Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

Wie lebt es sich als Naturschützerin in einem Berggebiet?

Gemeinsam mit Vera Weber kämpfte Silva Semadeni an vorderster Front für die Zweitwohnungsinitiative. Den Kampf gegen die Zersiedelung führt sie unermüdlich weiter. Und natürlich darf auch der Wolf als Thema nicht fehlen.

Von Martin Germann (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Silva Semadeni: «Die Bevölkerung hat sich schon mehrmals deutlich gegen eine weitere ­Zersiedelung ausgesprochen.»

WOZ: Silva Semadeni, obwohl das Stimmvolk die Zweitwohnungsinitiative und das Raumplanungsgesetz angenommen hat, gibt es immer wieder Versuche, diese Bestimmungen aufzulockern.
Silva Semadeni: Das ist so. Immerhin wurden kürzlich im Parlament zwei Standesinitiativen aus den Kantonen Wallis und Graubünden für den lukrativen Umbau aller ungenutzten landwirtschaftlichen Bauten ausserhalb der Bauzonen in Ferien- oder Wohnhäuser abgelehnt. Es wird also keine so weitgehenden Lockerungen des Raumplanungsgesetzes geben. Doch unabhängig davon sind wir wegen des Strukturwandels in der Landwirtschaft mit der Frage konfrontiert, wie man mit den zahlreichen alten, funktionslos gewordenen Ställen und Scheunen umgehen soll – und dies nicht nur im Berggebiet.

Sie sprechen die Zersiedelung in der ganzen Schweiz an.
Schweizweit nimmt die Siedlungsfläche weiter zu, Kulturland und Landschaft stehen unter starkem Druck. Noch in diesem Jahr wird der Bundesrat eine weitere Revision des Raumplanungsgesetzes vorstellen, die auf das Bauen ausserhalb der Bauzonen ausgerichtet ist. Sogar in Nichtbauzonen haben die Gebäudeflächen in den letzten 25 Jahren um über zwanzig Prozent zugenommen! Dafür sind insbesondere neue landwirtschaftliche Bauten verantwortlich. Falls diese Revision nicht gelingen sollte, stehen die Umweltverbände bereit, um das Referendum zu ergreifen. Die Bevölkerung hat sich schon mehrmals deutlich gegen eine weitere Zersiedelung ausgesprochen.

Als Bündnerin und Pro-Natura-Präsidentin kommen Sie um das Thema «Wolf und Grossraubtiere» nicht herum. Sie selber sind auch in einem landwirtschaftlichen Milieu aufgewachsen. Wie gehen Sie damit um?
Ich versuche, beide Seiten zu verstehen. Die Grossraubtiere sind ein Teil der einheimischen Fauna. Um 1900 waren viele unserer Wildtiere verschwunden, ausgerottet. Nicht nur Wölfe, auch Hirsche und Rehe. Dank Jagd-, Wald- und Naturschutzgesetzen gibt es heute wieder gute Lebensräume für die Wildtiere. Darum sind auch die Wölfe zurückgekommen. In meiner Nähe lebt das Calandarudel. Es verursacht kaum Schäden an Haustieren und dadurch auch kaum Schlagzeilen. Die Wölfe ernähren sich insbesondere von Hirschen. Dadurch entfällt in der Calandaregion die Nachjagd, die bisher aufgrund des zu hohen Hirschbestands immer notwendig war. Das Rudel sorgt also für eine natürliche Regulierung des Wildtierbestandes.

Stossen Sie mit dieser Haltung in Graubünden nicht auf viel Unverständnis?
In Schafhalterkreisen ist der Widerstand gross. Ich habe aber Verständnis für die Sorgen und unterstütze vernünftige Forderungen der Schafhalterinnen und Schafhalter. Bei Rissen werden sie entschädigt, für die Behirtung erhalten sie mehr Geld vom Bund. Weitere zentrale Massnahmen sind der Herdenschutz und die Ausbildung der Herdenschutzhunde. Die Hunde sollen keine Wanderer anbellen und erschrecken. Dank der besseren Herdenschutzmassnahmen ist die Anzahl der Risse trotz steigender Wolfspopulation in den letzten Jahren zurückgegangen. Natürlich ist es nie ein schöner Anblick, wenn es Schafsrisse durch Wölfe gibt. Aber eine erneute Ausrottung des Wolfs kommt für mich nicht infrage.

Trotzdem sind die Fronten zwischen Wolfsgegnerinnen und -befürwortern seit Jahren verhärtet. Wie kann der Dialog gefördert werden?
Zuerst einmal braucht es Verständnis für die jeweils andere Seite. Ich bin immer bereit, den Schafhaltern zuzuhören. Mit Organisationen wie Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere ist aber ein Dialog aufgrund ihrer extremen Haltung eher schwierig. Dabei ist es eine Tatsache, dass Jahr für Jahr im Sömmerungsgebiet um die 5000 Schafe umkommen, weil sie abstürzen oder an Krankheiten sterben. Das steht in keinem Verhältnis zu den knapp 200 vom Wolf gerissenen Schafen. Aber ja, das Verhältnis mit den Wolfsgegnern ist zerrüttet.

Wir haben bisher viel über die klassischen Themen der Berggebiete gesprochen. Auf wie viel Verständnis stossen Sie mit Ihren Themen bei Ihren Fraktionskolleginnen und -kollegen, die stark urban geprägt sind?
Anliegen aus dem Berggebiet unterstützen auch urbane Sozialdemokraten. Die Kosten von Olympischen Winterspielen oder die Zukunft der Wasserkraft beispielsweise interessieren auch sie. Es existieren manchmal sogar rot-grün-alpine Allianzen, wie in der Energiepolitik. Und mit Fragen zum Schutz von Sprachminderheiten stosse ich auf viel Verständnis.

Würden Sie sich nicht auch lieber mit der AHV oder den Krankenkassenprämien beschäftigen statt mit Wolf und Zweitwohnungen?
Natürlich setze ich mich auch mit den grossen nationalen Themen auseinander und kämpfe für die AHV und soziale Gerechtigkeit, für Menschenrechte und fairen Handel, für eine europafreundliche Politik. Es ist mir aber wichtig, dass auch die Anliegen der Randregionen eine rot-grüne Stimme in Bundesbern haben.

Aufgewachsen ist Silva Semadeni (66) bei ihren Grosseltern in Poschiavo. Als Historikerin befasst sie sich speziell mit der Geschichte Südbündens.