Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

Sommer des Unbehagens

Ferien machen, während sich Europa abriegelt, Horst Seehofer gegen «Asyltouristen» hetzt und ein selbsternannter Schriftsteller in einer grossen Schweizer Tageszeitung seine Ressentiments ausbreiten darf? Gedanken einer soeben Zurückgekehrten.

Von Sarah Schmalz

Das eigene Leben im Falschen: Sprungbrett an einem griechischen Strand. Foto: Kypros, Getty

Das Unbehagen überfällt mich in einer Kieselbucht, deren Wasser so klar ist wie ein Bergsee. Ein paar Nackte lassen sich vom Wind streicheln, der schäumenden Glanz über die Meeresoberfläche jagt. Mehr Zen geht nicht.

Nein, «überfallen» ist nicht das richtige Wort. Das schale Gefühl hat sich vielmehr ganz allmählich in mir festgesetzt. Es stört den morgendlichen Blick vom Apartmentbalkon über weisse Häuser und einen kleinen Hafen, es nervt mich beim Trinken griechischen Weins – und beim Versuch, auf Fusspfaden über karge Klippen auch noch den letzten Rest Alltagsanspannung loszuwerden. Doch es ist nicht bloss das übliche Erschrecken über die eigene Dekadenz, die mich auf der kleinen Insel irgendwo zwischen dem europäischen Festland und dem afrikanischen Kontinent heimsucht. Nicht nur das vertraute Hadern mit der eigenen Inkonsequenz: weil man sich in ein klimaschädliches Flugzeug gesetzt hat, um es sich in einem Land, das durch eine endlose Krise taumelt, noch besser gehen zu lassen als zu Hause, in der saturierten Bankenzentrale. Ja, und weil die Gedanken verkümmern, wenn man hier nicht ab und zu rauskommt, weil man das Meer liebt und die Weite und Tiefe dieses anderen Landes, das so viel mehr Grosszügigkeit kennt als das eigene. Wer lebt schon ohne Widersprüche.

Und ständig grinst Seehofer

Doch in diesem Sommer droht etwas zu kippen. Während ich bade, irren auf dem Mittelmeer Schiffe mit gestrandeten Menschen umher. Der italienische Innenminister Matteo Salvini hetzt gegen Flüchtlinge, Europa riegelt sich ab. Hunderte Menschen ertrinken – wieder einmal. Und nachdem vor fünf Jahren die bis dahin kaum beachtete Katastrophe auf dem Meer couragierte BürgerInnen auf den Plan rief, die dem Versagen ihrer Regierungen nicht tatenlos zusehen konnten, werden sie nun zu Schuldigen gemacht. Das Gift der RechtspopulistInnen wirkt: Ihre zynische Erzählung vom naiven Gutmenschentum der RetterInnen, die mit ihrem Einsatz die Flüchtlinge erst in den Tod lockten, hat sich in den Köpfen festgesetzt. Unvorstellbares ist normal geworden: Wer Menschen vor dem Ertrinken rettet, landet auf der Anklagebank.

«Oder soll man es lassen?», fragt lakonisch die einst für intelligente Analysen bekannte deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» ins Sommerloch. Sie hätte auch gleich rufen können: «Sollen wir ein paar Hundert Menschen ertrinken lassen, damit auch der hinterletzte Afrikaner kapiert, dass in Europa nichts zu holen ist?» Dabei gibt es genügend MigrationsexpertInnen, die echte Erkenntnisse liefern: über ausbeuterische Strukturen und darüber, dass sich Menschen, die vor Hunger, Krieg und Hoffnungslosigkeit fliehen, auch nicht von einer restriktiven Migrationspolitik aufhalten lassen. Aber sie bieten weniger mediales Spektakel als die lauten PanikmacherInnen. Ständig grinst Horst Seehofer in die Kameras und erzählt dem Wutbürger, er werde das Problem mit den «Asyltouristen» bald ein für alle Mal lösen.

Und weil die Stimmung erst einmal angeheizt ist, kommt ein Mesut Özil gerade recht. Oder ein Xherdan Shaqiri: Fussballer, die im Erfolg bejubelt werden. MigrantInnensöhne, die sofort wieder zu Fremden erklärt werden, wenn sie sich nicht wie Wunschmusterknaben der Nation verhalten.

Athener Erkenntnisse

Athen, diese Stadt im äussersten Süden Europas, ist gebeutelt, ist dreckig, laut und heiss. Sie hat tausend wilde Ecken und pulsiert in der Nacht, wenn ihre BewohnerInnen in den Bars der Zermürbung trotzen. Ich fühle mich der Zerrissenheit dieser Stadt näher als der Zufriedenheit zu Hause. Doch das Unbehagen, das die hysterischen News ein paar Tage zuvor auf der Insel ausgelöst haben, steigert sich zu unbequemen Fragen: Wo driften wir hin? Und: Geht das gerade noch, Touristin sein?

Vielleicht war es von vornherein naiv, an ein Europa zu glauben, das auf einen progressiven Endpunkt zusteuert. Auf eine Zukunft mit Lösungsansätzen für die drängendsten Probleme unserer Zeit: den Klimawandel, die wachsende soziale Ungleichheit, das zerstörerische Konsumverhalten des Westens. Aber es war dieser Glaube, der das eigene Leben im Falschen erträglich machte. Ich lasse mich durch die Stadt treiben und frage mich, ob ich nicht hier leben müsste: wo alles gegenwärtig ist. Alles sichtbar: die Ungleichheit, die Menschen, die von unserem System zu Ausgeschlossenen gemacht werden, die Gestrandeten.

