Nr. 38/2011 vom 22.09.2011

Die Yokozunas des Centre Court

Von Etrit Hasler

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, seit ich an dieser Stelle Fussball und meine Lieblingssportart Sumo miteinander verglichen habe – natürlich sehr zuungunsten des eher unterentwickelten «Gentlemen’s game» Fussball. Stellen Sie sich nun meine Überraschung vor, als ich vor kurzem über eine Website stolperte, die genau dasselbe macht mit der anderen Weltsportart aus England: Tennis.

«Yokozunatennis» überträgt das Rangsystem der japanischen Kampfsportart auf den Tenniszirkus, um damit die langfristige Spielstärke der SpielerInnen zu bemessen und zu sehen, wer den höchsten Titel des Yokozuna verdient hat. Natürlich sind das Rechenspiele für Nerds, die für eine breite Bevölkerung so interessant sind wie die Regeln von Cricket. Aber der Vergleich lohnt sich trotzdem – nicht, dass Tennis besser wäre, wenn andere Elemente des Sumo übernommen würden: Zwar dürften die meisten TennisspielerInnen tatsächlich ein paar Kilo mehr auf den Hüften haben, aber für meinen Geschmack tragen sie jetzt schon zu wenig Kleidung, um damit noch als ernsthafte SportlerInnen durchzugehen. Ja, das war sexistisch. Aber das sind die meisten Sportarten.

Yokozunas werden laut der Website nur SpielerInnen, die konstant starke Leistungen erbringen können und während mindestens eines halben Jahres den Sport dominierten. Das ergibt für die Open-Ära (setzt 1968 mit der Zulassung von professionellen SpielerInnen an den wichtigsten Turnieren ein) je sechzehn Männer und Frauen, welche diesen Titel erringen konnten: Pete Sampras, Andre Agassi, Roger Federer, Rafael Nadal und als letzter Zuzug Novak Djokovic sind die neusten fünf Männer; bei den Frauen sind dies die beiden Williams-Schwestern Venus und Serena, Jennifer Capriati, Justine Henin und Kim Clijsters.

Die Liste zeigt anschaulich, was im Tennis derzeit vor sich geht: Das Frauentennis hat zwar immer noch drei aktive ehemalige «Yokozunas» zu bieten. Die einzige Neue der letzten zehn Jahre, Kim Clijsters, ist heute allerdings WTA-Neunte. Die zwei anderen, die Williams-Schwestern, dümpeln seit Jahren irgendwo zwischen Rang 50 und 100 herum.

Das Männertennis wird derweil von seinen «Yokozunas» unangefochten beherrscht: Federer, Nadal und Djokovic teilten sich in den letzten acht Jahren 29 der 32 Grand-Slam-Titel. Wie jeder Betriebswirtschaftsstudent weiss, gibt es eine alte Lektion, die in wirtschaftlich-militärischer Rhetorik einst als «Cola-Kriege» bezeichnet wurde: An der Spitze ist nur Platz für zwei Giganten. Auch wenn es für das Publikum kurzfristig sehr attraktiv sein kann, wenn das Feld plötzlich für mehrere «Yokozunas» geöffnet wird (was sich an den weltweiten Einschaltquoten beim Djokovic-Federer-Halbfinal am US Open vor ein paar Wochen zeigte), so gehen früher oder später einem der Beteiligten die physischen und psychischen Kräfte aus. Und ja, dieser jemand wird Roger Federer sein.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Federer ist eine Legende. Niemand hat diesem Sport – und vielleicht ist das in keinem anderen Sport der Welt geschehen – so nachhaltig seinen Namen aufgedrückt wie er: 16 Grand-Slam-Titel. 792 Siege. Zwischen Wimbledon 2005 und Australian Open 2010 stand er genau einmal nicht im Final eines grossen Turniers. Und gerade deswegen gibt es keinen Grund, weshalb er sich das noch lange antun müsste. In seiner Karriere hat er 63 Millionen US-Dollar an Preisgeldern eingenommen – dazu kommen die Werbeverträge für Kaffeemaschinen und Rasierklingen. Federer kann sich zur Ruhe setzen, seine Kinder grossziehen und vielleicht einmal (wenn er denn gar nicht so nett ist, wie er immer tut) sogar noch in die Politik gehen. Ähnlich reich wie der übliche SVP-Vertreter ist er allemal. Zeigen Sie mir eine Tennisspielerin ausser Steffi Graf, die dasselbe von sich behaupten kann, dann würde ich mich vielleicht überzeugen lassen, dass Tennis weniger sexistisch ist als Sumo.

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