Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

Zeit zum Aufgeben

Michelle Steinbeck schwimmt mit gekochten Forellen

Von Michelle Steinbeck

Ich schreibe diese Kolumne unter extremen Bedingungen. Die Lüftung des Macbooks dröhnt wie eine Easyjet-Turbine, die Tasten glühen; es ist ein Lauf gegen die Zeit. Ich meinerseits spüre die Poren dampfen und merke, wofür es Augenbrauen gibt.

Diesen Zustand kenne ich sonst nur vom Sommer in Süditalien, wo ich früher hinfuhr, um mich von der Hitze erschlagen zu lassen und ergeben im Schatten zu liegen. Der Reisebürojargon nennt das Auftanken. Nun sitze ich aber in Basel, für Müssiggang bleibt keine Zeit. Das Rad läuft und ich renne mit. Gerade ist es eher ein Kriechen, bei 35 Grad.

Speditiv ist das nicht, und gesund fühlt sichs auch nicht an. Für diese Kolumne brauche ich Tage, vom angestrengten Denken wird mir sturm. Wie geht es da erst den Arbeitern, die auf der Wettsteinbrücke gerade die Strasse neu teeren? Ich lese aber auch von Läden, die hitzebedingt früher schliessen. Ein Traum: zu heiss zum Konsumieren! Tatsächlich ist es die Apokalypse. Und wir drehen die Klimaanlage auf.

Aber es hilft nicht. Wunderbarerweise legt sich die warme Geleeluft um unsere Produktivitätswut und zwingt sie zur Siesta. Nachts liegen wir schlaflos oder treiben uns an Gewässern herum. Zeit wird relativ; die Tage fliessen ineinander, werden eine süss köchelnde Einheit. Die gewohnten Rhythmen verschwimmen, der Takt, der uns antrieb, ist leise, fast unhörbar geworden.

Sobald dieser Zustand einmal angenommen wird, fühlt er sich fantastisch an. Der Körper ist angenehm matt, bewegt sich nur noch in Zeitlupe. Und merkt: Alles ist langsam geworden. Selbst der vorher so lustig sprudelnde Arbeitsstrom wird in der apokalyptischen Hitze träge. Immer schwerfälliger zieht er mit halbherzigen Überhitzungsentschuldigungen in den Maileingang, bis er vor ein paar Tagen fast ganz versickert, verdunstet ist. Ab und an meldet sich noch ein Stimmchen – meine Stadt ist nicht gemacht für diese Hitze, ich fahre weg, melde mich wieder bei normalen Temperaturen.

Wir sollten alle aufgeben und die Katastrophe geniessen. Uns treiben lassen im Rhein, in dem die Forellen sterben und gekocht an die Oberfläche steigen. Eiskaffee trinken mit Biomilch der Kühe, die auf der Alp verdursten. Das restliche Vanilleglace aufkaufen und fressen. Den hechelnd aussterbenden Spatzen Vogelbäder vors Fenster stellen. Uns mit FreundInnen vor dem lauen Hauch eines stromfressenden Ventilators versammeln, uns gegenseitig Eisblöcke auf die Stirn binden und auf den Regen warten. Und allmählich breitet sich kollektiv ein fast vergessenes, nostalgisch anmutendes, köstliches Gefühl aus: Langeweile. Ent-Spannung. Wir haben wieder Zeit.

Ich denke, darin liegt das Potenzial. Das Klima zahlt uns die Anlagen heim und die Flugmeilen und das argentinische Grillfleisch. Es zwingt uns zur Kapitulation, zum erschöpften Hinstrecken auf den Boden, wo wir für eine Weile nichts produzieren, nichts kaufen, uns nicht einmal auf Social Media deprimieren. Das ist Auftanken. Wir werden zur Faulheit genötigt und im besten Fall zum Nachdenken. Was passiert? Was können wir tun?

Vielleicht sind die kochenden Siruptage dieses Jahr schon bald vorbei. In den kommenden Jahren plädiere ich bei über 33 Grad für den ultimativen General-Hitzestreik. Es gibt Gründe genug.

Michelle Steinbeck lebt als Autorin in Basel, zurzeit vor allem an der Rheinufer-Copacabana.

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