Meine Athener Bekannten können die Augen nicht davor verschliessen. Die Fragilität, das Instabile, die Krise ist unmittelbar in ihr Leben eingebrochen. Ein Abend auf einem Balkon macht mir das bewusst. Er befindet sich in Exarchia, einem Quartier, das Anziehungspunkt für junge AnarchoromantikerInnen aus ganz Europa ist. Auf dem Hügel oberhalb der graffitibesprühten Häuserzeilen schlagen sie gerne ihre Zelte auf. «Riecht es in meiner Wohnung nach Pisse?», fragt meine Freundin. «Natürlich riecht es nach Pisse. Das ganze Quartier stinkt nach Pisse.»

Im zerfallenden Haus gegenüber wohnen die Vergessenen. Flüchtlinge aus dem Maghreb haben es besetzt. «Djamal ist der Anführer», sagt meine Gastgeberin. Wir werden ihm später auf der Strasse begegnen: ein abgeschlagener Typ mit einer langen Narbe im Gesicht, die von einem Messer herzurühren scheint. Die jungen Männer, die bei Djamal gelandet sind, sind vornehmlich aus dem Maghreb hierher geflüchtet. Manche sind fast noch Kinder, doch ihnen steht eine andere Welt ins Gesicht geschrieben, eine dunkle, gewaltvolle. Im Quartier, das früher den Punks und RevoluzzerInnen gehörte, haben die Drogenhändler übernommen. Manchmal fühlt meine Freundin Hass. Weil sie den ständigen Lärm nicht mehr erträgt, dieses immerwährende, dröhnende Elend, das sie nicht eine Nacht ruhig schlafen lässt. Oft schreit sie dann «Shut the fuck up!» von ihrem Balkon. «Danach schäme ich mich», sagt sie, «weil ich eigentlich Mitleid mit ihnen habe.»

Empörung abschleifen

Wir machen uns zu einem Festival auf, das auf dem Hauptplatz des Quartiers stattfindet. Jeden Abend spielen hier dieser Tage MusikerInnen gegen die Verrohung an. Der Anlass wird von einem Kollektiv organisiert, wie es sie seit Ausbruch der Krise überall in der Stadt gibt, um selbstorganisiert für mehr Lebensqualität zu kämpfen. Es gebe keine Alternative zur Solidarität, sagt meine Bekannte. Ihre Wut richtet sich nicht gegen die Flüchtlinge, sondern gegen den ignoranten Norden. «Dass die Menschen hierher fliehen, ist nicht das Problem», sagt sie. «Sondern dass uns Europa mitten in der Krise alleine lässt. Diese Gesellschaft wurde ohnehin schon an den Rand des Verkraftbaren gedrängt, und nun sind alle diese Menschen mit noch viel grösseren Problemen hier, und wir müssen sie irgendwie auffangen.»

Überall in Europa gibt es Menschen wie sie. Menschen, die sich nicht aufhetzen lassen. Wir sind die ungehörte Mehrheit, und wahrscheinlich ist das der Kern meines Unbehagens: die Frage, wie uns die öffentliche Debatte derart entgleiten konnte. Es ist die Strategie der RechtspopulistInnen, unsere Empörung ganz langsam abzuschleifen. Die Medien sind ihre willfährigen Gehilfen: Wenn gefühlt nur noch das «Flüchtlingsproblem» verhandelt wird, erfüllen sie damit die zweite Absicht der Rechten: dass wir nicht mehr über die echten, strukturellen Probleme reden. Die MachthaberInnen können sich zurücklehnen und sich auf die Verteidigung des Status quo konzentrieren. Das macht diesen Sommer so schal: In der Sonne zu liegen, fühlt sich an, als würde man sein stilles Einverständnis zu all dem geben.

Rückkehr in die Komfortzone

Wie bei jeder Rückkehr kommt mir Zürich seltsam ruhig vor. Als wäre die Stadt mit Watte ausgekleidet, die alle Geräusche schluckt. Keine hupenden Autos, keine laute Musik, kein Chaos, nirgends. Geräuschlos schieben die Menschen ihre Räder über die Hardbrücke, vor dem Bürofenster tobt nur der Fluss, auf dem seltsame Formationen aus Einhörnern und Flamingos vorbeitreiben. Die satte Stadt dümpelt in der Hitze vor sich hin. Das Büro ist ausgestorben, die meisten KollegInnen noch in den Ferien, als ich eine grosse Schweizer Tageszeitung aufschlage und über den verstörendsten Text dieses Sommers stolpere. Er ist so schlecht, dass man sich den Namen des Autors, der nicht mehr vorzuweisen hat als einen brillanten Vater, gar nicht erst merken sollte. Der Sohn also tut in einem offenen Brief an Bundesrätin Simonetta Sommaruga sein eigenes «Unbehagen» kund. Er schreibt von der «Durchwirkung der Bevölkerung mit Fremden», von «Enklaven in der angestammten Schweizer Kultur»: Nazijargon in der linksliberalen Presse.

Ich sollte mir eigentlich Themen überlegen für nach der Sommerpause. Aber es ist nicht zu ertragen. Also erst einmal abtauchen, in die Strömung des Flusses.

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