Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Der Adorno des Rock ’n’ Roll

Wenn Rockmusik heute noch lebt, dann dank Leuten wie ihm: Ian Svenonius, heimliche Galionsfigur der New Yorker Szene und einsamer Kämpfer gegen das Imperium. Jüngst führte der Musiker und Essayist sein erstes Soloalbum in Zürich auf.

Von David Hunziker

Bei Ian Svenonius kann man sich nie sicher sein: Verkörpert er gerade die Gesten der Rockmusik, oder persifliert er sie nur? Foto: Jen Dessinger

Ein solches Album kann man nicht spielen, man muss es performen. Ian Svenonius lässt ein Kassettengerät laufen und schreit über einem dumpfen, elektronischen Puls ein Intro ins Mikrofon. Dann nimmt er die Gitarre zur Hand und wechselt im Call and Response zwischen primitiven Garage-Rock-Licks und gesungenen oder gesprochenen Parolen, der Beat im Hintergrund ist immer etwa derselbe. Weil er dabei keinen Mikrofonständer verwendet, sieht das ziemlich unbeholfen aus, aber irgendwie auch nach Kraft und Punk und Zügellosigkeit. Das ist er nun also, laut «Washington Post» der interessanteste Mann im Rock ’n’ Roll.

Sein neues Album heisst «Introduction to Escape-ism», und der Fluchtort ist an diesem Abend so schön wie bescheiden. Svenonius – Anzug gut, Krawatte gut, Frisur wie immer sehr gut – steht vor etwa dreissig Leuten in einem unauffälligen Gebäude an der Grenze zwischen Zürich und Schlieren. Eine Zwischennutzung in der Zwischenzone. Doch diese kleine Bühne reicht heute völlig aus für ihn, Svenonius führt sein erstes Soloalbum auf.

Dabei ist sein Feind über die Jahre sogar noch grösser geworden – Svenonius nimmt es schliesslich stets direkt mit dem Imperium auf. Mit seiner ersten Band Nation of Ulysses goss er einst Gesellschaftstheorie in anarchistischen Hardcore und legte mit dem ersten Album ein Programm zur Zerstörung Amerikas in dreizehn Punkten vor («13-Point Program to Destroy America», 1991). Auch heute noch strotzt er vor revolutionärer Ermunterung: «Rome Wasn’t Burnt in a Day» heisst ein besonders beschwingter Song vom neuen Album. Doch dann erinnern wir uns wieder an den Namen dieser Einmannband und an die andere Seite der Rock-’n’-Roll-Dialektik: Escape-ism.

Die Bühne ist ein Irrenhaus

«Dies ist ein Workshop», stöhnt Svenonius zwischen zwei Songs. Die Lektion: die Ermächtigung des Publikums durch Gedankenkontrolle, Befreiung durch Unterwerfung also. Rock ’n’ Roll ist bei Svenonius nie nur Revolution, sondern immer auch die ideologische Stimme der Macht. Eine Stimme, die mit Melancholie beschlagen ist: «Es ist kalt und einsam hier oben», singt er, während nur noch der Drumcomputer leise hinter ihm pocht. Wie also hier raus?

Svenonius hat einmal geschrieben, die Bühne sei ein kleines Irrenhaus für den Künstler, ein Ort, wo er den Kampf mit der Vernunft aufnehme. Tatsächlich kann man sich bei Svenonius nie sicher sein, ob er die Gesten der Rockmusik gerade verkörpert oder doch immer nur persifliert. Gut, als er zum Abschluss seine Gitarre noch schnell wie Jimi Hendrix mit den Zähnen spielt, ist die Sache klar. Aber wenn er sich in seinem Anzug wie der grosse Entertainer James Brown, von dem er das Wort «Escape-ism» geklaut hat, vor uns aufstellt und durch den Raum schreit, dann ist da auch sehr viel Lust an der Macht zu spüren.

Hier an diesem Ort klingt das mit der Stimme der Macht für sich genommen erst einmal witzig, denn ganz oben ist Svenonius höchstens, wenn es um seine Reputation im US-Underground geht. Doch Anfang des Jahrtausends hätte er ganz oben einsteigen können. Da wurde er doch tatsächlich von den Leuten von Rage Against the Machine angefragt, ob er als Sänger mit deren neuer Band Audioslave proben wolle. Ein guter Witz – wenn Rockmusik heute noch Vitalität besitzt, dann wegen Leuten wie Svenonius und trotz Bands wie Audioslave.

