Nr. 09/2018 vom 01.03.2018

Die Schönheit liegt in der Unsicherheit

So verliebt, dass man Schmerz und Freude fast nicht mehr unterscheiden kann: Luca Guadagnino ist der Liebesfilm der Saison gelungen.

Von Barbara Schweizerhof

Vollendeter Ba­lance­akt zwischen subtilen Gesten und grosser Emotion: Armie Hammer als Oliver in «Call Me by Your ­Name». Still: Sony Pictures Classics

Zeit spielt eine besondere Rolle in «Call Me by Your Name», aber anders, als man zunächst denkt. Luca Guadagnino hat mit dem Roman von André Aciman eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern im Italien der frühen achtziger Jahre verfilmt – fast reflexhaft stellt man sich eine solche Geschichte in erster Linie als Politparabel vor, ausgerichtet auf den Konflikt von Heimlichkeit und Verdrängung gegen Toleranz und den Mut zum Coming-out. Die Liebe als solche wäre in einem solchen Film nur das dramaturgische Verfahren, um eine historische Etappe der Schwulenbewegung und ihr «Recht auf Liebe» abzubilden. Luca Guadagnino aber macht es anders: Wenn das Private hier politisch ist, dann gerade deshalb, weil Guadagnino das romantische Erlebnis als solches in den Vordergrund stellt, ungeschmälert und absolut.

Der zeitliche Hintergrund der frühen Achtziger bildet deshalb nicht die erwartete Folie der Rückständigkeit. Im Gegenteil, aus der augenfälligen Abwesenheit von Smartphones, Computern und Internet gewinnt Guadagnino eine besondere Sinnlichkeit: die dichte Atmosphäre des puren sommerlichen Müssiggangs. Der Ort der Handlung liegt irgendwo in Norditalien, eine Villa ausserhalb eines jener typischen, uralten Städtchen des Landes. Die stillen Strassen in der Mittagshitze, die Nachmittage, die man zwischen Wiese und Wasser verbringt, die ausufernden Debatten, die die Eltern des siebzehnjährigen Elio (Timothée Chalamet) beim Abendessen im Garten mit FreundInnen pflegen: Hier gibt es keine Ablenkung. Die Unruhe eines Teenagers aber tritt in einer solchen Atmosphäre umso stärker hervor.

Blicke des Begehrens

Man sieht es Elio schon vor der Ankunft von Oliver (Armie Hammer) an: Er wartet nur darauf, dass etwas passiert in seinem Leben. Und der Doktorand Oliver, der für sechs Wochen in der Villa leben wird, um Elios Vater, einem Kunstgeschichtsprofessor, zu assistieren, ist in der Tat ein Ereignis: Mit dem betont selbstbewusst-lockeren Habitus eines US-Amerikaners macht er sich die neue Umgebung zu eigen. Die Kamera von Sayombhu Mukdeeprom bleibt dabei nahe an Elio und registriert, was er angesichts des Gastes empfindet.

Der Junge beobachtet den Älteren zunächst mit Irritation. Er scheint sich über die Selbstverständlichkeit zu ärgern, mit der Oliver sich einerseits breitmacht im Familienleben, andererseits mit saloppem «Later!»-Gruss eigenen Plänen nachgeht. Dann bekommen Elios Blicke zunehmend etwas Begehrliches und Heimliches. Durch geschlossene Fensterläden schaut er Oliver hinterher, als dieser aufs Fahrrad steigt, er wälzt sich rastlos im Bett, lauscht dem Schlagen der Türen im Haus und macht sich Notizen, wie es Teenager eben tun: «War ich zu harsch?», steht da. Oder: «Ich dachte, er mag mich nicht.» Und immer wieder der Name «Oliver». Zufällige Beobachtungen und Berührungen bekommen nach und nach immer mehr Gewicht: der Appetit, mit dem Oliver sein Frühstücksei verschlingt, die Beiläufigkeit, mit der er Elios Arm streift oder anbietet, ihm den Nacken zu massieren.

Luca Guadagnino zeigte sich schon in seinen letzten Filmen «Io sono l’amore» (2009) und «A Bigger Splash» (2015) als Meister des Atmosphärischen. Wie und was seine Figuren essen, wie sich ihre Körper durch die freie Natur und in Städten bewegen: Das sind ihm wichtige Indizien für das, was sie im Inneren bewegt. Wo die früheren Filme in ihrer gewollten Sinnlichkeit aber noch etwas Kraftmeierisches besassen, gelingt Guadagnino hier nun ein vollendeter Balanceakt zwischen subtilen kleinen Gesten und grosser, ehrlicher Emotion.

Ein grosses Wagnis

Wegen des Altersunterschieds seiner Helden wurde gegen «Call Me by Your Name» der Vorwurf des Missbrauchs erhoben. Ein sexuelles Verhältnis zwischen einem 17-Jährigen und einem 24-Jährigen ist zwangsläufig geprägt von einem Gefälle von Erfahrung und Sicherheit, aber Guadagnino zeigt genau das: die Ängstlichkeit auf beiden Seiten, die linkischen Gesten der Annäherung, die Unbeholfenheit der Körper beim ersten Sex. In dieser Unsicherheit liegt aber auch etwas Schönes, Unfertiges – und eben Selbstbestimmtes. Wobei Elio das grössere Wagnis eingeht, wenn er sich auf Oliver einlässt. Chalamet gelingt es zu zeigen, wie gross der Aufbruch ist, den diese Liebe bei seinem jungen Protagonisten auslöst, wie ihn das Begehren, das er verspürt, selbst fast überwältigt, wie er im Moment des Verliebens Schmerz und Freude fast nicht mehr unterscheiden kann.

Elio freilich hat das Glück, tolerante Eltern (Michael Stuhlbarg und Amira Casar) zu haben, die sein Erleben mit Sympathie und Anteilnahme verfolgen. In ihrer Grosszügigkeit mag sich nicht zuletzt die Altersweisheit des bald neunzigjährigen Drehbuchautors James Ivory («The Remains of the Day») niederschlagen, der hier mit feinem Strich ein weiteres Mal seinen Sinn für die Melancholie über die Vergänglichkeit der Liebe beweist.

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