Nr. 01/2018 vom 05.01.2018

Wo der Bolívar in den Himmel wächst

Die kolumbianische Stadt Maicao lebt von der Grenze mit Venezuela. Heute wird dort hauptsächlich Ware verkauft, die im Nachbarland unterschlagen wurde. Wer kauft sie? VenezolanerInnen.

Von Toni Keppeler (Text) und Luis Ángel (Fotos), Maicao

Zu dreissig Prozent des Tankstellenpreises: Ein Pimpinero verkauft in Maicao aus Venezuela geschmuggeltes Benzin.

La Guajira ist der wilde Nordosten Kolumbiens. Die Provinz, die als Halbinsel in die Karibik ragt, ist von der Natur nicht gesegnet; es ist schwülheiss, kaum ein Hügel steht dem ständig wehenden, salzhaltigen Wind vom Meer im Weg. Die Landschaft: irgendwo zwischen trockener Steppe und Halbwüste. Das wenige Grün reicht gerade für ein paar magere Rinder.

La Guajira lebt von der Grenze mit Venezuela. Zu Geld kommt man hier nur durch Handel, genauer: durch illegalen Handel. Die Städte nahe der Grenze sind Hochburgen des Schmuggels. Maicao etwa liegt mit dem Auto nur eine gute Stunde von Maracaibo entfernt, der Millionenstadt auf der anderen Seite der Grenze, Zentrum der venezolanischen Erdölindustrie.

Wer in Maicao an einer ordentlichen Tankstelle tankt, ist selbst schuld. Benzin kauft man hier auf der Strasse. Es sind keine fünfzehn Kilometer zur Grenze, der Treibstoff kommt von der anderen Seite. Dort ist Benzin trotz der schweren Wirtschaftskrise noch immer hoch subventioniert. Eine Gallone – knapp vier Liter – kostet nicht einmal einen Franken. In Maicao wird ein Kanister mit fünf Gallonen Normalbenzin – man nennt diese Behälter hier Pimpina, ihre VerkäuferInnen Pimpineros respektive Pimpineras – zu 12 000 Pesos (rund 4 Franken) gehandelt. Eine Pimpina Super kostet 14 000 Pesos (etwa 4.65 Franken). Das sind rund dreissig Prozent dessen, was an einer offiziellen Tankstelle verlangt wird.

Zehn Franken Gewinn am Tag

Auf dem Hauptplatz von Maicao: Hier gibt es so gut wie alles, was man in Venezuela nicht bekommen kann.

«Wenn es gut läuft, mache ich an einem Tag 30 000 Pesos» (das sind knapp zehn Franken), sagt Ana, die ihren Nachnamen verschweigt. Die 32-Jährige ist klein gewachsen und trägt eine bunte Schürze über T-Shirt und fleckigen Jeans. Mit ihrer Arbeit ernährt sie sich und ihre vier Kinder. Sie steht von sechs Uhr in der Frühe bis sieben Uhr am Abend an der Strasse, neben ihr ein paar Kanister, in der Hand einen Schlauch. Den Schlauch nimmt sie in den Mund, saugt das Benzin an und lässt es dann durch einen Filter in den Tank der Autos ihrer KundInnen laufen. «Der Filter ist wichtig», sagt sie. «Die Kunden werden sauer, wenn Dreck in den Tank kommt.»

Ihre Ware kauft Ana bei einem Zwischenhändler. «Ich weiss, dass es aus Venezuela kommt und dass es illegal ist», sagt sie. «Aber ich weiss nicht, wie es herkommt.» Kein Zwischenhändler ist zu einem Gespräch bereit. Wer zu viel fragt, dem schlägt schnell Aggression entgegen. Nach einer Schätzung des kolumbianischen Wirtschaftsministeriums werden im ganzen Land jedes Jahr mehrere Millionen Gallonen geschmuggeltes Benzin verkauft. Das meiste davon wurde vorher in Venezuela gestohlen.

Maicao ist mit diesem Geschäft gross geworden. Die Stadt wurde erst 1927 gegründet, heute hat sie rund 100 000 EinwohnerInnen. Die Strassen sind breit, der nackte Beton der klobigen mehrstöckigen Gebäude im Zentrum hat vom tropisch feuchten Klima grosse schwarze Flecken bekommen. Die Gehsteige reichen nicht mehr aus für die informellen Marktstände, die hier aufgebaut sind. Auf den Strassen staut sich hupend der Verkehr. In Maicao wird längst nicht mehr nur mit Benzin gehandelt.

«Hergestellt in Venezuela»

Seit die Versorgungskrise in Venezuela grösser und grösser geworden ist, kommen täglich Tausende über die Grenze. Manche, um sich selbst und die Familie mit dem Nötigsten einzudecken. Viele aber kaufen, so viel sie bekommen können, um es auf der anderen Seite mit ordentlichem Preisaufschlag auf den Schwarzmarkt zu werfen. Es gibt so gut wie alles in Maicao: Maismehl für Arepas, das Grundnahrungsmittel Venezuelas schlechthin; Milchpulver, Lebensmittel in Dosen, Ketchup und andere Saucen, Klamotten, Wasch- und Hygieneartikel. Fast alles trägt als Herkunftsbezeichnung «Hecho en Venezuela» (hergestellt in Venezuela); und das, obwohl dort angeblich so gut wie nichts mehr produziert wird.

