechtsstaat, die Wissenschaft, die funktionierende Zivilgesellschaft, die Stimme der Vernunft und so weiter: Das sind ja alles Dinge, an die man heute nur glauben kann, wenn man entweder nur wenig von ihrer Korrumpierbarkeit und ihrer Doppelbödigkeit im globalen Kapitalismus weiss oder wenn man genug Vorstellungskraft oder utopisches Selbstbewusstsein hat, trotz ihrer Schwäche an sie zu glauben. Beide, der naive Glaube der Unwissenheit und der utopische Glaube, sind dem Verschwörungstheoretiker verwehrt. Er ist auf Gedeih und Verderb seiner sinnlichen Oberflächenwahrnehmung ausgeliefert. Er kann nur glauben, was er sieht – und was er sieht, hindert ihn am Glauben an eine andere Möglichkeit.

Wenn faktische Alternativen fehlen

Es ist schliesslich auch dieses Fehlen von Alternativen in der Welt des globalisierten Kapitalismus auf einer zur kleinen Kugel geschrumpften Erde, das ein klaustrophobisches Denken begünstigt. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Geschichtsphilosophie – als quasi letzter Imagination einer Verschwörung des Guten – kann das Andere nicht mehr als universelle, positive Grösse gedacht werden. Zur Weltdeutung bleiben eigentlich nur noch zwei Optionen: die liberale mit ihrem «vernünftigen» Verzicht auf Deutung oder die des bösen Plans und der Invasion der Ausserirdischen. Oder, um es mit einem Kalauer auszudrücken: Das Fehlen von faktischen Alternativen produziert alternative Fakten.

Verschwörungstheorien sollten wir daher auch immer als Fantasien über drohende oder sich in Gang befindende Schliessungsvorgänge lesen: im Internet und im globalen Kapitalismus. Und wer gegen die Geschlossenheit der Verschwörungstheorien ein Denken der Offenheit setzen will, ist gut beraten, danach zu fragen, was einer Gesellschaft eigentlich ein solches ermöglichen würde. Denn wichtiger als die Konzentration auf die Feinde der offenen Gesellschaft ist die Analyse ihrer Grundlagen. Und solange unsere liberalen Gesellschaften auf den tönernen Füssen eines schliessenden und ausschliessenden Kapitalismus stehen, wachsen ihre Feinde wie die Köpfe der Hydra. Und vergessen wir nicht: Die offene, kapitalistische Gesellschaft hat bereits im Kalten Krieg ihre BürgerInnen zu Hunderttausenden fichiert und verfolgt, und in Zeiten des Terrors drohen heute ähnliche Szenarien. Denn der paranoide Bürger findet letztlich leicht eine Entsprechung im paranoiden Staat und umgekehrt.

Rolf Bossart ist Theologe und Mitarbeiter in Milo Raus International Institute of Political Murder. Zuletzt ist von ihm erschienen: «Wiederholung und Ekstase» (Diaphanes-Verlag, zusammen mit Milo Rau).

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