Der totale Ablöscher (3): Der Wutkaugummi

Nr. 28 –

Wenn es etwas gibt, worüber man wirklich wütend werden sollte, dann ist es die Wut selbst.

«Vergiss die Wut nicht!» Man sollte sich nicht selber zitieren, aber ich mach hier eine Ausnahme – denn ich will mir lediglich selber widersprechen.

2011 stand ich auf einer riesigen Bühne in der O2-Arena in Hamburg. Es war das Finale der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften. Zwanzig Jahre jung war ich damals, und für dieses Finale hatte ich mich erst am selben Nachmittag qualifiziert. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und deswegen auch keinen fertigen Text mehr übrig, weshalb ich im Backstagebereich irgendetwas zusammenschustern musste, um es nur wenige Minuten später diesen 4000 ZuschauerInnen vorzutragen. Mein zwanzigjähriges Ich sass dort also verzweifelt: Dies sollte der bisher grösste Auftritt meines Lebens werden, und ich hatte den Leuten nix zu sagen. Was für eine Katastrophe.

Da war nur dieser eine Satz, der seit Wochen in meinem Kopf umhergeisterte: «Vergiss die Wut nicht.» Wie ein hartnäckiger Refrain drehte er sich in meinem Kopf. Diese Aufforderung an mich selber, an einen jungen Schreibenden, dessen Ideal das Pathos war und dessen Überzeugung es war, dass die Wut der perfekte Treibstoff sei für Texte, die im besten Fall die Welt verändern und im schlechtesten Fall von der Gesellschaft nicht verstanden würden.

Kampfschriften sollten es sein, ja nichts Aalglattes, und wenn man fluchen muss, damit die Leute zuhören, dann flucht man eben. Natürlich lieferten die Texte keine konkreten Lösungsansätze, aber sie waren ja auch für die Bühne gemacht, und Hauptsache war, dass eine «gewisse Energie» auf das Publikum überschwappte.

Damals bastelte ich also hinter der Bühne eine fragmentarische Aneinanderreihung von Sätzen, in denen ich lautstark dafür plädierte, nie die Wut zu vergessen. Weil, wenn man die Wut vergässe, würde man zum angepassten Menschen, der nur dazu dient, alles zu konservieren, sodass nichts sich ändert und alles so bleibt, wie es ist. Gut gebrüllt! Ich wurde souverän Letzter.

Als gäbe es eine Belohnung

Heute, sieben Jahre später, hat sich die Welt verändert. Die Wutrede ist mittlerweile von anderen Menschen gepachtet worden, das Schimpfen gegen Missstände wird für andere Ideen gebraucht, der «Wutbürger» ist entstanden und haut in die klebrige Tastatur, wie furchtbar er diese hiesigen Zustände findet. Ganze Wählerschaften werden durch solche Tiraden an die Urne gebracht, und da steht man dann da, als Mensch, der sich doch geschworen hatte, niemals die Wut zu vergessen, und denkt sich: «Aber so eine Wut habe ich nicht gemeint!»

Nun gibt es die hartgesottenen WeltverbesserInnen, die sich davon nicht abschrecken lassen wollen: Wut sei ein «linkes» Antriebsmittel und solle auch ein solches bleiben! Sie reagieren mit Wut auf die Wut, auf einen Roger-Köppel-Artikel folgen hundert wütende Kolumnen, auf jeden reisserischen Tweet von Donald Trump tausendfache Empörung. Es ist ein riesiger Wutkaugummi, der von links bis rechts wiedergekäut wird. Als wäre allen Algorithmen des Internets ein Belohnungsmechanismus für Wutausbrüche einprogrammiert, als wüsste heute jedeR, dass eine «gewisse Energie» auf das Publikum überschwappt, wenn man es nur anbrüllt.

Und da stehe ich nun als Idealist, der ich mal war, stehe da vor dem eingekrachten Kartenhaus und denke mir: Jetzt haben mir die meine Wut genommen.

Doch vielleicht ist es das Beste, was passieren konnte. Vielleicht öffnet genau dieser Umstand neue Türen für die eigentlich so grossen, linken Ideen. Wo früher eine pathetische Rede für den Weltfrieden und gegen die konservativen WeltverschlechterInnen gehalten wurde, könnte schon morgen ein konstruktiver Lösungsvorschlag angebracht werden. Wo früher jemand einen Stein warf, könnte morgen … ähm … eine Abstimmung gewonnen werden! Am Ende gar eine selbstlancierte. Denn vielleicht wird das gemeine Volk schon bald der Motzerei überdrüssig und sein Ohr dem konstruktiven Argument schenken! Und wer wird da am längeren Hebel sitzen? Also.

Immer schön ruhig bleiben

Ich sollte der Wut Tschüss sagen. Zumindest als Mittel zur Stimmungsmache. Denn was bringt es, wenn ich mich aufrege? Wem bringt es etwas, wenn ich mich aufrege, dass Melania Trump beim Besuch eines Heims für von ihren Eltern getrennte Migrantenkinder eine Jacke trägt mit der Aufschrift «I really don’t care, do you?». Ich mein, ich kenn die ja nicht mal. Was bringts, wenn ich mich zum x-ten mal über Köppels propagandistische Titelblätter aufrege? Oder über den Cervelat-Rassismus von SVP-Nationalrat Andreas Glarner? Oder über die chauvinistischen Kackaussagen von Theaterregisseur Frank Castorf? Oder dass Waffenexporte weiter vereinfacht werden? Oder darüber, dass die SchweizerInnen immer wieder in ihrer arroganten Passivität verharren?

Oder, oder, ODER?! NEIN! GOTTVERDAMMTE SCHEISSE, ICH LASSE MICH NICHT IN RAGE BRINGEN! WIR WERDEN IN RUHE UND MIT SACHLICHEN ARGUMENTEN DIE WUTBÜRGER UND WUTBÜRGERINNEN DIESER WELT AUF UNSERE SEITE ZIEHEN, DENN WIR WERDEN VIELLEICHT DIE WUT DEN GEGNERN ÜBERLASSEN, ABER NICHT DAS FELD!!!!

Laurin Buser ist Slampoet, Rapper und Moderator aus Basel, wohnhaft in Hamburg.

In der WOZ-Sommerserie «Der totale Ablöscher» sind AutorInnen eingeladen, sich über ein Detail zu ärgern, das ihrer Meinung nach für die Übel der Welt verantwortlich ist.