Nr. 16/2006 vom 20.04.2006

Die schwedische Heidi aus Ensamheten

Heidi Andersson legt in einer Stunde 420 Frauenarme flach. Sie ist fünffache Weltmeisterin im Armdrücken.

Von Reinhard Wolff, Stockholm

Vierhundertzwanzig Mal hat Heidi Andersson gerade einen Arm nach dem anderen in die Seitenlage gedrückt. Innerhalb einer Stunde. Der letzte hatte immerhin einer aktiven Gewichtheberin gehört. «Ja, ein wenig spüre ich nun meinen rechten Arm. Aber eigentlich hätte ich schon noch ein paar geschafft. Wenn der Vorrat an Frauen nicht ausgegangen wäre.» Im norwegischen Verdal war sie mit dieser Vorstellung, die auch im Guinness-Rekordbuch landen soll, der bewunderte Gast eines Volksfests. Hat eine Frau einmal einen ungewöhnlichen Sport wie ausgerechnet Armdrücken gewählt und will sie davon auch noch leben, gehört neben Auftritten bei der Eröffnung von Bau- und Gartenmärkten auch das Tingeln mit Schaukämpfen auf solchen Veranstaltungen oder die Promotion auf Firmenfesten zum Alltag. Denn das, was man auf Wettbewerben an Preisgeldern gewinnen kann, deckt oft nicht einmal die Reisekosten.

Meist gibt es sowieso nur einen Pokal und die Ehre für den Gewinn. Und auf den darf die 25-jährige Andersson mit ihren gerade mal 63 Kilo sich am nächsten Anlass wohl keine Hoffnungen machen. Oder? Wo es gegen eine Gegnerin wie die 20 Kilo schwerere finnische Armdrückerin Tarja Tähtinen geht, vergleichsweise ein regelrechter Schrank mit tätowierten Armen, die mindestens doppelt so breit sind wie jene der Schwedin. Der Schiedsrichter bindet mit einem Riemen die kräftige Hand der Finnin und die deutlich kleinere von Heidi Andersson zusammen, nachdem diese schon einmal auseinander gerutscht waren. Und dann dauert es nur einige Sekunden. Dunk. Die fünffache Weltmeisterin im Armdrücken hat ihre finnische Gegnerin aus der höheren Gewichtsklasse besiegt. Man braucht offenbar keine grossen Pranken zum Armdrücken. Und Kraft ist auch nicht alles. Es ist die Technik. Eine ganz spezielle. Und die hat Heidi Andersson zu Hause am Küchentisch gelernt.

«Ensamheten 1». Einsamkeit 1 Kilometer. Das rot umrandete gelbe Strassenschild weist nach links. Noch weiter hinein in die Einsamkeit des nordschwedischen Nadelwalds. Wer diesen Ort so getauft hat, hatte wohl seine guten Gründe. Ensamheten besteht aus sechs Häusern. Fünfzehn Menschen wohnen hier. Drei Familien. Drei Brüder mit ihren Ehefrauen und Kindern. Alle heissen Andersson. Und alle drücken Arm. Einer der drei Brüder ist Kent. Er ist der Vater von Heidi. Und Heidi ist der Grund dafür, warum Ensamheten auf einer eigenen Webseite im Internet (www.heidiandersson.com) zu finden ist und beide in einem Dokumentarfilm (www.armwrestlerfromsolitude.com) verewigt wurden.

Wenn die Männer aus Ensamheten nach der schweren Arbeit im Forst abends zusammensassen, wurde Arm gedrückt. Das war einfach so. Physische Stärke war früher die Voraussetzung, um in dieser kargen Gegend überleben zu können. Und viel anderes, als seine Kräfte gegenseitig zu messen, gab es auch nach Feierabend nicht zu tun. An einem Samstagnachmittag sah man im Familienkreis fern. Und plötzlich lief da im Sportprogramm doch tatsächlich ein Beitrag über einen Armdrückerwettbewerb. Gab es das wirklich als «richtigen» Sport? Bei Anderssons war man sofort Feuer und Flamme, sich auch einmal in einem Wettbewerb zu versuchen. Zwei Brüder aus Ensamheten machten sich auf eine tausend Kilometer lange Reise ins mittelschwedische Eskilstuna, in den achtziger Jahren das Mekka des Armdrückersports. Sie durften dort auch ohne Anmeldung und Qualifikation am «Golden Arm»-Wettbewerb teilnehmen. Weil das irgendwie exotisch war. Da waren doch zwei «Hinterwäldler» von so weit her angereist. Von irgendwo aus Lappland. Und sie hatten natürlich keine Chance gegen die Profis.

Denn es war nicht nur die Kraft. Denn die hatten sie. Sie durften sich in Eskilstuna ein Video ausleihen. Das schauten sie sich immer wieder an, um die Technik der Profi-Armdrücker zu erlernen. Und von da an war Armdrücken in Ensamheten nicht mehr nur als Freizeitbeschäftigung am Küchentisch angesagt. Nun wurde ein richtiger Armdrückertisch gezimmert. Eine rechteckige Tischplatte mit je einem Handgriff an beiden Enden für die «freie» Hand und «Kissen» für die Ellenbogen. Und an diesem Tisch wurde von nun an täglich in der Scheune trainiert.

Heidi war nach drei Generationen das erste Mädchen, das in Ensamheten zur Welt gekommen war. Den Taufnamen hatte ihre Mutter bei dem Mädchen aus den Kinderbüchern abgeguckt, das zu ihrer Lieblingslektüre während der Schwangerschaft gehört hatte. Die schwedische Heidi hatte bald etwas andere Freizeitinteressen als jene aus den Schweizer Alpen. Sie war von Anfang an beim Armdrücken dabei. «Ich hatte mich nie für Fussball oder andere Teamsportarten interessiert. Der Kampf Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, das war es.»

Mit elf nahm sie in der nahe gelegenen Kreisstadt Storuman an einem ersten Wettbewerb teil: dem «Wild Arm». Sie wog 45 Kilo. Ihre Gegnerinnen 15 bis 20 Kilo mehr. Der Ausgang war klar. «Es ging nur dunk, dunk, dunk. Und ich war ausgeschieden.» Was sie nicht weiter beeindruckte. Zu ihrem zwölften Geburtstag bekam sie ein Poesiealbum geschenkt. «Ich will Armdrückerin werden», schrieb Heidi in die Rubrik «Mein Zukunftstraum», und zwar «Profi». Ab vierzehn kamen die ersten Gewinne. Mit sechzehn errang sie die schwedische Meisterschaft. Als Achtzehnjährige wurde sie erst Europa- und kurz danach auch noch gleich Weltmeisterin. Weltmeisterschaften in Tokio, Ottawa, Durban, Rovaniemi (Finnland), Springfield (USA) - Heidi aus Schweden wurde schnell zu einem Begriff. Im nordschwedischen Storuman ist sie neben der anderen Berühmtheit aus der gleichen Gemeinde, der Skiläuferin und Goldmedaillengewinnerin von Turin Anja Pärson, schon lange der unangefochtene «local hero». In Storuman verlieren sich 7000 EinwohnerInnen auf einer Fläche von 8000 Quadratkilometern.

Zur «Wild Woman of the year» wurde sie ernannt, und eine Zeitung schrieb, sie sei eine lebende Pippi Langstrumpf. Doch am liebsten hat Heidi das Attribut, das auch dem Film den Titel gab, der sie als Hauptperson hat: «Armdrückerin aus Einsamkeit». Das Leben hier draussen in Ensamheten habe ihr nicht nur die physische, sondern auch die psychische Stärke gegeben - für den Sport, der ihr Leben geworden ist. Vormittags Waldlauf, nachmittags Krafttraining, abends Wettbewerb im Klublokal von «Storuman Armsport». Doch neben ihrem Engagement für Naturschutz und gegen Atomkraft hat sie auch eine künstlerische Ader. Kürzlich gab es in Göteborg eine erste Ausstellung ihrer Bilder. Sie malt Natur- und Sagenmotive in Öl und Acryl.

Und Storuman ist auch dank ihrer Erfolge zum Mittelpunkt des schwedischen Armdrückersports geworden. In den Resultatlisten dominieren TeilnehmerInnen der Wildmarkgemeinde in allen Gewichts- und Altersklassen. Bei den letzten schwedischen Meisterschaften räumte ihr Heimatklub 41 Medaillen ab. In den Schulkorridoren von Storuman und den Nachbarorten stehen Armdrückertische zum Pausenzeitvertreib. Die LehrerInnen sagen, es sei sehr viel ruhiger im Unterricht geworden, seit SchülerInnen ihre überschüssige Energie dort verausgaben können. Heidi Andersson versucht, die GemeindepolitikerInnen gerade davon zu überzeugen, das örtliche Gymnasium mit einem Armdrückersport-Schwerpunkt zu profilieren. Sportlich hat sie neben weiteren Weltmeistertiteln vor allem den Traum, an olympischen Spielen teilnehmen zu können: «Ich bin sicher, dass der Sport irgendwann auf dem Olympiaprogramm stehen wird. Und dann bin ich dabei.»

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