Nr. 26/2018 vom 28.06.2018

Neun Königinnen für ein besseres Leben

Der Bass ist hier eine Tuba, getrommelt wird doppelt: Was der Saxofonist Shabaka Hutchings mit seinen Sons of Kemet treibt, ist frei von allem, was ranzig schmeckt am Jazz.

Von Klaus Walter

Da gibt sogar die Jazzpolizei auf: Die Sons of Kemet. Foto: Pierrick Guidou

Welche Funktion hat eigentlich ein Songtitel, wenn die Musik ohne Worte auskommt? Der US-Musikwissenschaftler Lawrence Kramer begreift den Titel als «hermeneutisches Fenster», das den Raum zur «Interpretation von Sound» öffnet, statt die Möglichkeiten der Deutung zu verengen. Das schönste hermeneutische Songtitelfenster verdanken wir dem Jazzgiganten Charles Mingus: «All the Things You Could Be by Now if Sigmund Freud’s Wife Was Your Mother». In acht Minuten gibt die wortlose Musik keinen Anhaltspunkt, was du sein könntest, wäre Sigmund Freuds Frau deine Mutter, aber du hörst den nervösen Klassiker auch beim 1000. Mal aufmerksamer, als hätte Mingus ihn, sagen wir, «You and Me» getauft.

Beim neuen Album der Sons of Kemet geht bei jedem Song ein hermeneutisches Fenster auf. Die Sons of Kemet sind eine Afrojazzband aus London: vier Leute, zwei davon Schlagzeuger, dazu die perkussive Tuba von Theon Cross und das grenzensprengende Saxofon von Shabaka Hutchings. Kemet ist der altägyptische Name für Ägypten und verweist auf die politische Agenda der Band. Im geschichtsphilosophischen Verständnis des Afrofuturismus, der im Zuge des Blockbusters «Black Panther» gerade eine Renaissance erlebt, ist Ägypten eine jener hoch entwickelten schwarzen Zivilisationen, die von weissen Imperialisten geplündert und ausradiert wurden. Auf der Suche nach einem besseren Leben orientiert sich der Afrofuturismus an glorreichen Vergangenheiten, die aus der weissen Geschichtsschreibung gelöscht wurden. So wird Kemet – Ägypten – zur Chiffre für eine Zukunft jenseits von Sklaverei und Rassismus. AfrofuturistInnen arbeiten an einer Gegenerzählung; dabei helfen Kulturtechniken, die das Re- im Namen tragen: Re-Interpretation, Re-Cycling, Re-Mix, Re-Konstruktion, am Ende gar: Re-Volution.

Die Reptilienkönigin ist da

Eine Re-Vision stellt bei Sons of Kemet schon der Albumtitel dar: «Your Queen Is a Reptile». Das Reptil, so stehts in den Liner Notes, ist «eure Königin», die im Namen des britischen Empire «unsere Vorfahren» ausgebeutet und gequält hat: «Your Queen is not our Queen. She does not see us as human.» Der weissen Reptilienkönigin setzen die Sons of Kemet schwarze Königinnen entgegen: «My Queen Is Ada Eastman» heisst der erste Song, «My Queen Is Doreen Lawrence» der letzte. Wir werfen die Suchmaschine an und erfahren, dass alle neun Queens auf «Your Queen Is a Reptile» schwarze Frauen sind, die den Lauf der Geschichte verändert haben – darunter Angela Davis, linke Bürgerrechtsaktivistin von 1968 bis heute, und Harriet Tubman, die im Sezessionskrieg entlaufenen SklavInnen half, in den Norden der USA zu fliehen.

Wundersamerweise öffnen sich bei der Recherche der Königinnen und dem gleichzeitigen Hören der Musik tatsächlich hermeneutische Fenster, durch die wir auf neue (Be-)Deutungen schauen. Bei so viel Konzept kommt schnell die Jazzpolizei mit dem reflexhaften Einwand, dass vor lauter Überbau die Musik zu kurz komme. Dabei wäre «Your Queen Is a Reptile» auch eins der aufregendsten, weil Jazz transzendierenden Alben dieser Tage, wenn die Songs nur Nummern als Titel hätten, wenn es keine Liner Notes, keine Cover Art, also gar keinen Überbau gäbe. Gibt es aber, und das macht das Album zu einem beglückenden Kunstwerk im Geiste Hanns Eislers: Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts.

Weg mit dem hohen Ton

Ausgedacht hat sich das alles Shabaka Hutchings, Gründer der Sons of Kemet und Schlüsselfigur der gefeierten neuen Londoner Jazzszene, die man vielleicht besser «Bewegung» nennen sollte, weil sie so frei ist von allem, was ranzig schmeckt am Jazz: Reinheitsgebote, hoher Ton, ausgestelltes Virtuosentum. Stattdessen weht hier der Wind von Post Punk, No Wave, Fake Jazz, es öffnen sich Fenster in die Zeit zwischen 1978 und 1984, in jene hoch produktive Phase mit vergessenen Bands wie Pigbag, Rip Rig + Panic oder Defunkt.

Shabaka Hutchings sagt von sich, dass er sich nicht als in einer einzigen Tradition eingeschlossen sehe. Als einziger Sohn einer schwarzen Mutter wird er 1984 in London geboren, mit sechs kommt er nach Barbados, wo er seine musikalische Erziehung geniesst, mit sechzehn zurück nach London: «Bei mir als diasporischer Person ist die Kultur aus Afrika in die Karibik gewandert und von dort nach Britannien, also muss ich bei meiner Musik bedenken, was es heisst, nicht von einem einzigen Ort herzukommen.»

So sind auch die Sons of Kemet geprägt von afrokaribischen Soundflüssen, von der Bass Culture, die in Britannien das sogenannte Hardcore Continuum gestiftet hat, die lange Tradition von Tanzmusiken, die nicht denkbar wären ohne die musikalischen Importe schwarzer BritInnen aus den ehemaligen Kolonien: Dancehall Reggae, Jungle, Drum ’n’ Bass, Dubstep, Grime … Bei den Sons of Kemet und anderen Projekten von Shabaka Hutchings haben wir es also mit Hybriden aus einem postkolonialen Kontinuum zu tun. Dagegen sieht der weisse Dadrock der Herren Gallagher, Weller & Co. so alt aus wie die Reptilienkönigin Elisabeth gegen die Queens der Sons of Kemet.

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