Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Die todsichere Beziehungsformel

Von Daniela Janser

Es gibt Regisseure, von denen will man jeden Film gesehen haben. Sogar wenn sie allem Anschein nach von einem misslaunigen Londoner Schneidermeister handeln, der in den fünfziger Jahren reichen Damen edle Roben nach Mass näht. Das klingt zum Gähnen, aber eben, der Regisseur heisst Paul Thomas Anderson («Magnolia», «The Master») und sein neuer Film «Phantom Thread». Vielleicht ist es kein Zufall, dass die meisten KritikerInnen, die den Film mit dem Phantom im Titel rezensieren sollten, lieber ausführlich von Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis schwärmen. Day-Lewis hat ja angedroht, dieser Schneidermeister namens Woodcock werde seine letzte Rolle sein. Und gewiss ist «Phantom Thread» auch das Denkmal für einen Ausnahmeschauspieler, der sich seine Filmstoffe so akkurat auf den Leib schneidert wie der kauzige Woodcock im Film die kostbaren Stoffe auf die Körper der Damen.

Vor allem aber ist «Phantom Thread» ein exquisites Täuschungsmanöver, das sich schichtweise vor uns entblättert: Es kommt daher als gediegener Kostümmacherfilm und ist doch eigentlich die clevere Neuverwebung von gleich mehreren Hitchcock-Psychothrillern. Mit der entscheidenden Wendung, dass Anderson der alten Hitchcock-Misogynie den Spiegel vorhält. Und zwar, indem er uns zuerst gerade selbst in die Rolle eines überempfindlichen, nörgelnden Mackers versetzt, bis wir uns am Frühstückstisch gemeinsam mit ihm darüber aufregen, weil seine Angebetete etwas gar laut auf dem Toast herumkratzt.

Woodcock haust mit der Geliebten Alma (gespielt von der Luxemburgerin und ZHdK-Absolventin Vicky Krieps) und seiner besseren Schwesternhälfte Cyril (Lesley Manville) unter einem Dach. In dieser seltsamen Dreierbeziehung ist fast nichts, wie es scheint. Die Machtspiele der drei dürften jeden Politiker vor Neid erblassen lassen. Vor allem aber steht die Liebe zur Disposition. Geht es um den berühmten ersten Augenblick – oder vielmehr um das Finden einer möglichst spannungsgeladenen geheimen Formel, die zwei (oder drei?) Eigensinnige dauerhaft aneinander binden kann?

Jetzt im Kino.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch