Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Anatomie einer Kampagne

Wenn rechte Medien zusammenspannen: Wie ein breiter antiintellektueller Feldzug in die personalisierte Jagd auf eine Genderforscherin mündete.

Von Daniela Janser und Florian Keller (Text) 
­­und ­Patric Sandri ­(Illustration)

Am Ende der Jagd hatte die «Basler Zeitung» ihre vermeintliche Trophäe. Ihre Kampagne gegen die in Basel tätige Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach gipfelte am 28. November in der triumphierenden Headline «Schutzbach verliert Lehrauftrag». Der Artikel zur Schlagzeile suggerierte, die Beiträge in der «BaZ» hätten die Universität Basel zu diesem Schritt bewogen.

Bloss, die Trophäe war eine Attrappe. Es war ein Fall von Vorspiegelung falscher Tatsachen: Die «BaZ» erweckte den Eindruck, als habe sie erfolgreich zur Absetzung einer unliebsamen Dozentin beigetragen, und musste dafür gar ein Zitat des Dekans der Universität verfälschen. Dieser hatte eigentlich deutlich gemacht, dass für Schutzbach im nächsten Semester gar kein Lehrauftrag vorgesehen war, den sie hätte verlieren können.

Die Kampagne gegen eine Doktorandin und gelegentliche WOZ-Autorin war nur der letzte lokaljournalistische Ausläufer einer Reihe antiintellektueller Angriffe und Abrechnungen, die schon viel früher ihren Anfang nahmen. Und zwar nicht bei der «BaZ», die Christoph Blocher gehört, sondern bei der «Weltwoche» von SVP-Nationalrat Roger Köppel.

Der verlorene Prozess

Am Anfang steht ein verlorener Prozess. Am 28. September muss Köppel in der «Weltwoche» ein Urteil des Bezirksgerichts Zürich abdrucken, das eine Klage der Geschichtsprofessorin Svenja Goltermann und des Geschichtsprofessors Philipp Sarasin mehrheitlich gutgeheissen hatte. Dabei ging es um eine Artikelserie, in der Philipp Gut, Köppels rechte Hand, wiederholt behauptet hatte, bei Goltermanns Berufung an die Universität Zürich seien Ausstandsvorschriften verletzt worden. Das Gericht beschied, diese Aussagen seien widerrechtlich, alle Artikel müssten nicht nur aus dem Archiv der Zeitung, sondern auch aus der Mediendatenbank SMD und bei der Suchmaschine Google gelöscht werden.

In der Woche darauf holt Roger Köppel zu einem grossen Rundumschlag gegen die «Arroganz» der Intellektuellen aus, die sich «leicht verführen» liessen. Unter der Schlagzeile «Die Dummheit der Gescheiten» arbeitet er sich an marxistisch, stalinistisch oder nationalsozialistisch korrumpierten Gelehrten ab. In einer abenteuerlichen historischen Reihe von seines Erachtens fehlgeleiteten Denkern, von Max Weber über Carl Schmitt bis zu Max Frisch, Niklaus Meienberg und Adolf Muschg, kommt er etwas unvermittelt auch auf Philipp Sarasin zu sprechen. Dieser stehe am Historischen Seminar der Universität Zürich für eine «Atmosphäre ideologischer Verengung». Köppels Fazit: «Hören wir deshalb auf, zu sehr auf Intellektuelle zu hören.»

Schon zwei Wochen später schlägt der SVP-Intellektuelle Christoph Mörgeli, entlassener Konservator des medizinhistorischen Museums der Universität Zürich und Autor der «Weltwoche», diesen Appell seines Chefs in den Wind, als er unter der Überschrift «Politische Wissenschaften» nachlegt: Sarasin und Goltermann würden zum linken Netzwerk des «erklärten Marxisten» Jakob Tanner, emeritierter Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, gehören. Und auf der Onlineplattform «Geschichte der Gegenwart» äusserten sich «Universitätsdozenten mit linkspopulistischem Weltbild regelmässig zur Tagespolitik». Früher sei die Uni bürgerlich geprägt gewesen, heute gäben hier die Linken den Ton an.

