Nr. 26/2018 vom 28.06.2018

Vom Wert des langen Atems

Agroscope ist einer nächsten Sparrunde und grundlegenden Umorganisation entkommen – vorerst. Doch was steht eigentlich auf dem Spiel, wenn die landwirtschaftliche Forschung in der Schweiz weiter zusammengekürzt wird?

Von Cathrin Caprez (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Wir optimieren die Pflanzen, sodass sie draussen im Feld möglichst gut mit Krankheiten klarkommen»: Franz Schubiger von Agroscope.

Noch sieht der Rotklee gesund aus. Jeweils ein paar wenige Pflänzchen teilen sich eine kleine graue Kiste. Etwa hundert solcher Kisten stehen eine neben der anderen in einem sonnigen Gewächshaus am nördlichen Stadtrand von Zürich auf dem Gelände von Agroscope in Reckenholz. Doch der gesunde Anschein der Pflanzen trüge, erklärt Franz Schubiger, Leiter der Gruppe Futterpflanzenzüchtung: «Diese Rotkleepflanzen wurden allesamt mit einem Pilz namens Südlicher Stängelbrenner infiziert. Der befällt den Klee vor allem im Sommer und lässt ihn danach absterben.» Bis vor etwa zwanzig Jahren war der Pilz in der Schweiz kaum bekannt. Seit die Sommer wegen des Klimawandels zunehmend wärmer werden, gefällt es dem Schädling aber je länger, desto besser in unseren Breitengraden.

In diesen grauen Kisten werden ein paar wenige Rotkleepflanzen die Pilzkrankheit überleben – jene mit einer natürlichen Resistenz gegen den Südlichen Stängelbrenner. Ihre Samen säen Mitarbeitende von Franz Schubiger dann auf verschiedenen Testfeldern aus: am Bodensee, am Jurasüdfuss, am Zugerberg. Zwei bis drei Jahre später lesen die FutterpflanzenzüchterInnen dann die besten aus. «Wir optimieren so die Pflanzen darauf, dass sie draussen im Feld möglichst gut mit Krankheiten klarkommen und ausserdem viel Ertrag liefern», sagt Franz Schubiger. «Zudem testen wir im Labor ihre Qualität, sprich, wie gut verdaulich sie für einen Kuhmagen sind.»

Nach demselben Prozedere gehen Franz Schubiger und seine acht MitarbeiterInnen auch mit verschiedenen Gräsern vor. Diese Gräser-Klee-Mischungen aus dem Züchtungsprogramm von Agroscope sind das wichtigste Futter für die rund 550 000 Milchkühe in der Schweiz. Je mehr Nährstoffe dieses sogenannte Raufutter den Kühen liefert, desto weniger importiertes Kraftfutter wie beispielsweise Sojaschrot müssen die LandwirtInnen zufüttern. Das schont die Umwelt, kostet weniger, und nicht zuletzt ist die Milchqualität besser, wenn die Kühe weniger Kraftfutter zu fressen bekommen.

Forschung mit Eigenheiten

Pflanzen zu züchten, ist unspektakulär und erfordert einen langen Atem. Bis die AgrarforscherInnen ein neues schmackhaftes Gras für ein Kuhmaul gezüchtet haben, vergehen fünfzehn bis zwanzig Jahre. Die Vorgängerinstitutionen der heutigen Agroscope begannen in den fünfziger Jahren mit der Züchtung von Futterpflanzen – mit Erfolg: «Es ist eine Schweizer Spezialität, dass wir auf unseren Wiesen Mischungen aus verschiedenen Gräsern und Kleesorten ansäen», erklärt Franz Schubiger. «Das wird jetzt zunehmend auch im Ausland so gemacht.» Denn Klee zusammen mit Gräsern anzupflanzen, spart Dünger und schont den Boden. Zudem züchten Franz Schubiger und seine MitarbeiterInnen die meisten Gräser und Kleesorten unter Biobedingungen – von den rund 35 Standardfuttermischungen aus dem Züchtungsprogramm von Agroscope profitieren darum auch die Biobäuerinnen und -bauern.

Pflanzenzüchtung ist nur eines der Forschungsfelder von Agroscope. Doch sie zeige einige Eigenheiten der landwirtschaftlichen Forschung besonders gut auf, sagt Peter Moser, Leiter des Archivs für Agrargeschichte (AfA) in Bern: «Agrarische Forschung bleibt zu einem gewissen Teil immer boden- und damit standortgebunden. Das heisst beispielsweise, dass der Getreidebau in der Waadt nicht auf genau dieselbe Art und Weise erfolgen kann wie in Graubünden. Diesen Eigenheiten versucht auch die wissenschaftlich orientierte Agrarforschung seit hundert Jahren Rechnung zu tragen.»

Derzeit kann Agroscope das noch tun. Sie ist mit zwölf Standorten in den verschiedenen Regionen vertreten. Das bringe noch andere Vorteile, sagt Monika Messmer, Leiterin der Abteilung Pflanzenzüchtung am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), einer unter anderem vom Bund unterstützten privaten Stiftung: «Wir betreiben neben dem Hauptstandort in Frick auch einen Ableger in der Westschweiz. Das ist wichtig für den Kontakt zu den Bäuerinnen und Bauern – gerade über die Sprachgrenzen hinweg.» Die LandwirtInnen profitierten so von den jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnissen – zugleich haben die AgrarforscherInnen auch besseren Zugang zu deren Erfahrungen und Wissen. Doch Peter Moser stellt fest, dass die Wertschätzung für dieses regionale Wissen mit dem Aufkommen der wissenschaftlichen Forschung immer wieder infrage gestellt wird: «Es kam der Glaube auf, dass es etwa nur eine richtige Methode gibt, wie man erfolgreich Getreide züchten kann.»

