Nr. 29/2018 vom 19.07.2018

Weisse Socken revisited

Jede gelesene Kolumne ist verschwendete Lebenszeit. Es geht darin ständig und ausschliesslich um den verdammten Doppelverdiener-Kleinfamilien-Haushalt.

Von Suzanne Zahnd (Text) und Serafine Frey (Illustration)

Leute, die sich schnell aufregen, tun mir leid, weil es in erster Linie ihre Ängste offenlegt. Gepflegter scheint mir, stets möglichst ruhig zu bleiben. Aber damit liegt man zurzeit quer in der Landschaft oder gilt womöglich gar als kaltherzig. Denn Emotionen feiern Urständ und haben einen Stellenwert zurückerobert, den sie seit der Romantik nicht mehr hatten. Leider schwächt das irgendwie mein Mitgefühl – von mir ist jedenfalls schlecht zu erwarten, dass es mich anrührt, wenn jeder Löli / jedes Trudi wegen jedem und allem öffentlich losflennt oder loszetert.

Ich leide unter Lesezwang. So kann es vorkommen, dass ich, um nur ein trauriges Beispiel zu nennen, die «Coopzeitung» lese und erfahre, wie die Kolumnistin auf der Strasse einem Bekannten begegnet ist. Krasserweise hat sie dann nicht nur gefragt, wies so geht, sondern ist mit ihrem Bekannten einen Kaffee trinken gegangen. Der Titel der Kolumne lautet: «Blick hinter die Fassade». Und zack, fünf Minuten von meinem Leben verschwendet!

Ich möchte mich deshalb an dieser Stelle besorgt über die Kolumnisierung unserer Printmedien äussern.

Vom Störenfried zur blauen Blume

Die grössten KritikerInnen der Elche waren früher selber welche. Zu meiner Verteidigung gibt es zu sagen, dass man dem sich als objektiv präsentierenden Journalismus irgendetwas entgegensetzen musste, damals, um die unbestechliche Objektivität des Journalismus als Lüge zu entlarven. Die Wahl der Waffen fiel auf Literarizität und Subjektivität a. k. a. die Kolumne. Die seither leider vom literarisch-journalistischen Störenfried zur blauen Blume des sich stets in höchstem innerem Aufruhr befindlichen Zeitgenossen geworden ist. Recht eigentlich die Dekoration, hinter der sich der Ich-zentrierte Mensch vergeblich zu verstecken sucht. Ein Resultat davon ist die seit circa fünfzig Jahren rotierende Endlosschlaufe, in der mit hoher Erregung über die weisse Socke in der Sandale geschimpft wird.

Nun gibt es natürlich auch heute noch hervorragende Kolumnen, kleine Texte, die Grosses einfangen und mit einer Prise Bösartigkeit und Humor einen Stachel ins feiste Fleisch der bösen Welt drücken. Ich würde sie als «kreativ» bezeichnen, wenn mir das Wort nicht längst verdorben worden wäre durch Werbebroschüren und Kochkolumnen, in denen als kreativ durchkommt, wer statt Basilikum mal etwas Oregano obendrauf streut.

Die Negativbeispiele bilden also klar die Mehrheit. Umso erstaunlicher ist es, dass das zeitgenössische Kolumnenwesen mehr oder weniger direkt in den Literaturbetrieb überführt wird und sich anscheinend bestens verkauft. Auch wenn wir wenig mehr erfahren, wenn das Zeug zwischen zwei Buchdeckel gepresst wird. Gibt es doch nur zu lesen, dass der/die AutorIn in irgendeiner Form Hausarbeit und Kindererziehung verrichtet oder Rennvelos mag oder halt Fussball. Auch in der Erscheinungsform Ehepaarkolumne erhältlich. Da tauschen sich dann Gatte und Gattin über dasselbe aus (neues Smartphone, Bacardi-Cola, Schlafgewohnheiten, Mückenstiche), also zwei statt nur eine/r, was es natürlich auch nicht interessanter macht.

Apropos Ehepaarkolumnen, die die Mücke gern zum Elefanten machen: Anita Fetz und Tito Tettamanti, die in der «Zeit» alternierend ihre politische Agenda wiedergekäut haben, sind verdankenswerterweise in Kolumnenpension gegangen. Als Kiss-off haben sie sich allerdings im gemeinsamen Interview gegenseitig beweihräuchert. Also ehrlich! Obwohl: Immerhin hatten die beiden so etwas wie eine Botschaft. Es gibt ja Leute, die eine Kolumne verfassen können, die komplett ohne auskommt.

Aufregen, bis die Polizei kommt

Und jetzt auch noch diese Blogs! Mama-Blog, Papa-Blog, Familianistas-Blog … mir wird gleich schlecht. Auch hier: Kernthema Kleinfamilie. Da wünscht man sich echt die (wie hiess sie noch mal?) mit den Zwillingen zurück, die war wenigstens intelligent und konnte schreiben! Der Blog ist die Steigerungsform der Kolumne. Da ist nicht nur die Zeilenanzahl, sondern auch der Nervfaktor klar erhöht! Es geht ständig und ausschliesslich um den verdammten Doppelverdiener-Kleinfamilien-Haushalt, wie er nur in der Schweiz so noch vorkommt, also um Style für die Mama, das neuste Gadget für den Papa und alles zusammen in Kleinausgabe für die Kids, also «Must haves» wie Spezial-Tripp-Trapp-Stühle für die Kleinsten, Kinderkleider im Gegenwert eines Kassiererinnenwochenlohns, Quinoasalatvariationen und die Winterferien in Zermatt. Während da draussen die Welt brennt! Mütter von ihren Kindern getrennt werden, nur weil sie die falsche Nationalität haben!! Tausende von Menschen buchstäblich in die Wüste geschickt werden!!! Wenn man sie nicht vorher schon hat absaufen lassen!!!!! Da kann ich mich drüber aufregen, bis die Polizei kommt!

Und wenn ich dann doch wieder zwanghaft die Wochenendausgabe einer Gratiszeitung im Tram gelesen habe, ärgerts mich doppelt, dass ich mich über eine lasche Kolumne aufrege, und so beisst sich alles – wie an diesem Text sehr leicht auszumachen ist – in den eigenen Schwanz! In diesem Sinne: Sollen doch alle schreiben, was sie wollen! Vor allem ich.

Suzanne Zahnd (ehemalige WOZ-Kolumnistin) schreibt für Bühne und Äther und meditiert regelmässig in der Hoffnung, sich dereinst über nichts mehr aufzuregen. Sie rechnet angesichts der Weltlage aber nicht damit, das Ziel in diesem Leben zu erreichen.

In der WOZ-Sommerserie «Der totale Ablöscher» sind AutorInnen eingeladen, sich über ein Detail zu ärgern, das ihrer Meinung nach für die Übel der Welt verantwortlich ist.

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