Nr. 09/2005 vom 03.03.2005

Tod durch Sparwasser

Ein Auftragskiller im Stadion, ein Experte für Fussballwetten, Doppelagenten beim WM-Spiel BRD-DDR 1974: Matti Lieske legt elf Krimistorys rund um reale Fussballspiele vor.

Von René Martens

Als Ende November der ehemalige Mannschaftsarzt von Juventus Turin verurteilt wurde, weil er zwischen 1994 und 1998 seiner Mannschaft das Blutdopingmittel Epo und andere leistungsfördernde Medikamente verabreicht hatte, beteiligten sich viele JournalistInnen an der Diskussion, ob dem Klub die in dieser Zeit gewonnenen Titel in der Champions League und der Serie A abzuerkennen seien. Matti Lieske, Redaktor der «tageszeitung» (taz) in Berlin, war einer der wenigen, die ihre Schlüsse aus der Affäre nicht auf den italienischen Fussball beschränkten. Er merkte an, dass die im Laufe der neunziger Jahre gestiegene Laufintensität im internationalen Spitzenfussball - im Höchstfall bringen Akteure heute zehn bis zwölf Kilometer pro Match hinter sich -, dass also die gewachsene Attraktivität des Spiels zumindest teilweise auf Doping zurückzuführen sein könnte.

Fussball und Kriminalität

Möglicherweise ist Lieske mit dem Beziehungsgeflecht «Fussball und Kriminalität» schlicht besser vertraut als die meisten anderen Sportjournalisten. Doping ist darin ja nur eine Facette. Kaum ein Tag vergeht, an dem sich in der internationalen Presse nicht eine neue Meldung findet über Spitzenfunktionäre, Klubbesitzer, Aktionäre oder Spielervermittler, die wegen dubioser Geschäfte ins Gerede gekommen sind, in Untersuchungshaft landen oder sogar trotz Verurteilungen wegen Korruption, Bestechung oder anderer Vergehen weiterhin im Fussballgeschäft reüssieren. Die geläufigste Parallele ist indes plump konstruiert, sie gipfelt in der Formulierung, ein Spiel sei «spannend wie ein Krimi» - als ob die Spannung, die ein Fussballspiel erzeugt, mit der eines Kriminalromans oder Kinothrillers irgendetwas gemeinsam hätte.

Die intensive Beschäftigung mit den beiden Kulturformen hat bei Matti Lieske nun zu einem anregenden Ergebnis geführt: «Bei Anstoss Mord» enthält «11 Krimistories rund um grosse Fussballspiele» - überwiegend Finalbegegnungen von Weltmeisterschaften oder Europacup-Wettbewerben. Ein eleganter Kunstgriff, denn so kann der Autor die bekanntesten Szenen der jeweiligen Spiele skizzieren, damit sich - zumindest gilt das für jene Partien, die sich dank Fernsehbildern im Gedächtnis festgeschrieben haben - die LeserInnen ins Geschehen einfühlen können. Fiktive Spiele dagegen - das zeigen andere Fussballkrimis - wirken oft hölzern und simpel zugespitzt.

Darüber hinaus findet Lieske Krimis aus der Welt des Fussballs «selten gelungen», weil viele Autoren das verbrecherische Potenzial dieses Sports als derart gering erachten, dass sie in unglaubwürdige Übertreibungen verfallen. Da wird dann halt mal ein Stürmerstar fantasievoll vergiftet. Gegen derlei Firlefanz ist Lieske von vornherein gefeit, weil es um reale grosse Spiele geht: Würde er aus einem Superstar der Fussballgeschichte einen Schwerverbrecher oder ein spektakuläres Opfer machen, wirkte dies albern. Wie manche seiner Kollegen findet er die Kriminalgeschichten, die der Fussball selbst schreibt - «Steuerhinterziehung, Bilanzfälschung oder Bestechung, sofern es denn herauskommt» -, durchaus dröge, zumindest unter literarischen Aspekten. Aber er hat daraus einen anderen Schluss gezogen und den Fussball mit aussersportlichen Verbrechen «locker verzahnt».

Lieskes Kunst besteht darin, seine Geschichten voranzutreiben, indem er Teile des Krimiplots mit dem Spielgeschehen verwebt und die Stimmung im Stadion mit den Emotionen der Figuren in Beziehung setzt. Er kann das, weil er ein Spiel lesen kann und weiss, wie ein Spiel auf die ZuschauerInnen wirkt. Andere Autoren von Krimis rund ums Kicken wecken eher den Eindruck, als sei das Fussballmilieu für sie nicht mehr als eine folkloristische Kulisse.