Sprengkörper in der guten Stube

Doch so etwas würde er selber wohl nie sagen. Denn für Svenonius ist die Geschichte des Rock ’n’ Roll eben nie einfach eine Verfallsgeschichte mit klarer Tendenz. Stattdessen trägt dieser immer beide Potenziale in sich, ein einfaches Oben oder Unten kann es also nicht geben.

Das lässt sich zum Beispiel in seiner satirischen Essaysammlung «Censorship Now!!» (2015) nachlesen, aus der auch die Bemerkung mit der Bühne als Irrenhaus für den Künstler stammt. Diese Essays sind gewitzte kleine Molotowcocktails, die Svenonius ins Wohnzimmer des Common Sense schmeisst. Wie der titelgebende Text, in dem er eine universelle Zensur der Kunst von unten zur Aufhebung aller Ideologie fordert. In der Kunst der stalinistischen Satire kann Svenonius sogar dem Philosophen Slavoj Zizek das Wasser reichen.

In seinen Essays streift Svenonius zwar so disparate Themen wie die Religiosität von Trinkgeldritualen oder Zucker als Stimulationsmittel imperialer Herrschaft. Aber etwas zieht sich wie das Rückgrat seiner satirischen Vernunft durch die Texte hindurch: die Verstrickung des Rock ’n’ Roll mit dem Kalten Krieg, der innere Zusammenhang zwischen libidinöser Befreiung und Kulturimperialismus.

Vom Twist zum Porno

Am schönsten fängt Svenonius diesen Widerspruch anhand des Ende der fünfziger Jahre aufkommenden Twisttanzes ein. Im Twist, den man im Gegensatz zu den zuvor beliebten Paartänzen für sich alleine tanzt und der einen Boom von Individualtänzen ausgelöst hat, sieht Svenonius die Keimzelle der entfremdeten Sexualität, die sich später in der Hardcorepornografie voll entfaltet. Die Explosion der Rockmusik und der Anzahl SexpartnerInnen pro Person in den sechziger Jahren bedeutet demnach nicht nur mehr, sondern auch weniger Sex. So habe sich die neckische, spannungsgeladene Tanzkultur in drogeninduzierte Passivität aufgelöst.

Während solche Passagen keineswegs direkt satirisch daherkommen, schiesst Svenonius an anderen Stellen auch mal mit gröberem Geschütz. Für wen eigentlich, fragt er, wurden in den achtziger Jahren all diese Videokassetten mit infantilen Dokumentationen und Pornos produziert? Die Antwort ist klar: für Aliens, denen wir damit den Kapitalismus und so den Grund für das Ende des Planeten erklären. Der entscheidende Hinweis: Wenn all diese Pornokörper so glatt rasiert sind, dann wollen wir damit wohl auch eine haarlose Spezies ansprechen. Die Menschheit als eine Horde rasierte Aliens – wieso nicht!

Ausweglos im Imperium

Wenn Svenonius immer wieder die Ausweglosigkeit der Kulturindustrie beschreibt, scheint ihn vom philosophischen Berufspessimisten Theodor W. Adorno oft nur noch der Humor zu trennen. In perfekter Symbiose treiben Ikea und Apple bei Svenonius die Atomisierung der Menschen voran, um die Schutzlosen auszubeuten: Pärchen verzweifeln beim Bauen von Möbeln, trennen sich, kaufen mehr Möbel – und MacBooks. In ihrer romantischen Desillusionierung sitzen sie alleine vor dem Bildschirm und konsumieren dann eben auch wieder, nun ja, Pornos.

Aber bei alledem glaubt Svenonius eben auch an die Kraft des Rock ’n’ Roll, vor allem des Punk. Jedenfalls schwingt im Essay über dessen Gentrifizierung durch College Rock und Indie eine echte Traurigkeit mit. Doch einfach Punk sein und auf authentisch machen wäre ihm auch zu naiv. So löst sich am Schluss alles in seiner Performance auf. In Zürich sagt er dazu: «Die haben das Machtmonopol, aber wir haben unsere eigenen Methoden: Repetition, Erschöpfung und eine Message.»

Ian F. Svenonius: «Censorship Now!!». Akashic Books. New York 2015. 224 Seiten. 24 Franken.

Ian F. Svenonius: «22 Strategien für die erfolgreiche Gründung einer Rockband». Metrolit Verlag. Berlin 2014. 320 Seiten. 27 Franken.

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