Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

Trock ’n’ Roll

Ruedi Widmer über diskriminierte Gräser und streambare Tattoos

Von Ruedi Widmer

Mit der Trockenheit dieses Sommers ergeben sich neue Fragen, nicht nur, was für eine Bedeutung dieser Hitzesommer klimatologisch hat. War es früher üblich, dass die Wolken im Giesskannenprinzip Wasser über das ganze Land verschütteten, gibt es mit der Regenknappheit eine neue Klassenordnung. Und zwar bei der Flora. Die gemeinen Gräser, die keine weitere Funktion haben, als vor sich hinzugrasen, sind gelb, ausgetrocknet, verloren. Man sieht sie an Strassenrändern oder auf Schulwiesen von kommunalen Sparschulen. Die mehrbesseren repräsentativen Gräser in den Villenvierteln dagegen bekommen täglich ihre Ration Rasensprengung. Bachbetten liegen ausgetrocknet zwischen dürren Halmen, die verhätschelten Rosen hingegen strahlen um die Wette. Das erzeugt natürlich Spannungen im Pflanzenreich. Bienen und Fliegen verbreiten in Windeseile die Nachricht von den blühenden Landstrichen. Die verdorrten Pflanzen würden natürlich gerne unter den schützenden Wasserstrahl der reichen Gegenden flüchten, aber sie sind ja angewachsen, doch lassen wir das.

Auf jeden Fall spüren wir eine tiefe Unsicherheit, ein Knacken im Gebälk der Erde. Irgendwo hat sich eine Zukunft zusammengebraut, die viel früher bereitsteht, als wir gedacht haben. Die Zeiten ändern sich rasend schnell. Aber das spürt man vielleicht eher, wenn man wie ich in der Lebensmitte angelangt ist und mehrere Jahrzehnte miteinander vergleichen kann.

Früher war der Erwerb einer LP oder einer CD ein Bekenntnis zu einer Band, mit der man sich identifizieren konnte oder wollte. Man hörte sich das Werk endlos lange an, ohne weiterzuklicken. In der Verschwommenheit der mobilen Datenwelt mit ihrem nichtmateriellen Endloskonsum ist ein solches Bekenntnis kaum noch möglich. Die Reifung zu einer kulturempfindsamen Persönlichkeit, die einst mit dem Lesen (und Besitzen!) von Büchern oder eben dem Anhören von Platten passierte, wird mit dem Streaming von Spotify eher verunmöglicht. In dieser Riesenauswahl etwas kennenzulernen, ist so schwierig, dass man am Schluss eben gerade gar nichts richtig kennt. Die niederschwelligen vorgegebenen Schablonen wie «Rock», «Achtziger Jahre», «Punk» reduzieren die riesigen Möglichkeiten, die die Konfrontation mit Musik über Stile und Zeiten eigentlich hätte, zur armseligen Beschränktheit eines Endlosschleifenprogramms. Natürlich gibt es unter den NutzerInnen immer Ausnahmen, aber das sind dann eher Leute, die die Kunst der Musik-Erarbeitung schon in voralgorithmischen Zeiten mitbekommen haben. Gerade in diesem Bereich (und nicht in der Politik) wünsche ich mir mehr Diktatur: mehr der oft verpönten lautstarken On und Offs von meinungsmachenden und durchaus elitären MusikkennerInnen – und weniger automatisierte, angeblich demokratische «Die-Mehrheit-hat-gewonnen-Musik».

Möglicherweise erklärt der Tod von Pop als existenzielles Jugendding den in diesen Sommertagen wieder deutlich zu sehenden Drang in breiten jungen Bevölkerungskreisen, Bekenntnisse nicht mehr in den Plattenschrank zu stellen, sondern unter die Haut zu ritzen. Das Tattoo, sosehr ich persönlich es nicht mag, ist der Versuch, Zeichen zu setzen, die nicht morgen schon wieder gelöscht oder wegen nicht erfolgter Zahlung nicht mehr abrufbar sind. Es wohnt dem Tattoo eine Materialität inne, die in vielen Lebensbereichen verschwunden ist. Das Streamen von Tattoos auf die Haut wäre vielleicht technisch bereits möglich, aber es widerspricht eben dem Sinn des Tattoos, das Bekenntnis ist – und sei es nur zu einem Trinkspruch, einem geblümten Vorhangstoffmuster oder zum Nichtverstehen der chinesischen Kalligrafie. Da aber vieles einem Sinn widerspricht, kann es durchaus sein, dass wir bald zehn Millionen Tattoos gleichzeitig tragen können.

Cartoonist Ruedi Widmer giesst sogar Unkraut.

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