Vorlage für «Tatort»

Ein paar Ausnahmen gibt es indes. Als Klassiker in diesem Segment gilt der 1959 erschienene Roman «Foul Play» von Per Wahlöö, dem der Mikrokosmos eines Amateurfussballklubs als Folie für die Gesellschaft dient. «Platzverweis für Trimmel» von Friedhelm Werremeier (Thema: verschobene Spiele) war Anfang der siebziger Jahre die Vorlage für einen der frühen Filme der Fernsehkrimireihe «Tatort». Weit aus dem Genre heraus ragen «Abblocken» (1985) von Dan Kavanagh alias Julian Barnes und der 1988 erschienene und mittlerweile auch verfilmte «Schuss aus dem Hinterhalt» des 2003 verstorbenen Barcelona-Fans Manuel Vásquez Montalbán - in beiden Fällen geht es um Stadiongrundstücke als Spekulationsobjekte - sowie der im Zürcher Unionsverlag publizierte Roman «Foul am Bosporus» von Celil Oker (Thema: Bestechung im Abstiegskampf).

Lieskes Protagonisten kommen, abgesehen von einem Oxfordstudenten, der 1889 beim Spiel zwischen England und Schottland sein Debüt als Internationaler feiert, nicht aus der Fussballszene. Gut so. Die Funktionärs-, Trainer- und Starspielertypen, die man aus vielen anderen Fussballkrimis kennt, sind Abziehbilder von Figuren, deren literarische Überzeichnung misslingen muss, schliesslich karikieren die sich in der Realität beinahe Tag für Tag aufs Neue.

Die Figuren in diesem 113 Jahre Fussballgeschichte umfassenden Buch sind fiktiv, was ihnen widerfährt, ist aber meistens dicht an der Realität. Überzeichnet der Autor, dann auf originelle Weise, etwa wenn ein nach Paris emigrierter jüdischer Maler aus Hamburg, der das Spiel zwischen der Schweiz und Deutschland bei der WM 1938 für antideutsche Aktionen nutzen will, versucht, Jean-Paul Sartre dazu zu überreden, mit zum Spiel zu kommen.

Der Krimiplot rund um den Fussball bietet Lieske aber auch immer wieder Gelegenheit, die Spiele en passant noch einmal zu werten, zu analysieren oder auf die gesellschaftliche Rolle des Sports in der jeweiligen Zeit einzugehen. «Ich wollte auch Fussballgeschichte erzählen», sagt Lieske. «Die Turniere der jüngeren Vergangenheit sind bekannt, aber mit der Zeit vor 1980 verhält es sich schon anders. Ich wollte darstellen, unter welchen Bedingungen damals gespielt wurde, und was das Erlebnis Fussball ausgemacht hat.» Deshalb hat er auch zahlreiche Fakten recherchiert, die sich in Fussballgeschichtsbüchern normalerweise nicht finden: Wann wurden die Spiele angepfiffen? Wie viel kostete eine Eintrittskarte regulär, wie viel auf dem Schwarzmarkt? Wie waren die Menschen gekleidet?

Immer wieder verwendet Lieske das Motiv, dass ein Täter in der Masse Schutz vor der Polizei oder anderen Verfolgern zu finden glaubt. So gerät ein Berner Juwelendieb in den Zuschauerstrom des 1954er-Endspiels zwischen Ungarn und der Bundesrepublik, und ein Typ, der Auftragskiller und Lustmörder zugleich ist, taucht 1994 plötzlich im Publikum des WM-Finales Brasilien - Italien unter, obwohl er sich für Fussball überhaupt nicht interessiert. Aufgrund der grossen Menschenmengen, die sich auf das Spiel konzentrieren und weniger auf das, was rund um sie herum geschieht, sind Stadien für einen Autor zudem ideale Orte, um einen Mord oder Mordversuch stattfinden zu lassen.

Der Duce und seine Henker

Der Fussballkriminalität moderner Ausprägung am nächsten kommt Lieske in «Der traurige Titan»: Der Protagonist, Ang Cheow Yang, ist ein Expolizist, einst Experte für illegale Wetten. Die Geschichte animiert dazu, sich bei jedem seltsamen Tor, jedem skurrilen Fehler, jedem plötzlichen frappanten Bruch im Spiel einer Mannschaft zu fragen, ob es da mit rechten Dingen zugeht. Überlegungen, die nach dem Fall Hoyzer und anderen Wettskandalen längst nicht mehr nur paranoide Fans anstellen.

Lieskes Buch ist - auch - ein Streifzug durch das Krimigenre: «Der Friedhof schliesst um sechs» - gestrickt um das legendäre Champions-League-Finale zwischen Manchester United und Bayern München vor fünfeinhalb Jahren - ist eine ironische Private-Eye-Geschichte, erzählt in der ersten Person und angereichert mit Schatzsuchergeschichten-Kolorit, «Der Duce und seine Henker» (Italien - Tschechoslowakei, 1934) ein antifaschistischer Politkrimi, und «Tod durch Sparwasser» (BRD - DDR, 1974) eine Kalte-Kriegs-Story mit Doppelagenten. Die ungewöhnlichste Pointe enthält «Raus, raus, raus!», angesiedelt rund um das Europacup-Endspiel zwischen Real Madrid und Eintracht Frankfurt vor fast 45 Jahren. Der Protagonist ist hier, ausnahmsweise, ein exzessiver Fussballfan, einer, der weit reist, um grossen Fussball zu sehen - sympathisch ist er, so viel darf man schon vorwegnehmen, ganz und gar nicht.

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