Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Nur das Replay ist ewig

Etrit Hasler findet die Rogermania unkreativ

Von Etrit Hasler

Ich darf wohl sagen, es sei eine «ewige Aufregung» um den neusten Rekord, den der Mann mit den «Tränen für die Ewigkeit», der «Grösste der Geschichte», erreicht hat.

Kaum eine Zeitung war nicht aus dem Häuschen, der «Blick» tourte mit einer Roger-Fahne durch die Schweiz und lichtete wehrlose PassantInnen damit vor ebenso «historischen» und «ewigen» Denkmälern wie dem Bundeshaus oder der Tellstatue in Altdorf ab. Swissinfo legte eine statistische Analyse des «besten Tennisspielers aller Zeiten» nach. Und zugegeben, jetzt kommt auch die WOZ nicht daran vorbei.

Ich weiss nicht, wie es Federer selber empfindet, aber ich bin ziemlich genervt von so viel Ewigkeit. Denn alle diese Zuschreibungen werden nun bereits zum vierten Mal innert vierzehn Monaten herumgereicht. Sie wurden alle schon gedruckt, als Federer im Januar 2017 in Melbourne zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder einen Grand-Slam-Titel gewann. Wir durften sie wieder lesen, als er im Juli noch einen Grand-Slam-Sieg obendrauf legte (dort war er dann der «ewige Gärtner von Wimbledon»). Und natürlich, als er im Januar dieses Jahres noch einmal in Melbourne gewann. Und eben jetzt, da er mit dem Turniersieg in Rotterdam die älteste Weltranglistennummer 1 in der Geschichte der ATP wurde.

Keine Frage, Roger Federers Rekord ist beeindruckend. Und er besteht im Unterschied zu all seinen anderen «ewigen» Rekorden auch ohne den Vermerk «aber nur, wenn wir die Frauen nicht zählen». Steffi Graf und Serena Williams haben mehr Grand-Slam-Titel gewonnen. Und wenn man die Zeit vor der Open Era dazu zählt, ist die erfolgreichste Titelsammlerin sowieso immer noch die homophobe Hasspredigerin Margaret Court.

Chris Evert hat mehr Finalteilnahmen, Venus Williams mehr Turnierteilnahmen vorzuweisen, Martina Navratilova die längere Siegesserie. Aber mit dem aktuell gefeierten Rekord hat Federer tatsächlich auch Serena Williams überholt – die im letzten Jahr noch mit 35 ebenfalls an der Spitze stand. Wobei wir sehen werden, wie «ewig» dieser Rekord sein wird: Denn auch wenn Williams derzeit auf Platz 22 abgerutscht ist – nach einem ausgesetzten Jahr mit Babypause –, so sieht es noch nicht danach aus, dass sie ans Aufhören denkt.

Doch das ist noch nicht, was mich im Moment am meisten nervt. Dass das Frauentennis im Vergleich zu den Männern wenig zählt, ist all jenen bewusst, die schon mal die Preisgelder miteinander verglichen haben. Das ist die ganz normale, «ewige» Ungerechtigkeit. Und ich rege mich auch nicht besonders auf über die absolut unterirdische Kreativität all der SportjournalistInnen, die auf nichts anderes mehr kommen als «ewig», wenn es darum geht, über Roger Federer zu schreiben. Wären sie kreativ, würden sie nicht über Sport schreiben.

Viel schlimmer finde ich, dass diese ewige Wiederholung des «ewig» uns an etwas Grundsätzlichem hindert: Wer Federers Karriere nur noch in Rekorden betrachtet, wer jeden Sieg, jedes Turnier nur noch als «n + 1» betrachtet, der vergisst bei all den Zahlen das kindliche Staunen, die Faszination, ihm beim Spielen zuzusehen.

Ich habe keine Ahnung, wie lange Roger Federer noch spielen, geschweige denn gewinnen wird. Ich habe in meinem Leben Wayne Gretzky, Steffi Graf, Michael Jordan, Hope Solo und Ivan Zamorano spielen gesehen. Und deswegen möchte ich Federer in der nächsten Zeit einfach ein bisschen zusehen. Weil ich weiss: Wer jetzt zusieht, der war dabei. Allen anderen bleibt nur das Replay.

Oder anders formuliert: Lasst die verdammten Rekordbücher für den Moment einfach stecken. Irgendwann einmal wird Roger Federers Karriere tatsächlich vorbei sein. Für den Moment ist sie es noch nicht. Und danach bleibt eine ganze Ewigkeit Zeit, um Bilanz zu ziehen.

Etrit Hasler ist Slampoet aus St. Gallen und schreibt auch nur über Sport, weil ihn die WOZ sonst nicht mehr aus dem Keller lässt.

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