Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

An Europas Rändern

Vom afrikanischen Kontinent bis hinauf nach Finnland: Zwei spanische Reporter bereisten die Aussengrenzen der Europäischen Union – und machten daraus eine ungewöhnliche Fotoreportage in Form einer Graphic Novel.

Von Sonja Galler

Mithilfe bearbeiteter Fotografien vom Schrecken der Grenze erzählen: Ausschnitt aus dem Titelbild von «Der Riss». Illustration: Carlos Spottorno

Wenige Wochen nach dem Schiffsunglück vor Lampedusa, bei dem im Oktober 2013 über 350 Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer ums Leben kamen, schickt die Chefredaktorin von «El País» zwei Reporter los: «Fahrt dorthin, wo die Zäune und Polizisten sind, an die Trennlinie» lautet ihr Auftrag für den Fotografen Carlos Spottorno und den Journalisten Guillermo Abril.

Die beiden machen sich auf nach Melilla, in die dreizehn Quadratkilometer grosse spanische Exklave auf nordafrikanischem Boden, einen kleinen Hoffnungsstern für Abertausende von Geflüchteten: Wer hier reinkommt, hat es in die EU geschafft. Die wiederum reagiert mit einem geradezu surrealen Aufgebot an Grenzsicherungssystemen: Wärmebildkameras, Bewegungsmelder und meterhohe Stacheldrahtzäune sind die international üblichen Spielarten des modernen Sicherheitsapparats.

Ungleichheit unter dem Brennglas

Während nun die beiden spanischen Reporter kraft ihres Passes die Grenze schlendernd überqueren und sich abends bei einem Drink in der Hotellobby erholen, harren in den marokkanischen Wäldern am Gourougou im Rifgebirge Hunderte Menschen aus Ghana, Mali oder dem Senegal unter miserabelsten Bedingungen aus, um ihr Leben für den Grenzübertritt zu riskieren.

Schnell ist den beiden Spaniern klar, dass das, was sich in Melilla im Kleinen abspielt, ein Sinnbild für Grösseres ist. Die Ungleichheit ist hier wie unter einem Brennglas sichtbar. Was als Routineauftrag begann, wird für die Reporter zu einer mehrjährigen Obsession: die Erkundung jenes Saums, der die EU vom Rest der Welt trennt. Eines Saums, der den Lebensraum unterteilt in eine sichere und eine gefährliche Welt, wie ein Asylsuchender meint, den Spottorno und Abril unterwegs einmal treffen.

Feldtagebuch als Graphic Novel

Nach drei Jahren Arbeit, unzähligen Begegnungen und Dutzenden von Artikeln hat Spottorno 25 000 Fotos beisammen, Abril hat fünfzehn Notizbücher vollgeschrieben. Da beschliessen die beiden, ihr Material noch einmal in eine andere, für den Journalismus eher ungewöhnliche Form zu bringen: in die eines Comics. Was sie dabei reizt, sind die erzählerischen Möglichkeiten und die Gleichberechtigung von Text und Bild. Wie das aussieht, kann man sich im Band «Der Riss» anschauen: eine Graphic Novel ohne Zeichnungen, in der Spottornos Dokumentarfotos – farblich bearbeitet und zu Sequenzen arrangiert – Geschichten von der Grenze erzählen.

So reisen wir mit Spottorno und Abril in das grösste permanente Flüchtlingslager der EU auf Sizilien, werden ZeugInnen einer Rettungsaktion vor der libyschen Küste, und wir folgen der Odyssee Hunderttausender über die «Balkanroute».

Ein ganz anderer Schauplatz bietet sich wiederum an der östlichen EU-Grenze, wo die Nato, aufgeschreckt von Putins Expansionskurs, ihre Truppen in Stellung bringt. Im hohen Norden Finnlands schliesst sich der Kreis: Wie sich am Strand von Lampedusa die Flüchtlingsboote stapeln, so lagern hier Dutzende marode Ladas am Wegesrand.

Mal zoomt Spottornos Kamera auf die ProtagonistInnen: Er fängt den welterfahrenen Ausdruck eines afghanischen Flüchtlingsjungen ein, die ruhige und doch autoritäre Miene eines Kapitäns bei einer Rettungsaktion oder auch die Trauer im Antlitz einer an der Grenze abgefangenen Syrerin. Dann wieder interessieren ihn absurde Hinweisschilder im Niemandsland der Grenze oder die Monitore der Warschauer Frontex-Zentrale.

Fundstücke von Schiffbrüchigen

Gerade in diesem Zusammenspiel von Porträts, Detail- und Gesamtaufnahmen gelingt es Spottorno und Abril, selbst unübersichtliche Szenen plastisch einzufangen. Man meint, die lautstarken Tumulte in einem kroatischen Grenzort zu hören, man spürt die schweissnasse Erschöpfung der wartenden Massen und die sterile Melancholie in einer finnischen Aufnahmeeinrichtung.

Berührend sind auch ästhetisch eher zurückgenommene Passagen wie eine unkommentierte Doppelseite mit Fundstücken von Schiffbrüchigen: ein Pass, eine Zahnbürste, eine Plastikflasche mit Milchpulver – banale Alltagsgegenstände, die zu Spuren eines auf tragische Weise beendeten Lebens werden.

Der europäische «Riss», der dieser Graphic Novel den Titel gibt, ist für die Autoren ein doppeltes Bild. Es beschreibt nicht nur die Aussengrenze der EU, sondern auch die Kerben, die das Bündnis im Inneren bedrohen: Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, die Wiedereinsetzung und Militarisierung von Grenzen. Der leidenschaftliche Appell der beiden Autoren, sich auf Freiheit, Frieden und Solidarität als Kerngedanken der EU zurückzubesinnen, durchzieht das gesamte Buch. Denn mit all seinen Fehlern ist dieses geeinte Europa eine grosse, schützenswerte Errungenschaft, ein Sehnsuchtsort für viele.

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