Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Ein Jahr in der Kleinklasse

Von Marcy Goldberg

Im Volksmund heisst die Schule der Fondation de Verdeil «école des Philosophes», weil sie an der Rue des Philosophes in Yverdon steht. Hier werden Kinder mit schweren geistigen und zum Teil auch körperlichen Behinderungen unterrichtet. Und hier hat der Westschweizer Dokumentarfilmer Fernand Melgar ein Jahr lang eine Kleinklasse begleitet.

Am Anfang des Films stehen die Kinder kurz vor der Einschulung. Es sind aber vor allem die Eltern, die nervös sind. Mehrere von ihnen erzählen der Schulleitung, dass sie seit Jahren keine einzige Nacht durchschlafen konnten. Ihre Kinder in die Schule zu schicken, bedeutet für sie möglicherweise eine Entlastung, doch die ganztägige Trennung löst auch Schuldgefühle und Sorgen aus. Im Kontrast dazu sehen wir die ruhigen und sachlichen Reaktionen der Lehrpersonen. Sie nicken verständnisvoll und notieren alles: Dosierung von Medikamenten, Essgewohnheiten, psychomotorische Störungen und vieles mehr.

Am ersten Schultag kann ein Teil der Kinder gar nicht sprechen, andere hören nicht auf zu schreien. Einige sind im Rollstuhl, andere können nicht still sitzen. Doch die Lehrerinnen und Assistentinnen empfangen sie unerschrocken. Der Schultag beginnt mit Singen, die Tagesstruktur wird mit äusserster Geduld und sanfter Strenge erklärt.

Über Wochen und Monate beginnen die Kinder sich zu entfalten. Dass sie gerne in diese Schule gehen, ist offensichtlich. Gleichzeitig erzählen die Eltern nach und nach aus deren Vorgeschichte, wie und wann sie erstmals merkten, dass ihr Kind sich anders oder gar nicht entwickle. Und sie erzählen von erschütternden ärztlichen Prognosen: dass ihr Kind nie werde reden lernen oder dass es jederzeit sterben könne. Die Mutter eines Mädchens mit Downsyndrom wehrt sich vehement gegen die Aussage von Verwandten, ihre Tochter sei nicht «normal». Obwohl die Eltern die oft erstaunlichen Fortschritte der Kinder während dieses ersten Schuljahrs bejubeln, müssen sie zudem feststellen, dass ihre Kinder – und auch sie selber – nie ein einfaches Leben haben werden.

Fernand Melgar ist bekannt geworden mit seinen dokumentarischen Beobachtungen in einer Empfangsstelle für Asylsuchende («La Forteresse», 2008), einem Ausschaffungsgefängnis («Vol spécial», 2011) und einer Notschlafstelle («L’Abri», 2014). In klassischer «Direct Cinema»-Manier verzichtet er stets auf Interviews und Offkommentar. Er filmt aus nächster Nähe, aber mit viel Respekt, und lässt die Szenen für sich sprechen. All seine Filmen messen die Gesellschaft daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht: Menschen, die anders sind als die anderen und die oftmals am Rand stehen. So erinnert uns Melgar ständig daran, dass jedes Leben Würde verdient. Und dadurch wird eigentlich jeder seiner Filme zur Philosophenschule.

In: Solothurn, Landhaus, Mo, 29. Januar 2018, 14.45 Uhr.

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