Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Flucht aus der Komfortzone

Von Thomas Brunnschweiler

Lu Bonauer, der einige literarische Wettbewerbe gewonnen hat und zweimal mit einem Werkbeitrag gefördert wurde, legt mit dem Erzählband «Fliehende Lichter» sein Debüt vor. Hauptthema der sieben Erzählungen ist die Flucht. Es geht sowohl um die Flucht in den Wohlstand als auch die Flucht aus der Komfortzone.

Ein Angestellter einer Softwarefirma wagt die Flucht mit einer Unbekannten und stösst plötzlich auf die Realität des Flüchtlingselends. Eine Frau mit himmelblauen Schuhen und einem Faible für das Unsichtbare huscht durch das Leben des Ich-Erzählers und hinterlässt nur ihre Stimme. Die Spannung von Nähe und Ferne, Aufbruch und Ankommen, Heimat und Fremde, Identität und Selbstentfremdung prägt Bonauers Texte.

In der Geschichte «Fliehende Lichter» geht es um Figuren rund um den Globus, die um ihre Identität und Existenz ringen. Bonauers Erzählungen leben von existenzieller Einfühlung und sprachlicher Präzision, nicht von äusserer Spannung, spektakulären Ereignissen, Cliffhangern oder Pointen. Die Texte sind welthaltig und zeugen von der politischen Wachheit des Autors, ohne aber ideologisch belehrend oder eindeutig wertend zu wirken. Die sprachlichen Bilder sind originell, doch nie ausgeklügelt.

Lu Bonauers bildstarke Sprache verfremdet die Realität mit teils surrealen Elementen zur Wahrheit. Hier ruft sich der magische Realismus eines García Márquez in Erinnerung. Die eng getaktete, lakonische Sprache bildet einen unverwechselbaren Sound. Bonauer beherrscht die Kunst des Auslassens, des Andeutens, des schwebend Ambivalenten, des Beiläufigen und scheinbar Unbedeutenden. Er beschreibt nicht, sondern verwandelt alles in Erzählung. Wenn es bei ihm heisst, die Dinge «glitzerten silbrig und scharf und zugleich weich und verschwommen», gilt dies auch für seine Texte.

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