Nr. 10/2018 vom 08.03.2018

Wie funktioniert das mit der «Augenhöhe»?

Wenn man für eine Entwicklungsorganisation arbeite, befinde man sich automatisch in einem sozialen Spannungsfeld, sagt Markus Schär. In Sambia fällt ihm der Umgang mit eigenen Privilegien und kultureller Prägung im privaten Umfeld aber leichter als im beruflichen.

Von Raphael Albisser (Interview) und Jason J. Mulikita (Foto)

Markus Schär: «Das Statusgehabe einerseits und die servile Haltung andererseits sind für mich manchmal nur schwer zu ertragen.»

WOZ: Markus Schär, waren Sie mal auf Safari?
Markus Schär: Ja, das habe ich tatsächlich gemacht. Obwohl ich mich anfangs dagegen gesträubt hatte. Irgendwann brauchte ich aber eine Auszeit und etwas Distanz von der Arbeit.

Und wie war die Erfahrung?
Diese touristischen Lodges in den Game Parks sind das koloniale Paradies. Man fährt hinaus in die Landschaft, schaut sich die exotischen Wildtiere an und lässt sich dann von lokalen Angestellten am Swimmingpool bedienen. Ich fand das haarsträubend dekadent und musste mein moralisches Gewissen herunterfahren, um es einigermassen geniessen zu können. In Lusaka gibt es eine wachsende Mittel- und Oberschicht, die sich so was ebenfalls leistet. Überspitzt gesagt dominiert im Safaritourismus aber noch immer das Bild der weissen Gebieter und schwarzen Bediensteten.

Und wie erleben Sie die Rolle der Entwicklungsorganisationen?
Einige, die in der Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt sind, legen wirklich ein fragwürdiges Auftreten an den Tag. Nicht wenige kommen mit ihrem Wohlstandsballast hier an, sind eurozentrisch und interessieren sich wenig für die Menschen vor Ort. Sie bewegen sich überwiegend in der Wohlstandsblase von Lusaka, pendeln mit dem Offroader zwischen Gated Community, Büro und Einkaufstempel. Es arbeiten aber auch sehr engagierte Leute in der Entwicklungszusammenarbeit, die ihre eigene Rolle kritisch reflektieren.

Wie kann man sich diesem Habitus entziehen, gerade in einem Land wie Sambia, in dem die Mehrheit der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt?
Ich wollte nicht mit einem Herrschaftswissen antanzen. Das würde auch nicht dem Ansatz der personellen Entwicklungszusammenarbeit entsprechen, wie ihn unsere Organisation Comundo verfolgt. Wir sagen nicht: «Wir bringen euch jetzt Entwicklung.» Stattdessen geht es um einen direkten Austausch auf Augenhöhe.

Bis zu welchem Grad ist das denn möglich?
Das ist wirklich nicht einfach. Während ich in der Schweiz sehr bescheiden lebe, bin ich hier wahnsinnig gut gestellt. Meine Lebenskosten sind gedeckt, und ich bin sozial abgesichert. Wenn ich krank werde oder einen Unfall habe, gehe ich in ein Privatspital. Ich muss nicht einen Tag anreisen und stundenlang vor der Klinik Schlange stehen. Im Notfall holt mich die Rega. Trotzdem finde ich, dass man sich im persönlichen Umfeld sehr wohl auf Augenhöhe begegnen kann. Man muss sich für die Lebenswelt der Menschen interessieren. Auch wenn das für mich als politisch denkenden Menschen sehr herausfordernd sein kann.

Wie meinen Sie das?
Gewisse Dinge bleiben für mich auch nach drei Jahren, in denen ich viele Menschen kennengelernt und zahlreiche Freundschaften geschlossen habe, immer noch unverständlich. Schliesslich habe ich ein Sensorium für das, was richtig oder falsch ist. Da muss man Kompromisse eingehen, sonst beisst man auf Granit.

Wann zum Beispiel?
Sambia ist ein sehr christliches Land, während Religion für mich im Alltag keine Rolle spielt. Auch muss ich hier gewisse Hierarchien akzeptieren, mit denen ich grundsätzlich Mühe habe, etwa die Vormacht der Älteren und der Männer. Das Statusgehabe einerseits und die servile Haltung andererseits sind für mich manchmal nur schwer zu ertragen. Gleichzeitig sind ganz viele Leute hier aber auch deutlich unverkrampfter drauf als ich, das tut meinem eher ernsten Gemüt gut.

Ist es nicht so: In linken Kreisen gehört es oft dazu, mit dem Finger auf die Gesellschaft zu zeigen – im Ausland will man sich aber nicht als Kulturimperialist gebärden?
Auch in der Schweiz ist mir bewusst, dass meine Sichtweisen hinterfragbar sind. Aber in einem anderen kulturellen Kontext muss man immer abwägen, welche Wirkung bestimmte Äusserungen haben können; es gibt andere Tabus, Gepflogenheiten und Umgangsformen. Dennoch will man sich selbst ja nicht komplett verleugnen. Natürlich wird alles etwas einfacher, wenn man in einer Community erst mal richtig angekommen ist. Aber das braucht viel Zeit und Beziehungspflege.

Und wie funktioniert die Sache mit der «Augenhöhe» bei Ihrer Arbeit?
Dort ist es noch schwieriger, weil ich einen Auftrag zu erfüllen habe. Das KATC – das Kasisi Agricultural Training Centre – wollte, dass ich einen gewinnbringenden Molkereibetrieb aufbaue. Ich definiere mich zwar sehr stark über Leistung und bin auch ziemlich ehrgeizig. Doch eigentlich finde ich dieses Effizienzdenken nicht unproblematisch. Nun musste ich genau das in leitender Funktion forcieren.

Die Rolle des Vorgesetzten behagt Ihnen nicht?
Die starre Arbeitshierarchie entspricht mir einfach nicht. Der Status des Vorgesetzten, des Bwana, ist hier unglaublich wichtig. Das finde ich ziemlich krass. Die Allüren einiger Bwana – weisser und schwarzer – gegenüber einfachen Angestellten und insbesondere den Tagelöhnern erinnern mich manchmal an die Figur des klassischen Kolonialherrn.

Ginge es nach Markus Schär (41), der in Sambia für die Organisation Comundo arbeitet, würden in Sambia bald Millionen KleinbäuerInnen auf Biolandwirtschaft umsteigen. Nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch, um unabhängiger von Multis und Politik zu werden.

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