Dabei ist ausgerechnet die Getreidezüchtung in der Schweiz eine Erfolgsgeschichte. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts lag der Weizenanbau für Brotgetreide in der Schweiz fast komplett darnieder – eine Folge der ersten Globalisierungswelle, die günstigen Weizen aus Übersee in die Schweiz brachte. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, mussten darum 85 Prozent des Brotweizens importiert werden. Die Regierung entschied sich, die Züchtung von einheimischen Weizensorten, die im hiesigen Klima gut wachsen, zwei staatlichen Forschungsinstituten aufzutragen: der landwirtschaftlichen Versuchsstation Mont-Calme in Lausanne und der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt Zürich Oerlikon, einem der Vorgängerinstitute von Agroscope in Reckenholz. Als Resultat konnte sich die Schweiz ab Mitte der achtziger Jahre komplett mit einheimischem Weizen versorgen. Diese Sorten erwiesen sich als erstaunlich robust, sagt Monika Messmer vom FiBL: «Aufgrund dieser Züchtungen können wir die einheimischen Brotweizensorten ohne Fungizide anbauen. Gerste hingegen, wo einheimische Sorten fehlen, muss mit Pestiziden behandelt werden, damit sie genügend Ertrag bringt.»

Kranke Pflanzen im Lauf der Zeit

Den gemeinsamen Namen «Agroscope» für die zwölf Standorte gibt es erst seit 2014. Dieser Zusammenschluss war die Folge einer von mehreren Reorganisationen und Sparrunden, die die landwirtschaftlichen Forschungsinstitute seit Mitte der achtziger Jahre betrafen. Dem zum Opfer fielen beispielsweise auch die Züchtungen mit Dinkel und Triticale. Übernommen hat diese Züchtungsprogramme die Getreidezüchtung Peter Kunz, ein Verein, der sich grösstenteils aus Spenden finanziert und ausschliesslich biologische Sorten für den Schweizer Markt züchtet. Sie ist eines der letzten kleinen Unternehmen hierzulande – und profitiert vor allem von der Forschung zu Pflanzenkrankheiten, wie Geschäftsführer Herbert Völkle sagt: «Wir als kleines Züchtungsunternehmen können nicht mit der notwendigen Intensität untersuchen, wie sich die verschiedenen Pflanzenerkrankungen über die Zeit verändern und anpassen.» Für die Forschung an kranken Pflanzen gilt seiner Ansicht nach dasselbe wie auch für die Züchtungsarbeit: «Es braucht dafür ein gesundes, stabiles Arbeitsumfeld, in dem sich die Menschen auf ihre Forschung konzentrieren können. Das ist besonders wichtig in einem Forschungsgebiet, auf dem die Ergebnisse erst nach zehn, fünfzehn Jahren zu sehen sind.»

Jede weitere Umstrukturierung, jede weitere Sparrunde bedroht das über Jahre gewachsene Know-how der Agroscope-MitarbeiterInnen – und rückt einen Grundsatzentscheid immer näher heran: Will der Bund in der Schweiz noch ernst zu nehmende landwirtschaftliche Forschung finanzieren – oder soll dieses Feld früher oder später den grossen, globalen Agrarkonzernen überlassen werden? Vor eineinhalb Jahren erst präsentierte das Bundesamt für Landwirtschaft die «Strategie Pflanzenzüchtung 2050» – ein Strategiepapier, das aufzeigen sollte, wie die Pflanzenzüchtung in der Schweiz gestärkt werden könnte. Schon damals war klar: Mehr Geld für die Züchtung einheimischer Pflanzensorten würde es nicht geben. Derzeit ist eher das Gegenteil zu befürchten.

Überstürzte Videokonferenz

«Strategielose» Re-Re-Reorganisation

Es habe sich um eine «Kommunikationspanne» gehandelt, so Bundesrat Johann Schneider-Ammann im Nachhinein. Weil seine Pläne bereits an die Medien durchgesickert waren, teilte der Landwirtschaftsminister den Agroscope-MitarbeiterInnen Mitte März in einer überstürzten Videokonferenz mit, dass das Budget von Agroscope um zwanzig Prozent gekürzt werden solle. Dazu sollten die sieben Forschungsinstitute in Posieux, Kanton Freiburg, zusammengelegt werden. Die verschiedenen Testfelder sollten von dort aus als «Satelliten» betreut werden. Heute arbeiten knapp 900 Angestellte für Agroscope. Zwischen 500 und 600 Personen wären laut dem Personalverband Transfair von der Reorganisation betroffen.

Im Parlament stiessen die Pläne auf heftigen Widerstand: Die letzte Reorganisation von Agroscope war auf Anfang 2017 in Kraft getreten und sei noch nicht einmal evaluiert worden, kritisierten verschiedene ParlamentarierInnen. Als «strategielos» und «schädlich für die Forschung» wurden die Pläne des Landwirtschaftsministers im Nationalrat bezeichnet – er forderte per Motion einen «sofortigen Marschhalt» im Fall von Agroscope. Der Ständerat will den Bund neu sogar gesetzlich dazu verpflichten, landwirtschaftliche Forschungsanstalten in verschiedenen Landesteilen zu betreiben.

Dass die Agroscope-MitarbeiterInnen deswegen aufatmen können, ist alles andere als sicher. Eva Reinhard, seit kurzem oberste Leiterin von Agroscope, befürwortet die Zentralisierungspläne. Und Bundesrat Johann Schneider-Ammann betonte nach der Parlamentsdebatte, er habe nach wie vor einen Sparauftrag zu erfüllen.

Cathrin Caprez

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch