Nr. 13/2018 vom 29.03.2018

Was werden Sie von Sambia vermissen?

Am Anfang kam sich Markus Schär in Afrika fremd und exponiert vor. Inzwischen fühlt er sich wohl. Trotz aller Schwierigkeiten glaubt er immer noch an weltweite Solidarität.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Jason J. Mulikita (Foto)

Markus Schär: «Vermissen werde ich die Heiterkeit der Leute, den legeren Groove, den Witz, das Sprechen in Metaphern und den Chefmechaniker im weissen Doktorkittel.»

WOZ: Markus Schär, Sie sind jetzt seit drei Jahren für die entwicklungspolitische Organisation Comundo im Einsatz. Was war für Sie in Sambia persönlich am schwierigsten?
Markus Schär: Die Fremdheit am Anfang. Ich fühlte mich extrem exponiert als Weisser – Zuschreibungen laufen primär über Äusserlichkeiten, wie in der Schweiz ja auch. Es war zwar eine überwiegend positiv gemeinte Fremdheit – die Leute begrüssten mich und wollten allerhand von mir wissen … Trotzdem hatte ich Mühe damit, so anders zu sein.

Zu Beginn brauchte ich auch sehr viel Zeit und Geduld, um herauszufinden, wie es hier zwischen den Leuten läuft, wer zu wem wie steht, wie die Abläufe funktionieren. Und am Abend, allein in der Wohnung, spürte ich die Einsamkeit. Wenn es dunkel wird, läuft hier nichts mehr; man geht nicht raus, um andere zu besuchen. Die Abende waren lang. Ich habe viele SRF-Podcasts gehört und Filme geschaut.

Sie sind allein im Einsatz, andere gehen als Paar oder als Familie. Wäre das einfacher gewesen?
Wahrscheinlich. Aber viele Schwierigkeiten bleiben: Die Schweizer Planbarkeit habe ich anfangs sehr vermisst. Hier musst du deine Pläne ständig über den Haufen werfen, improvisieren, neu beginnen.

Haben Sie sich persönlich verändert in den drei Jahren?
Vielleicht bin ich gelassener geworden? Und ich habe einen Zugang zu den Leuten hier gefunden und weiss jetzt, wie ich am besten auf jemanden zugehe, ein Thema anspreche. Der Alltag ist streng, ich bin immer wieder frustriert – aber ich kann den Austausch inzwischen auch geniessen. Es hat lange gedauert, aber mittlerweile fühle ich mich sehr gut akzeptiert. Nachbarn bringen mir Gemüse vorbei oder nehmen meine Wäsche rein, wenn es zu regnen beginnt. Im Gegenzug durfte ich ständig mein Auto ausleihen und zinslose Darlehen vergeben. Klar bleibe ich der Muzungu, der Europäer, meinen Hintergrund und meine Herkunft kann ich ja nicht verleugnen. Aber ich hoffe, ich habe ein besseres Bild abgegeben als der klassische Muzungu, der den Leuten sagt, wie sie sich zu entwickeln haben.

Was werden Sie von Sambia vermissen?
Sicher die Heiterkeit der Leute, den legeren Groove, den Witz, das Sprechen in Metaphern und den Chefmechaniker im weissen Doktorkittel …

Voll das Afrikaklischee!
Ja, aber nicht nur. Viele Leute haben wirklich eine positive Einstellung und einen Charme, den ich sehr schätze. Dass es auch ein Statusgehabe gibt, das ich nicht vermissen werde, habe ich ja schon erwähnt.

In der Comundo-Zeitschrift «Wendekreis» stand, die Rückkehr aus einem Langzeiteinsatz sei fast noch schwieriger als der Beginn. Macht Ihnen das Sorgen?
Ich bin schon vorher zwischen Welten gependelt – zwischen Stadt und Alp, urbanem und bäuerlichem Milieu, zwischen einem linken Freundeskreis und einem eher konservativen Arbeitsumfeld. Ich freue mich auf die Rückkehr, weiss aber genau, dass ich Mühe mit der Anonymität und der Hektik in der urbanen Schweiz haben werde. In Sambia schaut man nicht einfach nur für sich selber, und das werde ich vermissen.

Klar, auch in der Schweiz gibt es Wohngemeinschaften oder politische Zusammenhänge, wo die Leute sich umeinander kümmern. Aber dort sind es Nischen, hier ist die Community sehr zentral. Mit allen positiven und negativen Seiten. Ich weiss nicht, was alles über mich geschwatzt wird – ich bin ja als alleinstehender Mann hier und bleibe manchmal am Wochenende in Lusaka. Aber wenn meine Nachbarn mich zwei Tage nicht sehen, klopfen sie an die Tür: Was ist los, bist du krank? In der Schweiz sterben Leute in der Wohnung, und keiner merkt es, weil sie kein soziales Umfeld haben …

Jetzt, wo Sie die globale Ungleichheit so hautnah miterlebt haben – welche Konsequenzen ziehen Sie politisch daraus?
Es braucht mehr kritisches Bewusstsein über die Zusammenhänge zwischen dem Reichtum im Norden und der Armut im Süden – und eine breite internationale Bewegung, die sich für die Sicherung der Lebensgrundlagen und globale Gerechtigkeit einsetzt. Es mag altmodisch klingen, aber ich glaube weiterhin an das Prinzip der weltweiten Solidarität. Die Konzernverantwortungsinitiative ist ein Anfang, danach müsste die Schweizer Steueroase ausgetrocknet werden. Und wir sollten uns vom gegenwärtigen Niveau des Ressourcenverbrauchs, der Mobilität und des Individualismus verabschieden.

Haben Sie vor, sich in der Schweiz politisch zu engagieren?
Das weiss ich noch nicht. Ich tauge ohnehin eher für praktische Alternativen im Kleinen als für grosse theoretische Würfe. Diesen Sommer gehe ich wieder auf die Alp. Danach möchte ich etwas suchen, das mit Biolandwirtschaft zu tun und auch politische Aspekte hat: einen Gemeinschaftshof mit offener Tür oder ein Projekt der solidarischen Landwirtschaft.

Markus Schär (41) arbeitet seit Frühling 2015 im Kasisi Agricultural Training Centre (KATC), einem Ausbildungs- und Modellbetrieb für Biolandwirtschaft in der Nähe von Lusaka, Sambia. Im April kommt er zurück. Aus ökologischen Gründen war er in diesen drei Jahren nie zu Besuch in der Schweiz und hat darum Whatsapp, Skype und Facebook schätzen gelernt.

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