Nr. 48/2017 vom 30.11.2017

Doris Leuthards begeisterte Predigten

Von Bettina Dyttrich

Bundespräsidentin Doris Leuthard hat ein neues Hobby: Digitalisierung predigen. Denn sie ist unzufrieden mit der Schweizer Bevölkerung, die ihr viel zu kritisch, viel zu ängstlich ist. Leider sei die Digitaldiskussion in der Schweiz nicht von Chancen, sondern vom Datenschutz geprägt, beklagte sie Mitte November am Europa-Forum Luzern. Letzte Woche warnte sie an der Konferenz «Digitale Schweiz» in Biel: «Wer alles reguliert, nimmt Forschern, Unternehmerinnen und Bürgern die Luft zur Innovation.» Zwei Tage später strahlte sie am Zürcher Hauptbahnhof in die Kamera: Der Digitaltag solle «die Ängste etwas abbauen» und zeigen, dass es «tolle Sachen» gebe, «die uns das Leben erleichtern». Leuthards kindliche Begeisterung wirkte wie immer echt – sie passte perfekt in den Digitaltag, diese grosse PR-Veranstaltung mit ihren tanzenden Drohnen, Virtual-Reality-Brillen und herzigen Robotern.

Dabei haben inzwischen sogar Techniknerds wie Tesla-CEO Elon Musk Angst vor künstlicher Intelligenz. Diese könnte die Menschheit eines Tages auslöschen, glaubt Musk. Doch in der breiten Bevölkerung ist eine andere Angst noch viel verbreiteter: jene um den Arbeitsplatz. Und hier zeigt sich, wie weit die Digitalisierung von dem lustvollen Projekt entfernt ist, als das sie Doris Leuthard verkauft.

Im weltweiten kapitalistischen Standortwettbewerb treibt die Technik die Menschen voran und nicht umgekehrt. Es bleibt kein Raum, um zu fragen: Welche dieser «Innovationen» sind überhaupt sinnvoll? Pflegeroboter? Überwachungsdrohnen? Kühlschränke, die ein SMS schreiben, wenn die Milch vergammelt? Welche Arbeiten kann man getrost automatisieren – und bei welchen ist es besser, wenn sie weiterhin von Menschen gemacht werden? Solche Fragen werden zwar in Philosophiesendungen gestellt, bleiben aber ohne Wirkung.

Ist es einfach noch zu früh? Nach dem Siegeszug des Autos dauerte es auch ein paar Jahrzehnte, bis eine ernsthafte autokritische Bewegung entstand. So viel Zeit bleibt für die Bildung einer Bewegung, die ernsthafte digitalkritische Fragen stellt, allerdings nicht. Nicht nur wegen Elon Musks böser Kampfroboter.

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