Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Die Meisterin der Anverwandlung

Die jamaikanische Sängerin Grace Jones hat die Rolle der Performerin revolutioniert. Wie sie dabei ein utopisches Potenzial öffnete, zeigt der Film «Bloodlight and Bami» in ganz alltäglichen Aufnahmen.

Von Klaus Walter

Ein Star ist jemand, dem man gerne zuschaut, auch wenn er belanglose Dinge tut: Grace Jones 2013 in London. Foto: David M. Benett, Getty

Ein etwas überstrapaziertes Bonmot aus dem Einmaleins des Popjournalismus besagt, dass man einer grossen Sängerin, sagen wir Aretha Franklin, auch gerne zuhört, wenn sie das Telefonbuch von Detroit runtersingt. Der Film «Bloodlight and Bami» geht davon aus, dass man einer grossen Performerin wie Grace Jones auch gerne zuschaut, wenn sie das Telefonbuch von Graubünden liest. Mehr als zehn Jahre hat die britische Regisseurin Sophie Fiennes ihren Star für den Film begleitet.

Grace Jones kennen wir als Sängerin, Musikerin, Model, Schauspielerin, Autorin – als Performerin. «The performer out there takes the risk», sagt sie im Film und performt bei einem Champagnerfrühstück in einem Pariser Luxushotel einen leicht delirierenden Monolog. Sie spricht, als hätte sie schon vor dem Frühstück den einen oder anderen Champagner gehabt.

«Der Performer da draussen trägt das Risiko, wenn der Strom ausfällt, wenn das Licht ausgeht. Aber selbst dann kann ich noch performen und das Publikum fesseln. Im Dunkeln, mit meiner Stimme.» Dabei ist Grace Jones keine grosse Vokalistin, keine Ella Fitzgerald, keine Aretha Franklin, auch keine Beyoncé. Aber ihre tiefe Stimme strahlt Dominanz aus.

Beim Champagnerfrühstück trägt Grace Jones einen Pelzmantel, dazu eine Pudelmütze. Sonst nichts. An passender Stelle lässt sie den Pelz verrutschen und gibt den Blick frei auf ihren nackten Körper. Der Körper einer Frau von bald siebzig. Nacktheit sei doch selbstverständlich, sagt sie, zu ihrer Zeit als Model seien in der Garderobe immer alle nackt gewesen. Bis heute betritt sie die Bühne mehr oder weniger nackt, mal mit Bodypainting, mal im knappen schwarzen Korsett auf High Heels, die die meterlangen Beine noch mal verlängern.

Bruch mit Formaten

Einige denkwürdige Auftritte im Film machen klar, wie Grace Jones die Rolle der Performerin revolutioniert hat. Das musikalische Fundament kommt aus der Karibik, von einer der grössten Rhythmusgruppen. Sly & Robbie an Drum und Bass erschaffen Ende der Siebziger unter der Regie von Chris Blackwell und Alex Sadkin in den Compass Point Studios auf den Bahamas einen neuen Signatursound. Die Heiss-Kalt-Schwarz-Weiss-Kreuzung aus Dub und New Wave findet den Körper ihrer Bestimmung in Grace Jones, einer Mannfrau, die in Jamaika zur Welt kommt, aber keine Reggaesängerin wird, die in den USA aufwächst, aber nicht zur Soulqueen taugt, und als Discodiva scheitert.

Das Scheitern in den rigiden und – für eine schwarze Frau mit ihrem Aussehen und ihrer Geschichte – rassistisch konnotierten Genre-Formaten wird in der Post-Punk-Ära, die mit Formaten bricht, zur Chance: Grace Jones entwirft für sich eine neue Pop-Persona, die transgressive Performautorin. Sie hat keine grosse Stimme, aber ihre Stimme dominiert, und, bei den Liveszenen in diesem Film wunderbar zu sehen: Sie ist keine grosse Autorin, aber sie verwandelt sich anderer Leute Songs an und gibt ihnen dadurch neue Bedeutung und Relevanz. Insbesondere, wenn diese anderen Leute Männer sind.

«Nightclubbing, we’re nightclubbing, we’re what’s happening», kommandiert Grace und ist noch intensiver happening als Iggy Pop in seinem koksnarzisstischen Original (nicht dass es an Koks gefehlt hätte im Nightclubbing à la Grace). In «Walking in the Rain», einem eher unscheinbaren Song der australischen Band Flash and the Pan, stellt sie die Schlüsselzeile derart effektiv-affektiert aus, dass man sie auf der Stelle autobiografisch lesen möchte: «Feeling like a woman looking like a man».

Das für Grace Jones immer wieder verwendete Attribut «androgyn» greift viel zu kurz: Wenn sie sich mit dominantem Habitus heterosexuell markierte Songs weisser Männer unter den Nagel reisst, dann unterminiert sie die herrschende Ordnung von Gender und Race im Pop und öffnet so – euphorisch gedacht – einen utopischen Raum. Wenn sie sich Roxy Musics «Love Is the Drug» aneignet, reklamiert sie das Recht auf freizügigen, süchtig machenden Sex für sich und stellt das männliche Privileg auf selbigen infrage. Grace Jones hat herausgefunden, dass Männer es attraktiv finden, wenn sie ihnen als «woman looking like a man» neben der Lust auch ein bisschen Angst macht.

Lust am Kontrollverlust

Ein weiterer Song, den Grace covert, ist «She’s Lost Control» von Joy Division. 1980 nimmt sich der Sänger der Band, Ian Curtis, mit 23 Jahren das Leben. Er hatte jahrelang an Epilepsie gelitten, im England des heraufziehenden Thatcherismus wird sein Tod allerdings umgehend als Symptom einer gesellschaftlichen Depression gedeutet, die «No Future», von der die Sex Pistols sangen, war nun eingetroffen. Im selben Jahr covert Grace Jones den Song, der heute als Klassiker gilt. Die Protagonistin verliert angesichts ihrer epileptischen Anfälle die Kontrolle über ihr Leben. Curtis erzählt seine Leidensgeschichte mit Grabesstimme in dritter Person und switcht zwischen den Geschlechtern: Sie hat die Kontrolle verloren und sagt über sich selbst: «I’ve lost control.» Grace Jones gibt dem Song einen doppelten Boden. Einerseits kann kein Mensch «She’s Lost Control» hören, ohne Curtis vor sich zu sehen. Andererseits schwingt bei Jones in der Angst vor dem Kontrollverlust eine ekstatische Lust am Kontrollverlust mit, er bekommt eine sexuelle Dimension, wenn sie in die erste Person wechselt: «I’ve lost control.»

Natürlich wissen wir, dass Grace Jones, die Meisterin des «double entendre», auch im Kontrollverlust niemals die Kontrolle verliert. Die Ausnahme ist Jean-Paul Goude. Er sei der einzige Mann, der ihr jemals weiche Knie gemacht habe, sagt Grace Jones im Film zu ihrem Exgatten. Der französische Designer und Werbefilmregisseur Goude war massgeblich an der Erschaffung der Grace-Jones-Figur in den frühen Achtzigern beteiligt. Er habe sich die ebenso umstrittenen wie unauslöschlichen Bilder ausgedacht, so sagt es die Legende: Die Citroën-Werbung 1984, das Auto fährt in den offenen Mund von Grace Jones. Die schwarz glänzende Grace als Raubtier nackt im Käfig.

Die Inszenierungen wurden als rassistisch und sexistisch kritisiert, Grace Jones lasse sich von ihrem weissen Erfindermann zum Objekt kolonialer Männerfantasien machen. Diese Kritik wollte sich schon damals nicht recht vertragen mit dem extrem selbstbewussten Auftreten der Performautorin Grace. In «Bloodlight and Bami» kommt das vermeintlich spektakuläre Geständnis, Goude habe ihr weiche Knie gemacht, eher kontrafaktisch daher: Vielleicht habe ich dich mal gebraucht, aber das ist vorbei.

Ihren Warhol begriffen

Der Filmtitel «Bloodlight and Bami» heisst auf Jamaikanisch «Bühnenlicht und Brot». Jones gewährt Regisseurin Fiennes im Film Zugang zu Garderoben und Badezimmern, zu Büros und Tonstudios, Backstage und Upstage, und sie nimmt sie mit nach Hause: Im überirdisch grünen, ländlichen Jamaika ist die Kamera dabei, wenn ihre inzwischen verstorbene alte Mutter in der Pfingstgemeinde den Gospel singt. Wir sehen Grace mit Familie und Freunden, zwischen Hühnerstall und Blauer Lagune, schwimmend, am Esstisch in der Wohnküche mit dem Enkel im Arm.

In anderen Szenen zeigt die Regisseurin die Künstlerin ungeschminkt, derangiert, besoffen, genervt. Also endlich mal der schonungslose, enthüllende Blick hinter die Fassade einer makellosen Diva? Quatsch. Fiennes hat alles andere im Sinn als eine Entmystifizierung oder gar eine Demontage. Sie hat ihren Warhol begriffen: Ein Star ist jemand, dem man gerne zuschaut, auch wenn er belanglose Dinge tut. Also zeigt sie Grace Jones, die belanglose Dinge tut. Ich könnte mir das stundenlang anschauen. Am 19. Mai wird Grace Jones siebzig Jahre alt.

«Bloodlight and Bami» läuft jetzt im Kino.