Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

«Blutig, aber sehr lebendig»

Seit dem Arabischen Frühling gewinnen Bücher von ehemaligen Gefangenen in Syrien an Bedeutung. Sie machen die Brutalität des Assad-Regimes sichtbar.

Von Merièm Strupler

«Ich öffnete meine Augen. Der Geruch war erstickend, ich konnte kaum atmen. Alles, was ich sehen konnte, waren Füsse. Ich lag am Boden inmitten eines dichten Waldes aus Beinen, umgeben von dem Gestank nach ungewaschenen Füssen, Blut, eiternden Wunden, auf dem schmutzigen Boden, der seit sehr langer Zeit keinen Wischmop mehr gesehen hatte.» So beschreibt die Hauptfigur Musa die Zelle im syrischen Hochsicherheitsgefängnis Tadmur – die 25 Quadratmeter, die er mit 85 Männern teilte. Der Autor des Romans, Mustafa Khalifa, war über zehn Jahre in Tadmur inhaftiert und sass insgesamt vierzehn Jahre im Gefängnis. Ohne Prozess, wegen des Verdachts auf «verbotene kommunistische Aktivitäten».

Khalifas Roman «Die Kapsel. Tagebuch eines Voyeurs» (2008) gehört zu den bekanntesten Werken syrischer Gefängnisliteratur. In der arabischen Welt hat das Genre seit Ende der neunziger Jahre eine neue, brutale Aktualität erlangt – in Syrien insbesondere seit 2011, als der Machthaber Baschar al-Assad die Aufstände während des Arabischen Frühlings gewaltsam niederschlug und das Land in einen anhaltenden Bürgerkrieg stürzte.

Das Schweigen brechen

«Nach 2011 ist die Mauer des Schweigens aufgebrochen worden», sagt die syrische Soziologin und Islamwissenschaftlerin Huda Zein von der Universität Köln. «Bei denjenigen, die wieder freikamen, sind die Wut, der Schmerz und die Verzweiflung über die Gefangenschaft und die Folter so gross, dass sie ihre Erfahrungen nicht länger für sich behalten können.» So haben sich seither viele verschiedene Formen einer Gefängnisliteratur herausgebildet, zu der man im weiteren Sinne auch Tagebuchberichte, Artikel, Interviews, Analysen zählen kann.

Wie viele Menschen derzeit in syrischen Gefängnissen sitzen, weiss niemand. Es müssen Hunderttausende sein. Verlässliche Zahlen kennt man im Bürgerkrieg längst keine mehr. 2014 haben die Vereinten Nationen gar aufgehört, die Toten des Kriegs zu zählen – Schätzungen zufolge wurden eine halbe Million ZivilistInnen getötet. Die Menschenrechtsorganisation Syrisches Netzwerk für Menschenrechte schätzte 2015, dass in den Gefängnissen des Assad-Regimes mindestens 215 000 SyrerInnen sitzen und dass jeden Tag durchschnittlich sieben Personen an systematischer Folter sterben. «Nicht einmal die nächsten Angehörigen wissen, ob die Verhafteten noch leben oder in Haft gestorben sind», sagt Zein. «So geht es Millionen von Familien, deren Kinder in den letzten sechs Jahren verhaftet worden sind.»

Die Autorin und Menschenrechtsaktivistin Rosa Yassin Hassan (siehe WOZ Nr. 08/2016) hat selber mehrere Werke veröffentlicht, die sich unter dem vielfältigen Gewand der syrischen Gefängnisliteratur zusammenfassen lassen. In ihrem Roman «Wächter der Lüfte» (2009) beleuchtet sie die Situation der Angehörigen von Gefangenen. Sie zeigt, wie die Repression die FreundInnen, die Verlobten, die Geschwister und die Eltern trifft. Und wie eine Verhaftung auch deren Leben erschüttert, wie sie warten, hoffen und bangen.

Gedruckt wird im Ausland

«Man kann mit der Literatur sehr viel erklären», sagt Rosa Yassin Hassan. «Ich schreibe nicht über Politik, sondern darüber, wie die Politik unser Leben beeinflusst.» Sie spricht von einer neuen literarischen Generation, die geprägt ist von den Aufständen und dem Bürgerkrieg: «Diese Literatur ist blutig, aber auch sehr lebendig.» Ihre eigenen Werke liess Hassan Yassin im Ausland drucken, im Libanon oder in Ägypten. «Selbstverständlich» könne man syrische Gefängnisliteratur nicht in Syrien veröffentlichen.

«In einem Land, in dem man wegen eines Witzes über den Präsidenten oder als Angehörige eines Oppositionellen für zehn, fünfzehn Jahre im Gefängnis verschwindet, kann man die eigenen Gefängniserfahrungen nicht veröffentlichen», sagt auch Soziologin Huda Zein. Schon in den siebziger Jahren gab es Romane über das Leben im Gefängnis, worauf den AutorInnen wegen ihrer kritischen Werke Haftstrafen drohten. Die Repressionswelle in den achtziger Jahren liess diese Stimmen dann verstummen. «Die ganze Gesellschaft hatte sich in ein grosses Gefängnis verwandelt», sagt Zein. «Das kleine, konkrete Gefängnis zeichnet dabei die nackte Wahrheit der Machtverhältnisse.»

Heute sind es ehemalige Gefangene, die durch ihre Erfahrungen zu AutorInnen werden. Ihre Werke zeigen die Grausamkeiten hinter Gittern, schildern unvorstellbare Folter und systematische Hinrichtungen. «Allein die Existenz dieser Gefängnisse zeigt den Horror des Assad-Regimes», so Zein. In der Gefängnisliteratur sieht sie einen heilsamen Weg, für die Angehörigen und die Betroffenen wie auch für die gesamte Gesellschaft: «Die Berichte sind Zeugnisse der Zeitgeschichte. Sie machen es möglich, die grausame Repression zu verarbeiten. Das Schweigen hatte die Geschehnisse entmenschlicht, verdrängt und verdinglicht.» Mit dem Aussprechen der Gefängniserfahrungen gewännen alle Inhaftierten ihre Würde zurück – die Würde der Toten und der Überlebenden, die bis heute von ihren Foltertraumata verfolgt werden.

Die Soziologin Huda Zein und die Autorin Rosa Yassin Hassan berichten über die Situation in syrischen Gefängnissen und lesen aus Werken der arabischen Gefängnisliteratur. In: Zürich, Rote Fabrik, Donnerstag, 7. Dezember 2017, 19.30 Uhr. www.rotefabrik.ch

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