Ein Blog als Feindbild

Die Sache nimmt langsam Fahrt auf. Ende Oktober leistet Andreas Kunz, Ex-«Weltwoche» und heute Koredaktionsleiter der «SonntagsZeitung», dem abgewählten SVP-Nationalrat Mörgeli Schützenhilfe mit einer flapsigen und latent deutschenfeindlichen Attacke: «Wie die Uni Zürich Politik macht». Zielscheibe ist wiederum der Blog «Geschichte der Gegenwart». Dieser zeige, dass Mörgeli mit seiner alten Kritik an den Professorenkollegen recht gehabt habe: «viel zu links, viel zu konformistisch und ohnehin viel zu deutsch». Oder wie Kunz bekräftigt: Auf dem Blog würden «Schmallippigkeit» und «Meinungskolchose» regieren, Roger Köppel werde gar der Titel eines «Hasspredigers» verliehen. Wer allerdings den fraglichen Beitrag von Kijan Espahangizi liest, staunt über diese sinnentstellende Verkürzung. Köppel werde, so heisst es bei Espahangizi, «quasi als Dauergast in deutsche Talkshows eingeladen, um – man könnte meinen wie ein Hassprediger – Dinge zu sagen, die in Deutschland sonst (noch) nicht einfach sagbar sind».

Das Feindbild ist damit etabliert: ein Blog zur Zeitgeschichte, der auch, aber längst nicht nur den begrifflichen Verdrehungen und anderen rechtspopulistischen Strategien nachspürt. «Beste Radikalaufklärung» bescheinigte die NZZ letztes Jahr etwa einem Beitrag von Philipp Sarasin. Reichweite dieser Onlineplattform: knapp 7000 Personen, die «Geschichte der Gegenwart» auf Facebook abonniert haben.

Zehn Tage nach Kunz lädt wiederum die «Weltwoche» in Gestalt ihres stellvertretenden Chefredaktors Philipp Gut – etwas hochgestochen – zur «Textanalyse». Im Visier hat auch er den Blog «Geschichte der Gegenwart» und dessen «Drahtzieher und Kopf» Philipp Sarasin, gegen den er gerade den Prozess verloren hat. Der Befund von Guts Abrechnung: Der Blog sei inhaltlich monoton, «Donald Trump, der Rechtspopulismus, die AfD sowie die SVP, die SVP, die SVP» – dazu immer wieder die «Weltwoche», die direkte Demokratie und «mit Vorliebe» auch Christoph Blocher. Fast könnte man meinen, Gut beschreibe hier das Themenspektrum seines eigenen Blatts. Ausserdem wiederholt er den Vorwurf seines Exkollegen Kunz, Köppel werde von «Geschichte der Gegenwart» als Hassprediger tituliert. Dass eine Aussage nachweislich verfälscht ist, scheint nebensächlich: Entscheidend ist die Macht der Wiederholung.

Auf die Frau gespielt

Entscheidend für den weiteren Verlauf der Geschichte ist aber vor allem dies: Unter der Schlagzeile «Paarlauf gegen Andersdenkende» erweitert Gut den Kreis jener AkademikerInnen, die sich seiner Meinung nach ihrer Meinungsäusserungsfreiheit etwas zu freizügig, will heissen: in die falsche Richtung bedienen. Er ergänzt diesen Kreis um einen weiteren Namen: «Niemand führt uns den Bankrott des liberalen Denkens und die Geringschätzung demokratischer Institutionen so plastisch vor Augen wie die Genderforscherin, Feministin und Mitherausgeberin von ‹Geschichte der Gegenwart› Franziska Schutzbach.»

Als Beleg zitiert Gut aus einem alten Text, den Schutzbach im Mai 2016, also eineinhalb Jahre zuvor, auf ihrem privaten Blog «Präzis und kopflos» publiziert hat. Darin denkt sie laut darüber nach, wie der Rechtspopulismus in Europa wirksam bekämpft werden könnte. Sie ruft zu zivilem Ungehorsam auf und versteigt sich in ihrem «utopischen Gedankenspiel» auch zur Idee, Taxis oder Fluggesellschaften könnten keine Rechtsnationalen mehr transportieren. Ungeschickt und überzogen? Mag sein. Aber ein antidemokratisches Bekenntnis? Für Äusserungen wie diese, so Gut in einer scheinheiligen Volte, hätten Schutzbach und ihresgleichen normalerweise sofort die Analogie zum Nazislogan «Kauft nicht bei Juden» parat. Bloss dass er es hier selber ist, der diesen Vergleich zwischen heutigen RechtspopulistInnen und an Leib und Leben verfolgten JüdInnen in Nazideutschland ins Spiel bringt.

