Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Boulevard Royal

Sobald sich königliche Familienmitglieder nicht mehr an die Regeln halten, bekommen sie Ärger. Aber damit sichert sich der Adel auch seine Existenzberechtigung.

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Im blühenden Mai letzten Jahres sassen weltweit Millionen vor den Bildschirmen, und nicht nur die NZZ berichtete via Liveticker über die «Märchenhochzeit», bis sie zufrieden-erschöpft meldete: «Das frisch vermählte Paar zieht sich zu privaten Empfängen zurück.» Prinz Harry hatte die US-Schauspielerin Meghan Markle geehelicht.

Nun gibt es ja noch einige Länder, die sich den Luxus eines Königshauses erlauben. Doch in den meisten spielt das, was der hauseigene Adel den lieben langen Tag treibt, keine grosse Rolle. Von Dänemarks Königin ist nur bekannt, dass sie beliebt sei, rauche wie ein Schlot und dass ihr kürzlich verstorbener Gatte sein Leben lang nicht darüber hinwegkam, nur Prinzgemahl und nicht König sein zu dürfen. In Norwegen gabs gerade ein bisschen Aufruhr, weil sich Prinzessin Märtha Louises schamanischer Liebhaber öffentlich über das gemeinsame Intimleben ausliess. Und dass auch schon ein Fürstensohn von Liechtenstein eine Afroamerikanerin zur Gattin nahm, weiss sowieso kaum jemand.

Lukratives Gegengeschäft

All das sind Peanuts im Vergleich zu dem, was die britischen Royals seit Jahrzehnten an Storys liefern beziehungsweise was die landeseigene Presse daraus macht. Doch es ist ein lukratives Gegengeschäft: Die Boulevardpresse scheffelt Geld, indem sie das Königshaus im Gespräch hält. Und das Königshaus verdient sich mit öffentlicher Aufmerksamkeit seine Existenzberechtigung. TouristInnen wollen die ProtagonistInnen der Skandale vom Balkon winken sehen, und die wohltätigen Aktivitäten der Familienmitglieder wirken ja auch nur, wenn ihnen jemand dabei zuschaut.

Ein böses Ende prophezeiten viele der Ehe zwischen der emanzipierten US-Amerikanerin und dem Prinzen aus konventionsstarrem Hause von Anfang an; in der öffentlichen Wahrnehmung ist die Rolle von Meghan Markle, Tochter eines weissen Vaters und einer afroamerikanischen Mutter, eine andere als die ihrer Schwägerin Kate, einer einst ebenfalls bürgerlichen Britin. Schon bei der Hochzeitszeremonie betonte das Paar die Herkunft der Braut: In der Kirche sang ein Gospelchor, und Michael Curry, schwarzer Bischof von Chicago, zitierte in seiner Predigt Martin Luther King.

Die Euphorie hielt nicht lange an. Was immer man Frauen traditionell an Charakterschwächen vorwirft, wurde Meghan offen und versteckt zugeschrieben: In Wahrheit herrsch- und streitsüchtig, zickig und intrigant, falle es ihr natürlich leicht, sympathisch zu wirken – sie sei ja Schauspielerin. Nur notdürftig verbargen sich dahinter rassistische Töne, die schon die Hochzeit begleiteten. Im ZDF «wurde die Hautfarbe der Braut während der von fast sechs Millionen Menschen gesehenen Übertragung zum Dauerthema», schrieb die «taz».

«Monarchie ist Showbiz!»

Inzwischen sind Harry und Meghan Eltern geworden und unternahmen mit Sohn Archie eine Reise durch Südafrika, auf der sie ein Dokumentarfilmteam begleitete. Gegenüber dem Filmer, der mit Harry seit Jahrzehnten privat bekannt ist, sprach das Paar offen über seine durch die Berichterstattung verletzten Gefühle; zudem reichten sie gegen bestimmte Boulevardblätter Klage ein, da Privates missbräuchlich und verfälscht an die Öffentlichkeit gebracht worden sei, unter anderem ein Brief von Meghan an ihren Vater, den dieser selbst an die Medien verkauft haben soll. Was zeigt, dass auch für Meghan die Herkunftsfamilie keine leicht zu tragende Bürde ist.

Auf die Klage reagierten viele Medien verschnupft, auch im Ausland. «Meghan und Harry sind auf Krawall gebürstet», erklärte die «SonntagsZeitung», denn «Monarchie ist Showbiz!» und der Griff zur Klage «spiessig». Dabei rückt der Dokfilm, den in dieser Woche auch das Schweizer Fernsehen sendete, in den Mittelpunkt, was in dem ganzen Schlamassel unterzugehen droht: Für viele Menschen in Südafrika, wo sich die Zeit der Apartheid nach wie vor überdeutlich in den sozialen Verhältnissen spiegelt, war es ein sichtlich bewegendes Erlebnis, von der Afroamerikanerin, die ins Königshaus des einstigen Kolonialreichs eingeheiratet hat, überzeugend und herzlich als «Woman of Color» und «Sister» begrüsst zu werden. Mögen sich die Zeiten weiter ändern – dort wie hier!

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch