Nr. 14/2018 vom 05.04.2018

Warum sind Linke für Olympische Spiele?

In Graubünden hat Silva Semadeni zweimal erfolgreich gegen Olympische Winterspiele gekämpft. Nun legt sich die SP-Nationalrätin auch gegen die Walliser Kandidatur ins Zeug.

Von Martin Germann (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Silva Semadeni: «Ich habe ein gewisses Verständnis für die Freude am Sport. In der ­Euphorie wird aber der Blick hinter die Kulisse gerne ausgeblendet.»

WOZ: Silva Semadeni, kürzlich wurde Ihre Motion für eine nationale Abstimmung über den Bundesbeitrag zu Sion 2026 im Nationalrat angenommen. Wie waren die Reaktionen darauf?
Silva Semadeni: Das ist bloss ein Etappensieg, die Abstimmung im Ständerat folgt ja erst noch. Doch das Ergebnis war schon überraschend. Ich habe viele positive Reaktionen erhalten, aber auch einige wütende. Mein Walliser Parteikollege Mathias Reynard unterstützte die Motion ebenfalls und hat dann sein Engagement verschiedentlich erklären müssen.

Mit der Walliser Olympiakandidatur sympathisieren auch einige SP-Politikerinnen und -Politiker. Ihr Parteikollege Hans Stöckli weibelt für das Projekt, auch in der SP Unterwallis gibt es zahlreiche befürwortende Stimmen. Wie erklären Sie sich diese Olympiabegeisterung von linker Seite?
Die Begeisterung ist relativ begrenzt. Bei der Abstimmung im Nationalrat stimmten lediglich zwei linke Parlamentarier gegen die Motion. Aber natürlich gibt es einige Enthusiasten wie Hans Stöckli, die nur eine Seite der Medaille sehen wollen. Ich habe ein gewisses Verständnis für die Freude am Sport. In der Euphorie wird aber der Blick hinter die Kulisse gerne ausgeblendet.

In Graubünden haben Sie bereits zweimal erfolgreich eine Abstimmung über eine Olympiakandidatur gewonnen. Was raten Sie den Olympiagegnerinnen und -gegnern im Wallis hinsichtlich der Abstimmung vom 10. Juni?
Es gibt für mich zwei Hauptgründe, die gegen die Olympischen Spiele sprechen: die Fremdbestimmung durch das korruptionsanfällige Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Kosten für die öffentliche Hand. Das IOC diktiert die Regeln, die die Austragungsorte einzuhalten haben. Der finanzielle Aufwand beim IOC ist andererseits gering, denn es profitiert von Spielen durch Fernsehrechte und Sponsorenbeiträge in Milliardenhöhe.

Die Kosten und die finanziellen Risiken sind für die Austragungsorte hingegen sehr hoch. Es gab bisher keine Olympischen Spiele, bei denen die Kosten eingehalten wurden. So lässt sich beispielsweise heute kaum sagen, wie die Sicherheitslage im Jahr 2026 sein wird. Das Projekt «Sion 2026» ist dezentral geplant, das führt zu höheren Sicherheitskosten. In Zeiten des Klimawandels ist auch die Wetterlage im Winter schwer vorauszusehen. Auf diese Punkte gilt es im Vorfeld der Abstimmung immer wieder aufmerksam zu machen.

Der Wintersport befindet sich in einer Krise. Entsprechend gross sind die Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung in den Austragungsregionen. Sie widersprechen dem. Warum?
Die wirtschaftlichen Vorteile und der Werbeeffekt sind gering. Kaum jemand weiss noch, wo die früheren Spiele stattgefunden haben. Olympische Spiele sind wirtschaftliche Strohfeuer. Das belegen zahlreiche Studien. Aber natürlich ist es nicht immer einfach, diese Zusammenhänge den Leuten zu erklären. Viele Touristiker setzen ihre Hoffnungen in diese Grossveranstaltung.

Dennoch, der Wintersport liegt Ihnen am Herzen. Welche Strategien schlagen Sie vor, um ihn zu fördern? Hat er noch eine Zukunft?
In den Berggebieten schafft der Wintersport zwar immer noch grossen wirtschaftlichen Wert. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass uns insbesondere der Klimawandel immer mehr zu schaffen machen wird. Dieses Jahr hatten die Tourismusdestinationen Glück mit dem Schnee. Die vergangenen Jahre war das jedoch nicht der Fall. Entsprechend gilt es, den Tourismus zu diversifizieren. Man darf sich nicht mehr alleine auf den klassischen Wintertourismus fokussieren. Es braucht Angebote für alle Jahreszeiten. Neben dem naturnahen Tourismus liegt mir der Kulturtourismus besonders am Herzen. Es gibt doch nichts Schöneres, als wenn Leute für qualitativ hochstehende kulturelle Anlässe wie jene von «Origen» oder dem Jazzfestival nach Graubünden kommen.

Seit 2002 sind Sie Präsidentin von Pro Natura, Ende Juni dieses Jahres geben Sie dieses Amt ab. Naturschutz stösst im Alpenraum nicht immer auf offene Ohren.
Ich verstehe diese Haltung nicht. In den Bergregionen sind Tourismus, Wasserkraft und Landwirtschaft die drei wichtigsten Wirtschaftszweige. Die Landschaft und die Natur sind das Hauptkapital des Tourismus, das wird gerne vergessen. Ein Beispiel: Der Inn im Oberengadin wurde renaturiert. Die Strecke an diesem wieder etwas wilderen Fluss ist dadurch für viele Wanderer und Velofahrerinnen zu einem beliebten Ausflugsziel geworden.

Die Berggebiete rangieren weit oben, wenn es um die Biodiversität geht. Den Naturreichtum und die traditionellen Kulturlandschaften gilt es zu erhalten und zu pflegen. Auch unsere Gäste wollen genau dies erleben.

Einen Rückschlag gab es beim Nationalpark Adula, der an der Urne abgelehnt wurde.
Eine verpasste Chance für diese Bergregionen, schade! Ein neuer Nationalpark ist in der Schweiz für Mensch und Natur wünschbar. Im Juni finden die Abstimmungen in den acht Gemeinden des Projekts Parco Locarnese statt. Hoffentlich gelingt es diesmal. Die Voraussetzungen sind dort recht gut.

Für Silva Semadeni (66) stehen Natur und Mensch nicht im Gegensatz zueinander. Daher setzt sie sich auch für die Integration der Grossraubtiere ein. Wolf und Bär gehören für sie zur Schweiz.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch