Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Das Wurstdilemma

Karin Hoffsten über einen gebrochenen Schwur

Von Karin Hoffsten

«Das Herz einer Frau, der Magen einer Sau und der Inhalt einer Worscht bleiben ewig unerforscht», sagt der Volksmund. Unter dem Ruf, der Metzger stopfe alles rein, was er sonst nicht unterbringen könne, leidet die Wurst – zumal bekannt ist, wie grausam es bei der industriellen Fleischproduktion zugeht. Also freute ich mich, als in der Redaktion eine Einladung zur Degustation der «Wurst der Zukunft» eintraf. Die ist bestimmt schmackhaft und guten Gewissens geniessbar, dachte ich, ideal für diese Kolumne und ihre umweltbewussten LeserInnen!

Doch ich hatte die Einladung nur überflogen. Zu meinem Erstaunen fand ich mich am entsprechenden Tag nicht vor einem schlichten Wurstgrill wieder, sondern im angesagten Spitzenrestaurant (1 Michelin-Stern!) mit australischem Starkoch, reizendem Sommelier und zuvorkommendem Personal, umgeben von fachsimpelnden GastrokritikerInnen diverser Printprodukte. Hier ging es nicht nur um die Wurst, sondern um Höheres, nämlich die englischsprachige Publikation «The Sausage of the Future».

Während die Autorin – ebenfalls auf Englisch – ihr Buch vorstellte, kamen nach und nach fünf Gänge auf den Tisch, an dritter Stelle die eigens vom Starkoch kreierte Blutwurst. Was dieser in seinem Heimatidiom zu ihrem Entstehungsprozess erzählte, verstand ich allerdings nur rudimentär. Das Essen war ausgezeichnet, die Tischgespräche waren angenehm, insbesondere als sie sich der Frage zuwandten, wie es um die Unabhängigkeit der Medien bestellt sei.

Nun ist es ja üblich, dass JournalistInnen eingeladen werden, um anschliessend über ein Produkt oder eine Dienstleistung zu berichten; der Hinweis, ein Text sei durch das Unternehmen XY «ermöglicht» worden, findet sich dann am Ende, und der Übergang zum Native Advertising – als redaktionelle Texte getarnte Anzeigen – ist durchaus fliessend. Die WOZ verzichtet auf solche Texte, und noch vor einem halben Jahr schwor ich in dieser Rubrik, meine Menüs immer selbst bezahlen zu wollen.

Was tun? Erhobenen Hauptes aufstehen und sagen: «Das esse ich nicht!»? Nur schon der Gedanke jagte mir die Schamesröte ins Gesicht. Speisen und im Nachhinein schweigen? Dazu gefiel mir das Buch zu gut. Also beschloss ich, die Köstlichkeiten und anregenden Gespräche zu geniessen und das Buch zu empfehlen, denn es ist klug und dank seiner Illustrationen ein visueller Genuss. Neben Geschichte und gesellschaftlicher Bedeutung der Wurst erläutert die Autorin die ökologischen Nachteile moderner Fleischproduktion und macht Vorschläge zu einer Wurst der Zukunft, die zwar Fleisch enthält, aber auch unterschiedlichste Ingredienzen pflanzlicher Art.

Kürzlich schrieb ein Politologe, so wie JournalistInnen von Berufs wegen eher links stünden, finde man vermutlich nicht allzu viele linke Metzger. Sollten Sie dennoch ein solcher sein und zudem des Englischen mächtig, lege ich Ihnen das Buch ganz speziell ans Herz.

Weil Karin Hoffsten den Verzehr dessen, was der Handel als vegane «Wurst» anbietet, nach zwei Versuchen ernüchtert aufgab, tendiert ihr Wurstkonsum seit Jahren gegen null. Die Zukunftswurst könnte das vielleicht ändern.

Carolien Niebling: «The Sausage of the Future». Herausgegeben von ECAL und Lars Müller Publishers, Zürich 2017.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch