Nr. 16/2018 vom 19.04.2018

Der Mann ohne Hals

Die juristische und parlamentarische Aufarbeitung der Taten des rechtsextremen Terrornetzes NSU dauert mehr als sechs Jahre an. Viele Fragen sind weiterhin nicht geklärt. Mehrere Schlüsselfiguren des NSU-Komplexes verweigern jegliche Aufklärung. Eine davon ist in die Schweiz abgetaucht.

Von Jan Jirát

«Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen.»
Aus der Trauerrede von Bundeskanzlerin Angela Merkel für die zehn Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) im Februar 2012

Das zweite Leben von Ralf Marschner hat ihn vor neun Jahren an einen Ort geführt, wo Geheimnisse gut aufgehoben sind: nach Vaduz, der Hauptstadt des Fürstentums Liechtenstein. Dort betreibt Marschner ein Antiquitätengeschäft in einer ausgedienten Scheune. Auf dem Hügel hinter der Scheune thront das Schloss des Fürsten, die Strasse davor führt über den Rheinkanal nach Sevelen im Rheintal, wo Marschner in einer unscheinbaren Blockwohnung für 1200 Franken Monatsmiete lebt.

Als die WOZ das Vaduzer Antiquitätengeschäft im Winter inkognito besucht, grüsst der untersetzte 46-Jährige mit unverkennbar sächsischem Dialekt – einem Überbleibsel seines ersten Lebens. Es ist kühl in der geräumigen Scheune, die randvoll ist mit alten Möbeln, Geschirr und Landwirtschaftsgerät. Einzig der verglaste Büroraum mit Computer ist beheizt. Dort hängt ein Wimpel des FC Vaduz an der Wand.

Darauf angesprochen, beginnt Marschner zu erzählen und landet bald einmal in seinem ersten Leben, beim FSV Zwickau, seinem Herzensverein, von dem er erst kürzlich ein Spiel in Karlsruhe besucht habe. Dann spricht er von früher, von den «Bullen», von Schlägereien mit anderen Fans. «Die haben uns damals in den Wald gebracht und dort verprügelt.» Die Zeit nach der Wende sei wild gewesen in Zwickau, der viertgrössten Stadt des Bundeslands Sachsen. Probleme mit der Polizei gab es nicht nur im Fussball, sondern auch bei den damaligen «Glatzenkonzerten».

Was Marschner nicht erwähnt: Er ist in den neunziger und nuller Jahren kein Mitläufer oder Freizeithooligan, sondern die bekannteste rechtsextreme Szenegrösse in Zwickau.

Die Dunkelheit überwinden

Genau dort waren zur selben Zeit auch Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe untergetaucht – das Kerntrio des später als Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) bekannt gewordenen neonazistischen Terrornetzes. Der NSU verübte zwischen 2000 und 2007 neun Morde an Migranten und einen Mord an einer Polizistin, hinzu kamen drei Sprengstoffanschläge und über ein Dutzend Raubüberfälle. 1998 tauchte das Kerntrio, das aus Jena in Thüringen stammte, in Westsachsen unter, zunächst in Chemnitz, ab Sommer 2000 dann im vierzig Kilometer entfernten Zwickau. Über ein Jahrzehnt lang blieb der NSU unentdeckt, ehe es im November 2011 zur Selbstenttarnung kam: Nach einem missglückten Banküberfall im thüringischen Eisenach brachten sich Mundlos und Böhnhardt um, worauf Zschäpe ihre gemeinsame Wohnung in Zwickau anzündete und sich vier Tage später der Polizei stellte.

Die Zwickauer Zeit ist das schwarze Loch im NSU-Komplex, denn es ist darüber kaum etwas bekannt. Zschäpe, die derzeit in München wegen Mittäterschaft an den zehn NSU-Morden vor Gericht steht, schweigt beharrlich. Und Ralf Marschner, der als Schlüsselfigur im Umfeld des rechtsterroristischen NSU gilt, entzieht sich der Aufklärung weitgehend, weil er in die Schweiz abgetaucht ist. Hier gibt es keine rechtliche Grundlage, um ihn als Zeugen – oder gar Beschuldigten – an den NSU-Prozess in München oder vor einen der vielen parlamentarischen Untersuchungsausschüsse zum Komplex vorzuladen.

Aber es gibt eine Reihe von Menschen, die versuchen, Licht in die Geschehnisse von damals zu bringen, die genau wissen wollen, was in Zwickau los war – im ersten Leben von Ralf Marschner.

Die «Alten mit den Lodenmänteln»

Jörg Banitz hat einen ganz eigenen Blick auf Zwickau. Der gross gewachsene 52-Jährige ist seit den späten achtziger Jahren als Jugendsozialarbeiter tätig, er hat die Entwicklung der Stadt also immer auch aus der Perspektive der Jugend erlebt. So auch die Wendezeit, die alles auf den Kopf stellte: «Das war eine gewaltige Zäsur, gerade für die Jugendlichen. Das alltagsprägende politische System zerfiel, die Jobs der Eltern brachen weg, die Autoritäten und Gewissheiten verschwanden. Viele Jugendliche suchten damals Halt und Orientierung. Sie fanden sie in der Skinheadkultur», sagt Banitz.

Wobei anfangs noch keine klare Grenze zwischen rechter und linker Skinheadkultur bestand, die Szenen überschnitten sich.

Das änderte sich im Lauf der Zeit. Auch wegen der «Alten mit den Lodenmänteln», wie Banitz erzählt. «So nannte man damals die Typen, die in der Dunkelheit in Limousinen mit bayerischem Kennzeichen vorfuhren und an den Partys von Jugendlichen in den Kleingartenanlagen rechtsextremes Propagandamaterial verteilten.» Das seien Mitglieder der damals in Westdeutschland aktiven rechtsextremen Parteien Die Republikaner und Deutsche Volksunion gewesen. Ab Mitte der neunziger Jahre vernetzte und radikalisierte sich die rechtsextreme Szene in der ganzen Region zusehends. Auch weil eine neue Generation von bereits ideologisierten und gewaltbereiten Jugendlichen hinzukam. Demgegenüber standen komplett überforderte Strafverfolgungsbehörden. Insbesondere die Polizei schaffte es nicht, die rechtsextremen Strukturen zu erfassen, geschweige denn zu bändigen.

Der Hammerskin aus Neuenburg

In dieser Zeit des Umbruchs lernte Jörg Banitz auch Ralf Marschner kennen, den in Zwickau praktisch alle nur «Manole» nennen. Oder «MoH» – Mann ohne Hals. «Als er Anfang der Neunziger nach Zwickau kam, lebte er in einer rechten Skinhead-WG, deren Markenzeichen eine aufgehängte Reichkriegsflagge war. Bereits 1991 griff er als Rädelsführer mit anderen eine Asylunterkunft an», sagt Banitz. Bald einmal sei seine Rolle für die rechtsextreme Zwickauer Szene prägend gewesen. «Manole war ein umtriebiger Netzwerker, eine schillernde Figur.» Banitz lernte ihn persönlich kennen, als Marschner auf der Suche nach Bandproberäumen war und öfter in Jugendeinrichtungen auftauchte. Die Musik war damals wie heute ein immens wichtiges Wirkungsfeld und eine ebenso wichtige Geldquelle für die rechtsextreme Szene.

Marschner organisierte nicht bloss unzählige Rechtsrockkonzerte in der Region und arbeitete dabei mit Leuten aus dem militant neonazistischen Blood-&-Honour-Netz zusammen, er spielte auch selbst in zwei Rechtsrockbands. Auf diesen Konzerten zeigten BesucherInnen regelmässig den Hitlergruss und brüllten «Sieg Heil», wie öffentlich gewordene Aktenauszüge aus dem NSU-Komplex belegen.

Ebenso aktenkundig ist ein von Marschner mitorganisiertes Nazikonzert in der Nähe von Leipzig im September 1998, in das auch Olivier Kunz involviert war: eine damals zentrale Figur des neonazistischen Hammerskin-Netzes aus Neuenburg, die enge Kontakte zur rechtsextremen Szene in Sachsen unterhielt. Die Musik blieb nicht Marschners einziges Tätigkeitsfeld innerhalb der rechtsextremen Szene. 1997 eröffnete er den Kleiderladen The Last Resort, der sich bald zu einem wichtigen Szenetreffpunkt entwickelte, wie Banitz erzählt.

Der Jugendsozialarbeiter hat mittlerweile einen eigenen Weg gefunden, damit umzugehen, dass seine Heimatstadt ein zentraler Schauplatz im NSU-Komplex ist. Er stellt zurzeit mit dem «Bündnis für Demokratie und Toleranz der Zwickauer Region» eine Geschichtswerkstatt für Jugendliche über das Thema zusammen. Dazu gehört eine Stadttour an die wichtigen Orte, etwa an die Frühlingsstrasse 26. Wo einst das Haus stand, das Beate Zschäpe nach der Selbstenttarnung des Kerntrios mit Benzin in Brand setzte, ist heute eine Wiese. Während die offizielle Politik in Zwickau den NSU-Bezug abhaken und den Blick nach vorne richten will, sagt Banitz: «Es ist wichtig zu verstehen, durch welche Strukturen es möglich war, dass die drei über ein Jahrzehnt lang unentdeckt bleiben konnten. Auch um gerüstet zu sein, dass so was nicht noch einmal vorkommt.»

Arbeitete Uwe Mundlos für Marschner?

Der Journalist Jens Eumann war dem NSU-Kerntrio auf den Fersen. Seit den neunziger Jahren berichtete er für die «Freie Presse» aus Chemnitz (zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt), ab 2004 dann aus Zwickau. Eumann war zu jener Zeit Lokalreporter. Er schrieb über Stadtpolitik, Kulturanlässe und Bauprojekte. Mit der rechtsextremen Szene in der Region befasst er sich erst systematisch, seit er 2009 ins Reporterressort wechselte. Der NSU-Komplex ist sein wichtigstes Dossier. Es gibt nur wenige JournalistInnen, die mehr darüber wissen.

In der Kaffeeecke der «Freien Presse»-Redaktion in einem wuchtigen Bürobau im Chemnitzer Stadtzentrum erzählt der 51-Jährige von seinen Recherchen: Rund 60 000 Aktenseiten hat Eumann seit 2011 gesichtet und über 300 Artikel zum Thema publiziert. Kaum eine Personalie hat ihn dabei so sehr beschäftigt wie Ralf Marschner. «Zur Zeit, als das NSU-Kerntrio in Zwickau lebte, war Marschner dort eine grosse Nummer in der rechten Szene. An ihm und seinem ‹Last Resort› kam niemand vorbei.»

In mehreren Artikeln hat Eumann nachrecherchiert, welche Spuren Marschner mit dem NSU-Kerntrio in Verbindung bringen. «Mehrere davon halte ich – anders als die Bundesanwaltschaft – für relevant, weil sie aus unterschiedlichen Quellen stammen und unabhängig voneinander Bestand haben. Jede Spur für sich allein könnte auch ein Zufall sein, aber in der Summe stützen sich diese Spuren gegenseitig», sagt Eumann.

Es gibt beispielsweise Zeugenaussagen, nach denen sich Zschäpe mehrmals in einem von Marschner mitbetriebenen Kleiderladen aufgehalten hat. Eine weitere Spur ist das Bau​geschäft, das Marschner von 2000 bis 2002 in Zwickau führte. Die Journalisten Dirk Laabs und Stefan Aust hätten einen ehemaligen Mitarbeiter ausfindig gemacht, der aussagte, Uwe Mundlos habe für Marschners Baufirma gearbeitet.

«Für mich steht ausser Frage, dass Marschner Kontakt zum NSU-Kerntrio hatte. Hingegen ist unklar, inwiefern er über die Aktivitäten des Trios Bescheid wusste, besonders von der Mordserie», sagt Eumann. Zu dieser Frage gebe es bisher nichts Stichhaltiges. Was auch daran liege, dass mehrere wichtige Spuren von den ErmittlerInnen nicht mit Nachdruck weiterverfolgt worden seien.

Kampfhündin Bonny

So auch bei einer Spur, die in die Schweiz führt: Bereits Anfang Dezember 2011, also kurz nach der Selbstenttarnung des NSU, meldete sich ein in der Schweiz wohnhafter Zeuge bei den Ermittlungsbehörden. Der Mann, der einst selbst der rechten Szene in Westsachsen angehört hatte, gab an, er habe Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos an einem Fussballturnier in der Kleinstadt Greiz gesehen – in Begleitung eines «fetten Mannes» mit Kampfhund, der einen Szeneladen in Zwickau führe.

Eine Beschreibung, die genau auf Marschner passt, schliesslich besass er damals tatsächlich eine Kampfhündin namens Bonny. Der Dicke habe ihn am Fussballturnier gefragt, ob er in der Schweiz an Waffen komme. Dieser Zeuge gab später in einem Porträt in der «Basler Zeitung» von sich preis, dass er illegal mit Waffen aus der Schweiz gehandelt habe: «Das wussten die Leute aus Zwickau.» Er gehe deshalb davon aus, dass es dort «mehr als ein paar Waffen aus der Schweiz gab».

Die Polizei Baselland hat den Zeugen zwar Ende Dezember 2017 einvernommen – ohne weiteren Erkenntnisgewinn –, ansonsten gab es im Zusammenhang mit dem Fussballturnier keine weiteren Ermittlungen. Die Spur sei «nicht unmittelbar primär aufklärungsbedürftig», hiess es.

«Nach annähernd sieben Jahren stelle ich fest, dass immer noch wahnsinnig viele Fragen offen sind», sagt Eumann gegen Schluss des Gesprächs. «Und zwar längst nicht nur in Bezug auf die Rolle von Marschner, der ist ja nur eines von ganz vielen Puzzlestücken. Das wirft kein besonders gutes Licht auf die staatliche Aufklärung.»

Grenzen des Föderalismus

Kerstin Köditz drückt es noch deutlicher aus: «Viele Leute glauben ja, die Krimiserie ‹Tatort› vermittle ein treffendes Bild der staatlichen Ermittlungsarbeit. Das ist ein Irrglaube. Die Realität ist leider kilometerweit davon entfernt.» Die Abgeordnete der Partei Die Linke im sächsischen Landesparlament weiss, wovon sie spricht: Sie ist zurzeit stellvertretende Vorsitzende des parlamentarischen Untersuchungsausschusses (UA) zum NSU-Komplex in Sachsen. Solche NSU-Ausschüsse gibt es – oder gab es – übrigens noch in weiteren sechs Landtagen, und auch der Bundestag setzte während der letzten beiden Legislaturperioden je einen NSU-UA ein.

«Unsere Befugnisse im Untersuchungsausschuss sind eigentlich sehr weitgehend. Wir dürfen beispielsweise Zeugen vorladen und vernehmen, die verpflichtet sind, die Wahrheit zu sagen – wie in einem Strafverfahren», sagt Köditz. Eine Vorladung Marschners sei dabei nie Thema gewesen. «Wir können nämlich prinzipiell nur Personen vorladen, die sich im Bundesgebiet aufhalten und hier eine ladungsfähige Anschrift haben. Das Schweizer Bundesamt für Justiz hat ja ein Rechtshilfegesuch des Bundes-UA zwecks Zeugenvernehmung von Marschner abgelehnt.»

Auch der Föderalismus setzte der Arbeit im sächsischen NSU-UA Grenzen: «Wir behandeln nur Fragen und Ereignisse, die Sachsen betreffen, und wir haben auch nur Zugang zu Akten aus Sachsen», so Köditz. So gesehen sei jeder einzelne Untersuchungsausschuss in den Bundesländern eine Art Satellit, der nicht – oder kaum – mit den anderen verbunden ist.

«Der Verfassungsschutz gehört abgeschafft»

Auch wenn Marschner nicht als Zeuge vorgeladen werden konnte, war er im UA ein wichtiges Thema. Auch wegen seiner Doppelrolle: Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), der deutsche Inlandsgeheimdienst, heuerte Marschner bereits 1992 als sogenannten V-Mann unter dem Decknamen «Primus» an – als Informanten, der regelmässig Informationen über die rechtsextreme Szene zu liefern hatte. «V-Leute sind Nazis, die für Geld Informationen verkaufen. Im Umfeld des NSU-Kerntrios wimmelte es von V-Leuten, und doch ist das BfV dem Trio nicht auf die Spur gekommen. Da muss man sich schon die Frage stellen, was diese Informationen der V-Leute-Nazis eigentlich wert sind», fragt Köditz.

Im Fall von Marschner – respektive «Primus» – war das BfV beispielsweise nicht darüber informiert, dass dieser im Jahr 2000 eine indizierte CD der Berliner Neonaziband Landser in seinem Szeneladen vertrieb, was ihm prompt ein Strafverfahren einbrachte. Dieses soll später eingestellt worden sein, die Akten dazu sind verschwunden.

«Eine wesentliche Erkenntnis aus dem NSU-Komplex ist, dass viele V-Männer das erhaltene Geld in den Aufbau neonazistischer Strukturen investierten», sagt die 51-jährige Köditz, die ihr Abgeordnetenbüro in der Kleinstadt Grimma nahe Leipzig hat. Ihrer Ansicht nach ist die V-Leute-Praxis gescheitert. «Der Verfassungsschutz gehört abgeschafft. Doch passiert ist das Gegenteil: Der BfV hat zuletzt sein Personal aufgestockt.»

Weil Marschner von 1992 bis 2002 für eine Bundesbehörde gearbeitet hatte – und nicht für den sächsischen Verfassungsschutz –, erhielt der UA im Dresdner Landtag keine Akten vorgelegt. Der letzte Bundestags-UA habe jedoch eine umfangreiche Recherche zur Personalie Marschner vorgenommen. «Die im entsprechenden Abschlussbericht dargelegten Erkenntnisse lassen meines Erachtens durchaus den Schluss zu, dass eine schützende Hand über Marschner gehalten wurde», sagt Köditz. Es seien über vierzig Ermittlungsverfahren gegen ihn aktenkundig, unter andererm wegen schwerer Körperverletzung, Hehlerei, Brandstiftung, Strafvereitelung. Vielfach sei der Verfahrensausgang unbekannt, oder es lägen keine Unterlagen mehr vor. «Insoweit bleiben bei uns, was die Rolle Marschners angeht, erhebliche Zweifel bestehen und wichtige Fragen offen.»

Eine dieser offenen Fragen ist, weshalb Ralf Marschner im Sommer 2007, wenige Wochen nach dem letzten NSU-Mord an einer Polizistin, Zwickau fluchtartig verlassen hat.

«Ich habe keine Zukunft mehr für mich in Deutschland gesehen», so begründet Marschner selbst seinen abrupten Weggang gegenüber der Staatsanwaltschaft Graubünden. Diese vernahm ihn – im Beisein von Beamten des deutschen Bundeskriminalamts (BKA) – im Oktober 2012 sowie im Februar 2013 im Zuge eines Rechtshilfeverfahrens mit der deutschen Generalbundesanwaltschaft. Es sind die einzigen Momente, in denen Marschner sein Schweigen brechen musste – auch weil am Prozess in München ein umfassender Beweisantrag zur Vorladung Marschners als Zeuge vom Gericht abgelehnt wurde.

Ein Teil dieser beiden Zeugenvernehmungen ist öffentlich. Marschner streitet nicht bloss sämtliche Bezüge zum NSU-Kerntrio ab, er verharmlost seine rechtsextremen Tätigkeiten und sein damaliges Umfeld als unpolitisch. «Generell würde ich sagen, dass ich nie ein Neonazi war», sagte er aus, und er könne auch nicht sagen, ob die Leute um ihn etwas gegen Ausländer hätten. Es sind Aussagen, die so im Raum stehen gelassen wurden.

Tatsächlich könnten wirtschaftliche Gründe Marschners Abgang aus Zwickau ausgelöst haben. Aus den Akten wird klar, dass er immer wieder grosse finanzielle Probleme hatte. Mit seinem Bauunternehmen etwa, das nur zwei Jahre existierte, häufte er Schulden von rund 100 000 Euro an, unter anderem weil er keine Sozialversicherungsbeiträge für seine Angestellten eingezahlt hatte. 2007 ging ein von Marschner betriebenes Modegeschäft pleite, wobei er es versäumte, Insolvenz anzumelden. Stattdessen folgte die Flucht aus Zwickau, wo er später in Abwesenheit wegen Insolvenzverschleppung verurteilt wurde. Seit 2012 liegt deswegen sogar ein Haftbefehl gegen Marschner vor. Doch die Schweiz liefert ihn nicht aus, da das infrage stehende Verhalten nach schweizerischem Recht – im Gegensatz zum deutschen Recht – im Höchstmass nur mit einer Busse geahndet werden könne, wie das Bundesamt für Justiz der WOZ auf Anfrage mitteilt.

Das St. Galler Steueramt sperrt sich

Immerhin ein Punkt ist klar: Marschners Weg vom ersten ins zweite Leben. Nach dem abrupten Weggang aus Zwickau im Sommer 2007 lebte er zunächst in Irland, wo er gemäss seinen Angaben beim WOZ-Kundenbesuch bei Dell arbeitete. Ein Jahr später zog er nach Österreich, wo er in einem Nobelhotel in Tirol als Nachtportier jobbte. 2009 zog Marschner weiter in die Schweiz, um in einem Bündner Nobelhotel zu arbeiten, ehe er Filialleiter eines Kleidergeschäfts in Chur wurde. Seit Mai 2015 führt er das Antiquitätengeschäft in Vaduz, und er gründete zeitgleich das Einzelunternehmen SOS Service Team, das Dienstleistungen bei Räumungen und Entsorgungen sowie Kleintransport anbietet.

Die WOZ hätte Marschner gerne offiziell zu einem Gespräch getroffen, die mehrmalige Anfrage blieb unbeantwortet. Der Schweizer Geheimdienst äusserte sich nicht zu den Fragen, seit wann er Kenntnis davon habe, dass ein ehemaliger Mitarbeiter des BfV hierzulande untergekommen sei, ob er dabei behördliche Hilfe erhalten habe und ob ausgeschlossen sei, dass Marschner weiterhin nachrichtendienstlich tätig sei. Auch das St. Galler Steueramt verweigerte der WOZ Einsicht in Marschners Steuerdaten, es gewichtete das private Interesse des Einzelnen höher als das öffentliche Interesse. Die Steuerdaten hätten einen Hinweis darauf liefern können, ob Marschner selbstständig finanziell durchkommt oder möglicherweise eine V-Mann-Rente erhält.

Bemerkenswert ist auch, dass Marschners Personalausweis gemäss Akten im Januar 2016 abgelaufen ist. Einer Anfrage bei der Passstelle der Deutschen Botschaft in Bern zufolge wird kein neuer Pass ausgestellt, wenn ein Haftbefehl besteht. Trotzdem reiste Marschner im letzten Monat zum Urlaub nach Irland, wie er auf Facebook mitteilte. Wie ist er an ein gültiges Reisedokument gelangt? Fast noch bemerkenswerter ist, dass er sich scheinbar sicher genug fühlt, um trotz eines bestehenden Haftbefehls nach Deutschland einzureisen, um ein Spiel seines alten Lieblingsvereins FSV Zwickau zu sehen.

Unbeantwortete Fragen bleiben auch in Marschners zweitem Leben bestehen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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