Nr. 26/2021 vom 01.07.2021

Wütende Jazzschamanen

Von Dominic Schmid

Voller Bewunderung bezeichnete der «Guardian» den britischen Saxofonisten Shabaka Hutchings als «aufwieglerischen Priester-Schamanen-Rapper-Akademiker», dessen Rolle es sei, «das Unaussprechliche zu singen». Das war 2018, als Hutchings mit Sons of Kemet – einem der drei Ensembles, mit dem der Musiker mit Wurzeln auf Barbados die britische Jazzszene aufmischt – gerade das Album «Your Queen Is a Reptile» veröffentlicht hatte. Es war ein fulminantes, tanzbares, beinahe fröhliches und vor allem lautes Jazzalbum, das Schwarzen Frauen wie Harriet Tubman oder Angela Davis ein musikalisches Denkmal setzte. Wer Sons of Kemet einmal live gesehen hat, weiss um die archaische Energie, die die ungewöhnliche Besetzung aus Saxofon, Tuba und zwei Schlagzeugen freisetzen kann.

Seither sind die Zeiten noch etwas düsterer geworden, und da Hutchings mit dieser Band laut einem Interview den Zeitgeist nicht nur einfangen, sondern auch auf ihn reagieren möchte, herrscht auf dem neuen Album «Black to the Future» eine neue Stimmung vor. Fast verschwunden sind – von wenigen spektakulären Ausnahmen wie «Let the Circle Be Unbroken» abgesehen – die langen, hypnotisch-drängenden Solos und die improvisiert wirkenden Exkurse in andere Sphären. Stattdessen dominieren Spoken-Word-Performances verschiedener Dichter und Rapper, die für einmal ausformulieren, was die Musik nur andeutet. Im letzten Song «Black» sinniert Joshua Idehen traurig-aggressiv über die Situation der Schwarzen Bevölkerung in Grossbritannien und den USA: «Dieser Schwarze Schmerz und dieser Schwarze Kampf – sie sind Tanz.» Aber auch: «Ihr habt bereits die ganze Welt. Lasst uns in Frieden!»

Auch wenn sich die gerechte Müdigkeit nie direkt auf die Musik überträgt, haben sich die vergangenen Jahre des immer noch zunehmenden Rassismus, der Polizeigewalt, aber auch von Black Lives Matter in der Stimmung des Albums niedergeschlagen. Der Ton ist konzentriert und düster, aber auch gemeinschaftlich geprägt. Vor allem aber: wütend. Es ist der Sound der Revolution, von der man in stolzer Resigniertheit nicht mehr glaubt, dass sie jemals kommen wird. 

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