Nr. 11/2018 vom 15.03.2018

Stösst Bio in Sambia auf offene Ohren?

Weil das Bauern für die meisten SambierInnen eine grosse Selbstverständlichkeit ist, fühlt sich Markus Schär dort zeitweise fast mehr zu Hause als in der Schweiz. In der Biolandwirtschaft liege für Millionen KleinbäuerInnen grosses emanzipatorisches Potenzial, glaubt er.

Von Raphael Albisser (Interview) und Jason J. Mulikita (Foto)

Markus Schär in der Hofmolkerei von Kasisi: «Einer Familie im sambischen Busch, deren Kinder an Eiweissmangel leiden, musst du nicht mit der reinen veganen Lehre kommen.»

WOZ: Markus Schär, warum propagieren Sie in Sambia die Biolandwirtschaft?
Markus Schär: Wie vielerorts auf der Welt wird auch in Sambia die sogenannt konventionelle Landwirtschaft subventioniert. Hier heisst das vor allem: monokultureller Maisanbau mit Kunstdünger und Hybridsaatgut, das jedes Jahr neu zugekauft werden muss. Mit den bekannten Folgen: Verlust der Bodenfruchtbarkeit, Artensterben, Abhängigkeit von Externen. Der Biolandbau aber basiert auf dem Kreislaufgedanken: Möglichst alles soll auf dem Hof hergestellt und in Wert gesetzt werden. In Sambia besteht dafür grosses Potenzial.

Inwiefern?
Ein Grossteil der Bevölkerung hat eine selbstverständliche, alltägliche Beziehung zum Bäuerlichen, selbst in den urbanen Regionen. Auf dem Land sowieso, dort bebauen die meisten Familien kleine Flächen von einer Viertelhektare bis drei Hektaren. Viele halten Hühner, manche Ziegen oder Kühe. Rund sechzig Prozent der Bevölkerung erwirtschaften damit ihre Subsistenz und ein Einkommen. An diese Kleinbäuerinnen und Kleinbauern richtet sich das Kasisi Agricultural Training Centre (KATC).

Mit welchen Angeboten?
Das Zentrum bietet Workshops an und unterhält einen Beratungsdienst für landwirtschaftliche Kooperativen. Es gibt auch eine Forschungsabteilung, die zum Beispiel mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick zusammenarbeitet. Und dann ist da noch der biolandwirtschaftliche Modellbetrieb. Insgesamt sind am KATC etwa siebzig Leute angestellt.

Ein relativ grosses Unternehmen.
Gemessen an Schweizer Dimensionen ist das sicher beträchtlich. Der Modellbetrieb des KATC umfasst 130 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche mit Bewässerungssystem sowie 270 Hektaren Buschland. Im Vergleich zu kommerziellen Grossfarmen in Sambia, die Tausende Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche haben, ist das aber nicht viel.

Aber diese erreichen Sie mit der Biolandwirtschaft wohl kaum?
Da habe ich keine Illusionen. Die kommerziellen Grossfarmen wirtschaften nach agroindustriellem Modell: Masse, Monokultur, Profit. Aber das KATC richtet sich ja primär an Kleinbäuerinnen und -bauern, die oft in prekären Verhältnissen leben. Ihnen soll aufgezeigt werden, dass sie mit der Biolandwirtschaft eine bessere Zukunft haben als mit der Agrochemie.

Und damit stossen Sie auf offene Ohren?
Zum Teil, denn für die Bauern und Bäuerinnen ist die Abhängigkeit von der Agrarpolitik der Regierung auch mit spürbaren Nachteilen verbunden. Auf das staatliche Verteilsystem ist kein Verlass, regelmässig kommt es zu Engpässen bei Dünger und Saatgut. Schon deshalb pflanzen die Leute neben den Hybridsorten immer noch die samenfesten Landsorten an, die sie selbst weiterziehen können.

Erreicht das KATC auch die politischen Entscheidungsträger?
Das Zentrum hat zwar einen guten Ruf, es kommen manchmal sogar Vertreter des Landwirtschaftsministeriums auf Besuch. Nur steckt in der Agrarpolitik der Regierung auch eigennütziges Kalkül: Solange die Landbevölkerung auf subventionierte landwirtschaftliche Inputs angewiesen ist, bleibt sie an die Regierung gebunden. Bäuerliche Autonomie stellt für das Patronagesystem eine Gefahr dar: Sie könnte die Macht der Regierung untergraben.

Das Umdenken soll also von unten angestossen werden?
Nur so lässt sich die Landwirtschaftspolitik im Sinne der Ernährungssouveränität beeinflussen. Bäuerinnen und Bauern sollen dazu befähigt werden, sich aus der Abhängigkeit von der Agrarindustrie zu lösen. Gerade auch in Bezug auf die Armutsbekämpfung gilt die Botschaft des Weltagrarberichts von 2008: Die bäuerliche Zukunft ist biolandwirtschaftlich und agrarökologisch – oder sie ist gar nicht.

Das KATC will auch den Eiweissmangel bekämpfen, von dem in Sambia grosse Bevölkerungsteile betroffen sind.
Proteinreiche Nahrung ist hier knapp, bedingt durch Armut, Bevölkerungswachstum und Jagdverbot. Historisch spielte auch die Kolonialwirtschaft eine Rolle, sie hat die Essgewohnheiten verändert: Der industrielle Kupferbergbau brauchte billige, energiereiche Nahrung, um die Heerschar schwarzer Arbeiter zu versorgen. Das Maisgericht Nshima wurde seither zum Hauptbestandteil fast jeder Mahlzeit, Hirse und Sorghum gerieten ins Hintertreffen. Der Maisbrei füllt zwar den Bauch, deckt aber den Eiweissbedarf nicht. Den strukturellen Eiweissmangel will das KATC lindern, indem es kleinbäuerliche Milchviehhaltung fördert …

… während sich bei uns viele Klima- und Umweltbewusste dem Veganismus zuwenden.
Ja, das ist ein Wohlstandsphänomen und auch ein Missverständnis. Richtig, wir essen im Globalen Norden massiv zu viel Fleisch. Aber einer Familie im sambischen Busch, deren Kinder an Eiweissmangel leiden, musst du nicht mit der reinen veganen Lehre kommen. Die brauchen ein paar Hühner, Ziegen und Kühe, Punkt.

Markus Schär (41), ehemaliger Älpler und Redaktor einer Zeitschrift für biologische Landwirtschaft, arbeitet seit drei Jahren für die Organisation Comundo in Kasisi in der Nähe der sambischen Hauptstadt Lusaka.

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