Nr. 21/2018 vom 24.05.2018

«I Have a Dreamhochzeit»

Ruedi Widmer feierte mit

Von Ruedi Widmer

Eine Märchenhochzeit sei sie gewesen, die royale Hochzeit von Meghan und Harry. Eine Märchenhochzeit wäre es, wenn «Rotkäppchen und der böse Wolf» und «Der Wolf und die sieben Geisslein» einander heiraten würden. Eigentlich höchste Zeit, denn die beiden Märchen haben zusammen einen Wolf, und in diesen alten Zeiten ward es nicht gern gesehen, wenn der gemeinsame Wolf ausserehelich gezeugt wurde. Nennen wir sie Traumhochzeit.

Ich habe die Traumhochzeit im Fernsehen verfolgt. Die Kinder haben von Beginn weg in ihrer anfänglich erfrischenden Ahnungslosigkeit über das Geschehen gespottet («Warum haben die nur so alte Autos?», «Diese Hüte»). Von mir selber war mit der Zeit kaum noch Spott zu hören, ich fand, man solle es doch selber besser machen, und es hat mich dann gar berührt, wie jede Hochzeit, der ich bis jetzt beigewohnt habe. Es gelang mir, die Menschen von ihrem Amt zu trennen und ganz den Mann Harry und die Frau Meghan zu sehen, normale frohgemute junge Leute; oder die Frau Elizabeth, die etwas gestreng unter ihrem Hut hervorguckte. Eine normale Grossmutter halt, nicht besser oder schlechter als die alten Damen im Altersheim Adlergarten.

Ich kam für mich zum Befund, dass ich ausserhalb des Büros auch ein Mann sein darf, der von seinem Amt als Satiriker getrennt werden will. Der ganze Spott auf den Social-Media-Kanälen erschien mir platt. Ich trennte die Internetverbindung und gab mich ganz den Feierlichkeiten hin, die im bekannten Ort Windsor (England) bei prachtvollem Maiwetter abgehalten wurden.

Die Feier war in ihrem beinahe schlichten Pomp dem freudigen Ereignis angemessen. Die Rede des schwarzen Pastors war zwar gar politisch, er sprach von Martin Luther King vor der versammelten Krone und riss mich ein wenig aus meinen neu entdeckten royalen Träumereien.

An den Hochzeiten, an die ich eingeladen war, wurden manchmal von den Brauteltern alte Dias und Super-8-Filme aus der Kindheit der Brautleute gezeigt. Da hätte ich mir noch etwas mehr vom Prinzenvater gewünscht. Andererseits ist das Familienalbum der Windsors ja quasi im Besitz von Youtube und BBC, und das könnte auch der Grund gewesen sein, weshalb Charles auf eine kommentierte Diaschau verzichtete. Andererseits finden solche Shows im Normalfall nicht im Gottesdienst statt, das muss man natürlich auch sehen. Es ist also möglich, dass im Restaurant später doch noch auf diese Erzählform zurückgegriffen wurde. Es ist aber auch egal, weil man es doch nicht weiss, ausser man beschäftigt sich intensiv mit Royalismen; eine Fähigkeit, die mir leider nicht in die Wiege gelegt wurde und die die Frage aufwirft, weshalb diese Ausführungen hier in dieser Zeitung überhaupt erscheinen, zumal ein Grossteil der Leserschaft sich lieber mit «Dichtern und Denkern» abgibt als mit Leuten, die der genetische Zufall der Blutfarbe in ihre Ämter getrieben hat.

Was nicht nur mir auffiel, waren die vielen Berühmtheiten in der Kirche: George Clooney, Elton John, sogar die englische Königin (die ja sicher viele wichtige Regierungsgeschäfte erledigen müsste – z. B. Brexit); Leute, bei denen man denkt, die hätten so viel zu tun, dass man sie kaum getraut anzufragen, weil die kommen doch eh nicht, also mir wäre es so ergangen.

Die Fernsehübertragung endete mit einer bejubelten Kutschenfahrt des Brautpaars. Die Kinder waren in ihrer direktdemokratischen Art schon lange wieder beim Fussballspiel, und das Gehöhne über die lange Brautkleidschleppe, mit der man gar nicht S-Bahn fahren könne, war verstummt.

Ja, es war trotz der Einschübe zum Unrecht der Sklaverei eine traditionelle Traumhochzeit; die Royals, nennt es altmodisch, sind nach wie vor aus blauem Fleisch und Blut, eine durchaus sympathische Eigenheit dieses Völkchens, die man auch aus dem Film «Avatar» kennt.

Aus dem Sofa für die WOZ: Ruedi Widmer.

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