Plebiszit gegen Andersdenkende

Guts «Paarlauf gegen Andersdenkende» – mit dem Paar sind Goltermann/Sarasin gemeint – wird zum Startschuss für eine Jagd auf die Andersdenkende Franziska Schutzbach, denn jetzt nimmt Blochers «BaZ» den Faden auf. Dort behauptet ein junger Journalist in mehreren Artikeln hartnäckig, die Doktorandin sei gegen die Meinungsäusserungsfreiheit und daher als Mitarbeiterin der Universität Basel nicht mehr tragbar. Journalistische Sorgfalt scheint dabei zweitrangig: Es wird mutwillig zugespitzt, eine Onlineumfrage soll klären, ob die «Dozentin» noch tragbar sei, PolitikerInnen verschiedener Parteien werden gebeten, isolierte Sätze von Schutzbach zu kommentieren. Die SVP fordert bald und absehbar deren Entlassung, derweil der Chefredaktor der «BaZ» in seinem samstäglichen Leitartikel predigt, der wahre Journalist lege sich stets mit den Mächtigen an.

Die Kampagne der «BaZ» ist in vollem Gang, als bei der «Weltwoche» wiederum Titularprofessor Christoph Mörgeli auf zwei Seiten den «universitären Ungeist» anprangert, den er in der Person von Franziska Schutzbach und ihren verfassungsfeindlichen «Boykottfantasien» ausmacht. In der Woche darauf will dann offenbar auch die NZZ noch auf das Thema aufspringen. Unter der martialischen Schlagzeile «Professor im Gefecht» zieht sie ein kaltes Porträt von Philipp Sarasin aus der Schublade. In der Stossrichtung nicht direkt politisch, zielt auch dieser Beitrag auf den Blog «Geschichte der Gegenwart». Redaktionelle Sorgfalt? Auch hier zweitrangig. Die ehrenrührige Falschmeldung, Sarasins «letzte wissenschaftliche Arbeit» liege acht Jahre zurück, wurde in der Onlineversion inzwischen zwar korrigiert. Der unverhohlene Vorwurf aber bleibt: Der Professor schreibe zu wenig Bücher, weil er seine Prioritäten auf die «politisierte Online-Publizistik» verlagert habe.

Zurück in den Elfenbeinturm!

Die Kampagne gegen Schutzbach trägt die bürgerliche NZZ nicht mit. Im Gegenteil, in einem kurzen Kommentar zur Sache rechnet Marc Tribelhorn dort den federführenden Medien ihre Inkonsequenz vor und schwört stattdessen ganz liberal auf den Wettstreit der Ideen: «Wer die Meinungsäusserungsfreiheit ernst nimmt, toleriert auch Stimmen, die einen stören, provozieren oder blanken Unsinn verbreiten – solange kein Recht verletzt wird.» Bloss, ideologisch vorbereitet wurden die Attacken gegen die Basler Genderforscherin sehr wohl auch durch die NZZ: Spätestens seit März 2017 wird dort grossflächig und mit systematischer Regelmässigkeit gegen die Genderstudies angeschrieben.

Merke: Linke Intellektuelle sind für bürgerliche und rechtsnationale Medien höchstens dann geduldet, wenn sie sich nicht zu fleissig in den öffentlichen Diskurs einschalten, sondern brav ihre Bücher schreiben. Forschung gehört in den Elfenbeinturm. Und erst recht suspekt sind Intellektuelle, die neben ihrer Lehre unternehmerischen Geist zeigen und eine eigene publizistische Plattform ins Leben rufen, statt ihre Essays den bürgerlichen Feuilletons zur Verfügung zu stellen.

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