Nr. 09/2018 vom 01.03.2018

Rekha schlägt sich durch

Immer mehr junge Inderinnen erobern sich eine frühere Männerdomäne: den Boxsport. Auch die zwanzigjährige Rekha Gupta verfolgt hartnäckig ihren Traum.

Von Eleni Kougionis (Fotos) und Markus Spörndli (Text)

Eine junge Frau steht in rot-weissem Tanktop vor einem blauen Boxsack und drischt auf ihn ein. Schweiss rinnt ihr das Gesicht hinunter, ihr Blick weicht nicht vom baumelnden Sack.

«Wenn ich boxe, bin ich voller Wut», sagte Rekha Gupta zur Fotografin Eleni Kougionis, die die Zwanzigjährige drei Wochen lang in Mumbai mit der Kamera begleitete. «Manchmal habe ich auch ein Lächeln im Gesicht, weil sie uns sagen, dass wir lächeln sollen, wenn wir den Ring betreten. Wir sollen die Gegnerin nicht einschüchtern.»

«Das wars!»

Rund fünfzehn Stunden pro Woche trainiert Rekha Gupta im Swatantra Veer Savarkar Boxing Club, der neben einer Parkgarage liegt. Sie wohnt mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer kleinen Wohnung im Norden von Mumbai, absolviert ein Handelsstudium und fährt fast täglich in einem der überfüllten Züge der Western Line 45 Minuten von der Station Jogeshwari zum Training nach Dadar im Südwesten der Megastadt.

«Für eine Frau in Indien ist normalerweise vorgesehen, dass sie zu Hause bleibt, das Essen kocht. Das wars!», so Rekha Gupta. Es ist überhaupt nicht das Leben, das die junge Frau für sich selbst sieht. Ihre Familie stammt aus Uttar Pradesh, dem ärmsten und sozial rückständigsten Bundesstaat Indiens. Dort hätte sie als Mädchen kaum mit dem Boxen anfangen können. Erst durch den Umzug nach Mumbai wurde das möglich. «Meine gesamte Familie unterstützt mich, und ich bin sehr froh darüber», sagt sie. «Auch meine Grosseltern sagen, ich solle nie mit dem Boxen aufhören. Sie freuen sich sehr für mich und sind stolz, wenn sie mich boxen sehen.»

Als Rekha Gupta zehn Jahre alt war, kam ihr heutiger Trainer in die Schule und warb für den Boxsport. Bei Interesse könne man zum Training in seinen Klub kommen. So fing Rekha, zusammen mit einem Bruder und zwei Cousins, mit dem Sport an. Die anderen hörten bald wieder auf. «Ich habe in meinem ersten Kampf gleich eine Goldmedaille gewonnen», erinnert sie sich. «Es ist eigentlich sehr unwahrscheinlich, dass man gleich eine Goldmedaille gewinnt, aber ich habe es geschafft! Sogar meine Lehrer an der Schule freuten sich, und sie sagten mir, dass ich sehr weit kommen werde. Also habe ich mit dem Boxen weitergemacht.»

Weibliche Weltmacht

Unter jungen Inderinnen ist Boxen seit ein paar Jahren voll im Trend. Das kommt nicht von ungefähr. Wenn man indische Boxerinnen nach einem Vorbild fragt, sagen fast alle: Mary Kom. So auch Rekha Gupta: «Mary Kom ist ohne Zweifel mein Vorbild. Ich sage nicht, dass ich genau wie sie sein will, aber ich möchte auch so gut und berühmt werden.» Mary Kom ist fünfzehn Jahre älter als Rekha Gupta, heisst eigentlich Chungneijang Mary Kom Hmangte und stammt aus dem äussersten Nordosten Indiens, wo es schon länger nichts Aussergewöhnliches mehr ist, wenn Mädchen Sport treiben. Sie ist fünffache Weltmeisterin im Amateurboxen und die einzige Boxerin der Welt, die an sechs Weltmeisterschaften eine Medaille gewann.

Vollends zum Idol wurde die Boxpionierin durch die Verfilmung ihrer Lebensgeschichte: «Mary Kom» aus dem Jahr 2014 gehört zu den kommerziell erfolgreichsten Bollywoodstreifen und hat die Popularisierung des Boxsports bei jungen Inderinnen noch vorangetrieben. Zum einen hoffen sie, wie ihr Vorbild den ärmlichen Verhältnissen entfliehen zu können und als Boxerin zu Ruhm und Reichtum zu kommen. Zum anderen ist Mary Kom auch zum Sinnbild der emanzipierten indischen Frau geworden. Sie gründete während ihrer Sportkarriere eine Familie, machte weiter und blieb erfolgreich, weil sich ihr Ehemann um die Kinder kümmert. Und sie engagiert sich für Frauenrechte: 2016 machte Mary Kom öffentlich, dass sie selbst mehrmals Opfer sexueller Gewalt geworden sei – und sie forderte ein gesellschaftliches Umdenken.

Mittlerweile ernten immer mehr junge indische Boxerinnen die Früchte der vielen Trainingsstunden. An der Jugendweltmeisterschaft im Amateurboxen, die im vergangenen November erstmals in Indien stattfand, räumten die heimischen Boxerinnen so richtig ab: In den zehn verschiedenen Gewichtsklassen gewannen junge Inderinnen fünfmal die Goldmedaille, hinzu kamen drei Bronzemedaillen. Zumindest in den leichteren Gewichtsklassen des Jugendamateurboxens ist Indien derzeit die weibliche Weltmacht.

Die Basler Fotografin Eleni Kougionis war für diese Reportage erstmals in Indien. Meldungen über Gewalt gegen Frauen haben sie motiviert, genauer hinzusehen. «Ich wollte zeigen, dass es mutige Frauen gibt, die etwas wagen und sich gegen die Unterdrückung stellen», sagt Kougionis. «Es war toll zu sehen, wie die Familie hinter ihr steht und wie diese Sportart, die einmal eine Männerdomäne war, langsam von Frauen übernommen wird.»

Rekha Gupta denkt nicht einmal daran, dass ihr etwas passieren könnte, wenn sie nach dem Training nachts allein in Mumbai unterwegs ist. «Ich fürchte mich vor gar nichts, weil ich eine Boxerin bin und kämpfen kann», sagt sie. «Wenn mir jemand zu nahe kommen würde, könnte ich diese Person einfach verprügeln.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch