Nr. 21/2018 vom 24.05.2018

Regisseur von Erdogans Gnaden

Der Science-Fiction-Film «Grain» hatte eine exklusive Vorführung im Palast des türkischen Präsidenten. Wie kommt es, dass ein ehemals linker türkischer Regisseur Erdogan hofiert?

Von Ruhat Cicek

Handschlag im Palast: Semih Kaplanoglu bei der Gala seines Films, festgehalten vom Fotografen des Präsidenten. Foto: Turkish Presidency, Murat Cetinmühürdar, Anadolu, Getty

Eine Welt vor dem Abgrund – Klimakatastrophe, Flüchtlinge, und es gibt nur eine Lösung für die Betroffenen: eine geistlich geprägte Reise, an deren Ende das Paradies steht. Denn das Leben ist sowieso nur ein Traum, das echte Leben folgt erst, wenn wir sterben; Kämpfen ist also gar nicht erst nötig.

Davon erzählt «Grain», der neue Science-Fiction-Film des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu, hochgelobt in der deutschsprachigen Presse. Der Regisseur ist einer der bekanntesten Vertreter des aktuellen türkischen Kinos und hat unzählige Preise erhalten, unter anderem 2010 den Goldenen Bären für seinen Film «Bal» («Honig»). Doch als Kaplanoglu letzten September am Filmfestival im türkischen Adana den Preis für die beste Regie entgegennehmen wollte, weigerte sich die Schauspielerin und Moderatorin Meltem Cumbul, ihm die Hand zu geben. Sie warf ihm vor, sich auf die Seite der Mächtigen geschlagen zu haben und alle anderen zu diskriminieren. Kaplanoglu sah sich als Opfer einer «faschistischen Aktion» und fühlte sich von der Elite der Kunstschaffenden verlassen. Da kam ihm der mächtigste Mann des Landes zur Hilfe: Der seit sechzehn Jahren regierende und sich trotzdem als Opfer der Eliten fühlende Recep Tayyip Erdogan lud daraufhin seinen – aus seiner Sicht – Schicksalsgenossen für eine exklusive Vorführung von «Grain» in seinen Palast ein.

Plötzlich religiöse Motive

In seinen frühen Filmen wie «Angel’s Fall» (2005) thematisierte Semih Kaplanoglu soziale Probleme der in der Stadt lebenden Menschen, deren Einsamkeit, Ratlosigkeit sowie ihren individuellen Kampf und ihre Solidarität untereinander. Mit diesen Filmen suchte er die Anerkennung der Linken und Intellektuellen. Ausserdem schrieb er als Kolumnist für eine linke Zeitung. Doch dann drehte er die Kamera auf Anatolien. Die Natur in Anatolien, seltsame Beziehungen unter den Menschen dort und der Mystizismus zählten zu seinen neuen Themen. Auch religiöse Motive haben im Lauf der Zeit zugenommen, die Protagonisten trugen Namen der Propheten, und es gab weitere Anspielungen auf die Religion.

Damit erreichte Kaplanoglu in seiner Heimat ein neues Publikum. Der Teil der Gesellschaft, der mit Erdogans AKP sukzessive an Einfluss gewonnen hat, scheint sich nach einer intellektuellen Identifikationsfigur zu sehnen. Da kommt Kaplanoglus Wandel im richtigen Moment. Auf die Frage, warum er mit seinem neuen Film zu keinem westlichen Filmfestival eingeladen wurde, antwortete Kaplanoglu in einem Interview der türkischen Zeitung «Habertürk» im letzten Dezember, der Grund sei die Islamophobie im Westen. Ein kurioses Argument, sind doch fast alle seine Filme Koproduktionen mit westeuropäischen Produktionsfirmen, auch «Grain» ist mitfinanziert von Deutschland, Frankreich und Schweden. Im Heft des Schweizer Verleihers – der selber aus zeitlichen Gründen nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung stand – äussert sich der Regisseur jedoch ganz anders. Darin erzählt Kaplanoglu, wie er während der Dreharbeiten in Detroit Flüchtlinge aus Syrien kennenlernte und dass sein Film durchdrungen von heutigen Realitäten sei. «Wir, die Menschen, wir schaffen unüberwindbare Grenzen. Wir konstruieren diese Mauern und diese Grenzen im Namen der Sicherheit, ohne dass wir merken, dass wir damit unsere eigenen Gefängnisse errichten», wird er zitiert.

«Weiter mit Erdogan»

«Ich bezeichne Erdogan als Rebellen. Er ist sowohl gegen innere als auch gegen äussere Feinde. Ich sehe das seit zehn Jahren. Jetzt aber denke ich, dass dies alle erkannt haben.» Dies sagte Kaplanoglu im bereits erwähnten Interview im Dezember. Ausserdem schimpfte er über die Opposition. Die sei sehr naiv und nicht kritisch gegenüber jenen, die die Welt in die jetzige Situation gebracht hätten – gemeint sind die USA und Westeuropa, die für globale Ungleichheit und Ungerechtigkeit verantwortlich seien und mit dem Krieg den Irak zerstört hätten. Kaplanoglu schlägt wild um sich, vergisst jedoch, dass es die Opposition war, die damals Erdogans Regierung vom Krieg im Irak abgehalten hat, und dass es Erdogan war, der sich in den Krieg in Syrien eingemischt hat.

Kaplanoglu ist auch in den sozialen Netzwerken sehr engagiert. Als die türkischen Twitter-NutzerInnen Anfang Mai auf Erdogans anstehende Wahl mit dem Hashtag «Tamam» (Genug) reagierten, konterte Semih Kaplanoglu mit «Devam» (Weiter). 200 000 Menschen sitzen in türkischen Gefängnissen, darunter über 70 000 StudentInnen und über 150 JournalistInnen. Zehntausende Menschen wurden entlassen, darunter viele AkademikerInnen und JuristInnen. Und der Krieg im Osten des Landes und in Afrin hat vielen das Leben gekostet. Aber vielleicht sieht das alles ganz anders aus, wenn man es aus einem Palast mit tausend Zimmern betrachtet. Oder vielleicht ist sowieso alles nur ein Traum, und das bessere Leben für sie alle kommt erst noch.