Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Manchmal brutal und doch das Beste

Bettina Dyttrich plädiert für entzauberte Commons

Von Bettina Dyttrich

Vor zehn Jahren, lange ists her, kamen die neoliberalen Glaubenssätze für kurze Zeit ins Wanken. Auch die Verantwortlichen des sogenannten Wirtschaftsnobelpreises (der kein Nobelpreis ist) spürten den anderen Wind. Sie trafen 2009 eine sehr unorthodoxe Wahl. Nicht nur war die US-Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom die erste Frau in der Geschichte des Preises, sie forschte auch über ein besonderes Thema: über Commons, Gemeingüter, Allmenden. Im Wallis hatte sie untersucht, wie BäuerInnen kollektive Weiden nutzen und welche Regeln es braucht, damit das funktioniert.

Nicht erst seit 2009 sind Commons ein Lieblingskind von Bewegungslinken. Gemeinschaftliche Organisation von Gütern und Institutionen könnte ein dritter Weg sein: Weder plant der Staat die Wirtschaft von oben, noch wird sie dem «Markt» überlassen. AktivistInnen für freie Software lassen sich genauso von Commons inspirieren wie die Bewegung für solidarische Landwirtschaft. Das ist gut so – allerdings wird dabei oft romantisiert, was das Zeug hält. Die Commons sollen als Lösung für alle Verteilungsfragen dienen, die grosse Harmonie bringen, für die ganze Welt offen sein.

Ostroms Walliser Commons sind so ziemlich das Gegenteil: geprägt von Konflikten und Zugangsbeschränkungen. Letztere sind laut der 2012 verstorbenen Wissenschaftlerin essenziell: Es braucht strenge Regeln, um eine Übernutzung des Landes zu verhindern, und Sanktionen bei Regelverstössen. Im Gegensatz zu Wissensressourcen sind natürliche Ressourcen begrenzt.

Die Universität Bern forscht zu Schweizer Commons und hat letzte Woche in Altdorf eine Tagung organisiert – zu Gast bei der Korporation Uri, die bis heute Flächen in Kollektivbesitz verwaltet. Für Commons-RomantikerInnen ernüchternd: Die erwähnten Regeln konnten ganz schön brachial sein. Im Wallis verloren Familien von Frauen, die einen «Auswärtigen» heirateten, ihre Nutzungsrechte. Also tat das fast niemand, viele blieben unverheiratet, die Geburtenrate sank. Ziel erreicht – aber das Leiden kann man sich vorstellen. Auch konnten Gesellschaften, die gegen innen recht solidarisch organisiert waren, mit ihren UntertanInnen brutal umspringen, wie etwa die Urner in der Leventina.

Das alles ist kein Grund, sich enttäuscht vom Thema Commons abzuwenden. Bei allen Widersprüchen und Konflikten bleibt die kollektive Organisation von Gütern oft das beste Modell. Es bremst die Konzentration von Reichtum und stützt die Armen – «die Aufhebung der Allmende im Kanton Luzern war für die Ärmsten eine Katastrophe», führte die Wirtschaftshistorikerin Anne-Lise Head aus. Der Sozialanthropologe Tobias Haller schaute in die Zukunft: «Wie ermöglicht der politische Kontext der Schweiz Experimente für die Neuentstehung von Institutionen von unten?» Es ist wohl Zeit, dass städtische Gemüsegenossenschaften in die Berge aufbrechen, um von Alpgenossenschaften zu lernen – und umgekehrt.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin und fragt sich, ob auch die WOZ ein Gemeingut ist.

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