Die Ware, die in Maicao angeboten wird, wurde vorher in Venezuela in staatlichen Lagern unterschlagen und dann über einen der rund dreissig illegalen Grenzübergänge der Provinz nach Kolumbien gebracht. Dort wird sie verkauft und wieder zurückgebracht. Die Schleife über Kolumbien mag sinnlos erscheinen. Aber die Waren werden auf dem Hin- und Rückweg fünfzig oder gar hundert Mal teurer – ein rundes Geschäft für das organisierte Verbrechen, ein bisschen fällt auch für die VerkäuferInnen ab.

Für Schmuggelware werden in Kolumbien keine venezolanischen Bolivares akzeptiert, nur kolumbianische Pesos. Die EinkäuferInnen von jenseits der Grenze müssen zuerst eineN der illegalen GeldwechslerInnen aufsuchen. Viele von ihnen sitzen versteckt in Nischen zwischen den Häusern, vor sich einen Tisch mit hohen Stapeln aus Geldscheinen, daneben einen Taschenrechner. Allein im Zentrum von Maicao gibt es ein paar Dutzend WechslerInnen. In der gut 200 Kilometer weiter im Süden gelegenen zehnmal so grossen Grenzstadt Cucuta sollen es sogar über 3000 sein. An ihren Tischen verfällt der Preis des Bolívar beinahe jede Stunde. Der Kurs, der hier geboten wird, bestimmt den Schwarzmarktpreis in Venezuela und hat die dortige Inflation bis an die Tausendprozentmarke getrieben.

Krieg? Jedenfalls Raffgier

Für Venezuelas Präsident Nicolás Maduro ist dies Teil eines Wirtschaftskriegs gegen seine Regierung. Ob tatsächlich politisch motivierte Sabotage hinter dem illegalen Handel steckt, lässt sich in Maicao nicht belegen. Ganz sicher aber ist skrupellose Raffgier im Spiel.

Die ersten VenezolanerInnen kommen lange vor dem Morgengrauen am Simón-Bolívar-Platz an, meist auf Lastwagen mit Gattern auf der Ladefläche, die für den Viehtransport gedacht sind. Die illegalen Grenzübergänge werden von bewaffneten Banden kontrolliert, die Wegegeld verlangen. Auch die Grenzer am offiziellen Übergang wollen bezahlt werden, wenn sie die mitgeführten Waren übersehen sollen.

Knapp hundert der VenezolanerInnen, die täglich in Maicao ankommen, wollen bleiben und in Kolumbien Arbeit suchen. Nach Schätzungen der Einwanderungsbehörde in Bogotá haben sich in den vergangenen beiden Jahren 470 000 Menschen aus dem Nachbarland in Kolumbien niedergelassen. Nur 67 000 von ihnen haben ein Arbeitsvisum. Alle anderen suchen nach einer informellen Arbeit. «Sie drücken die Löhne», beschwert sich Alvira, die ihren Job in einer Bäckerei verloren hat und nun ihre drei Kinder als Pimpinera über die Runden bringt. «Der staatlich festgesetzte Mindestlohn liegt bei etwas über 800 000 Pesos im Monat», sagt sie. «Die Leute aus Venezuela arbeiten auch für 300 000.»

Trotzdem sind die meisten von ihnen arbeitslos und halten sich im Stadtpark auf, manche schon seit Monaten. Sie betteln, abends bringen bisweilen mitleidige AnwohnerInnen ein bisschen Essen vorbei. Als aber eine Nachbarschaftsinitiative eine Suppenküche für die gestrandeten VenezolanerInnen einrichten wollte, wurde sie von der Polizei vertrieben. Zwar werden die illegalen EinwanderInnen nicht abgeschoben. Die Behörden wollen aber auch nicht, dass sie durchgefüttert werden und bleiben. Sie sollen irgendwann so hoffnungslos sein, dass sie von alleine verschwinden.

Alejandra, die ihren Nachnamen auch nicht nennen mag, wird vorerst bleiben. Sie hat es geschafft. Die grosse, von der Sonne dunkel gebrannte 23-Jährige aus Maracaibo steht zusammen mit anderen Pimpineros an der Strasse und verkauft geschmuggeltes Benzin. Von ihrem Gewinn leben ihre Mutter und ihre beiden jüngeren Geschwister, drüben, auf der anderen Seite der Grenze. «Das ist alles andere als ein Paradies hier», sagt Alejandra. «Das Essen ist teuer. Und die Miete: In Venezuela bezahlen wir nichts fürs Wohnen.» Aber dort sei es eben seit zwei Jahren noch härter. «Meine Landsleute sind blöd», sagt sie. «Sie kaufen hier teure Waren aus Venezuela ein, verkaufen sie dort noch viel teurer und beschweren sich dann über die Preise.» Sie wenigstens verkaufe das geschmuggelte Benzin an KolumbianerInnen.

Ihr einziges Problem ist die Polizei. «Natürlich muss die ab und zu etwas tun», sagt die Pimpinera. «Was ich hier mache, ist verboten.» Gelegentlich gebe es eine Razzia. Und wenn es mal wieder so weit sei, klemme sie zwei Kanister unter die Arme und renne. Wenn sie ein paar Pimpinas zurücklassen muss, ist der Tagesgewinn verloren. «Abends aber, wenn es dunkel ist, kommen dieselben Polizisten und kaufen ihr Benzin bei mir.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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