Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

Sex and the City

Stefan Gärtner begrüsst den «Tatort»-Umzug

Von Stefan Gärtner

Der Schweizer «Tatort» zügelt von Luzern nach Zürich. Das kann mir wurscht sein, denn meine «Tatort»-Jahre sind, nach sicherlich tausend Folgen (inkl. der Wiederholungen), nun mal vorbei. Der Luzerner «Tatort» ist mir überhaupt nur in Erinnerung, weil durch eine Folge «CS-Transporter» fuhren («Folgen Sie dem CS-Transporter!»), was aber gar nichts mit Reizgas zu tun hatte, sondern mit Schleichwerbungsvermeidung: Es waren Modelle von VW, aber man wollte nicht ständig «VW» sagen. Dabei fuhren Kommissar und Kommissarin die allerneusten, auf Hochglanz polierten VW-Fahrzeuge. Es war dies wunderbar geheuchelt, und nicht einmal mit Stil, und das war wirklich vorbildlich.

Dass es bald in Züri tatortelt, findet trotzdem meinen Beifall, weil ich nämlich ein Zentralisationsfan bin. Deutschland besteht ja seit einem Vierteljahrhundert im Wesentlichen aus Berlin, und das ist für uns Provinzler in Hannover, Köln oder München sehr angenehm. Sozialpolitik als Abbruchveranstaltung: Berlin, Sauftourismus: Berlin, Deutschland als Akteur auf der weltpolitischen Bühne mit «Sitz im Weltsicherheitsrat» (H. Maas): Berlin. Trends, Fashion, It-Menschen und Must-have-Quatsch: Alles Berlin, und ich kann mich raushalten. Denn während ich «lebe» (in Anführungszeichen), leben andere «in Berlin», und wie ichs hinschreibe, fällt mir auf, wo die nicht auszurottende Verlagsdummphrase «lebt und arbeitet in Berlin» herkommt: natürlich aus Berlin, weil Berliner Kreative die kleinstädtische Trennung von Leben und Arbeiten total nicht mehr verstehen.

Nein, man kann «bei uns» (Seehofer) nicht mal mehr ins Kinderkino gehen, ohne dass vom Filmplakat der Fernsehturm grüsst (Untergenre: Hauptstadtgören erleben Hauptstadtabenteuer, wobei die Hauptstadt sowieso schon ein einziges Abenteuer ist), und neulich hab ich, obwohl ich täglich weniger fernsehe, einen halben Mittelschichtsproblemfilm allein deshalb angeschaut, weil er in Köln spielte, was seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen war.

Klügere Völker begegnen ihren Metropolen ja mit Skepsis, und die Nichtpariser Franzosen hassen Paris, wie die Nichtzürcher Schweizerinnen Zürich hassen, denn da sitzen, wie in jeder Zentrale, die Macht und die Arroganz. Zu Berlin sind der deutschen Illustrierten «Stern» hingegen innert drei Jahren die Jahrhunderttitelzeilen «Die Magie unserer Hauptstadt» und «Die coolste Hauptstadt der Welt» eingefallen, weil in Deutschland alles Gute stets von oben kommt, und oben, das war Berlin, ist Berlin, bleibt Berlin. Und was ein Start-up ist, wusste der Weimarer Provinzfreund Goethe («Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden Residenzstädte Wien und Berlin oder gar nur eine, da möchte ich doch sehen, wie es um die deutsche Kultur stände») halt noch nicht.

Da kann der «Tagi»-Reporter Jean-Martin Büttner noch so herzzerreissend klagen, dass sich medial alles immer strenger in Zürich konzentriere und die Provinz sich mit journalistischen Tagesbesuchen aus Skandalanlass zufriedengeben müsse, denn damit gehe «vergessen, was die Schweiz zwar kompliziert macht, was sie aber auszeichnet: der Respekt für das Kleine und Nahe. Das Wort dafür heisst Föderalismus.» Denn die Leut, zumal die Medialkreativen, wollen es nicht mehr kompliziert, und wer nicht gegen die Macht sein kann, der will mit ihr sein. Und auf Respekt für das Kleine nicht mehr angewiesen.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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