Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

«Shell wusste, was passieren konnte»

Soeben hat Amnesty International einen Bericht veröffentlicht, der die Aktivitäten des Ölkonzerns Shell in den neunziger Jahren in Nigeria erneut aufrollt. Mark Dummett, Autor der Studie, fordert, dass die damaligen Menschenrechtsverletzungen endlich juristisch aufgearbeitet werden – sowohl in Nigeria als auch in Europa.

Interview: Daniel Hackbarth

Mark Dummett

WOZ: Herr Dummett, warum gab es in den neunziger Jahren Proteste gegen Shell in Ogoniland im Süden Nigerias?
Mark Dummett: Es kam Verschiedenes zusammen. Zum einen beklagten die Menschen, dass die von Shell verursachte Ölverschmutzung ihre Lebensgrundlage bedrohte – viele von ihnen waren Bauern oder Fischer. Zum andern empörte sie, dass das viele Geld, das mit dem Öl verdient wurde, ihnen nicht zugutekam.

Wie reagierte die Regierung auf die Proteste?
Sie bestritt deren Berechtigung. Es gab Schikanen, etwa gegen den Schriftsteller Ken Saro-Wiwa, der die Bewegung MOSOP – Movement for the Survival of the Ogoni People – gegründet hatte; Saro-Wiwa wurde mehrmals verhaftet. Später setzte die Militärregierung, die inzwischen an der Macht war, die Armee ein. Das Resultat waren schwere Gräueltaten.

Laut Ihrem Bericht gab es schon Ende 1990 Proteste, worauf Shell die Sicherheitskräfte rief.
Ja. Und die Polizei ging anschliessend mit Schusswaffen und Granaten gegen Demonstranten vor. Gemäss einem offiziellen Bericht gab es damals achtzig Tote, darüber hinaus wurden Hunderte Häuser zerstört.

Von diesem Moment an war sich Shell bewusst, was passieren konnte, wenn der Konzern die Sicherheitskräfte anforderte. 

Trotzdem hat der Konzern das später wiederholt getan, zum Schutz seiner Interessen?
Das ist so, ja.

Welche Rolle spielt Brian Anderson, der damalige Vorsitzende von Shell Nigeria?
Während der Krise von 1993 bis 1995, als sich die Menschenrechtslage zuspitzte, hatte Anderson mindestens drei längere Gespräche mit Sani Abacha, dem Präsidenten der Militärregierung. Die beiden tauschten ihre Telefonnummern aus. Abacha versicherte Anderson, er könne ihn jederzeit kontaktieren. Allerdings ist das nur ein Beispiel von vielen: Es ist belegt, dass auf zahlreichen Ebenen Mitarbeitende von Shell engen Kontakt mit den Behörden hatten.

Shell hat in einigen Fällen die Armee sogar bezahlt und logistisch unterstützt …
Es existieren Memos, die zeigen, dass dies damals Konzernpolitik war. So wurden etwa Boote, Busse und Helikopter zur Verfügung gestellt. Zudem ist mindestens ein Fall bestätigt, in dem Shell der Armee und den Sicherheitskräften ein Taggeld bezahlte. Aber angesichts der damaligen Konzernlinie kann man annehmen, dass es mehrere solche Fälle gab.

Eine verstörende Passage des Berichts betrifft den Prozess gegen neun Aktivisten, darunter Ken Saro-Wiwa. Sie schreiben von einem Deal, den Anderson dem Bruder von Saro-Wiwa angeboten haben soll.
Es gibt verschiedene Versionen über den Inhalt dieses Deals. Laut Saro-Wiwas Bruder hat Shell angeboten, sich für Saro-Wiwas Entlassung einzusetzen – im Gegenzug sollte dieser die Kampagne gegen Shell beenden. Laut Andersons Version bot Shell hingegen an, medizinische Hilfe für Saro-Wiwa zur Verfügung zu stellen, vorausgesetzt, er stelle die Kampagne ein.

Ausserdem schreiben Sie, dass Shell wusste, dass die Aktivisten wahrscheinlich hingerichtet würden. Heisst das nicht, Shell wollte diese Lage skrupellos ausnutzen?
Ja. Das ist ziemlich verstörend.

Tatsächlich wurden alle neun hingerichtet. Kurz darauf gab Shell eine neue Investition in Nigeria in Höhe von vier Milliarden US-Dollar bekannt.
Ja, das zeigt eindeutig, dass Shell nichts unternehmen wollte, was den Interessen des Konzerns im Land hätte schaden könnte.

Gibt es Belege dafür, was die europäischen Zentralen von Shell wussten?
Die Dokumente, die wir gesichtet haben, belegen, dass die Zentralen in London und den Niederlanden konstant auf dem Laufenden gehalten worden waren.

Es scheint also fast so, als habe damals eine Art staatlicher Krieg gegen eine soziale Bewegung stattgefunden – und das mit der Billigung von Shell.
Nun, ich würde das nicht so formulieren. Die Sprache, die wir bei Amnesty verwenden, ist zurückhaltender. Daher würde ich dem so nicht zustimmen.

Kann man abschätzen, wie viele Ogoni infolge der Unterdrückung der Proteste insgesamt starben?
Niemand weiss das genau. Amnesty berichtete im August 1994, also nach den ersten Monaten der Militärintervention, von mindestens fünfzig Toten. Es gab aber noch weitere Angriffe, bei denen vermutlich Hunderte Ogoni getötet wurden. Aber es ist schwer, das genau zu sagen. Das ist Teil des Skandals: dass die Aufarbeitung dessen, was geschah, so unvollständig ist.

Wurde jemand von den Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen?
Niemand musste sich für die Menschenrechtsverletzungen, die in Ogoniland stattgefunden hatten, je verantworten.

Wie ist die Lage dort heute?
Die Ogoni verweigern Shell, die Ölfelder wieder in Betrieb zu nehmen – erst sollen die Umweltschäden beseitigt werden. Bislang wurde in dieser Hinsicht noch nichts Konkretes unternommen; dabei sind die Schäden nach wie vor verheerend.

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