Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Aarau atmet noch

Seit dreizehn Jahren rüttelt die «Garage» am Habitus der Aarauer Altstadt. Sie belebt, irritiert – und beweist, dass nicht jede kommerzielle Beiz Treibstoff für Gentrifizierung sein muss.

Von Benjamin von Wyl (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Vielleicht, hoffentlich ein anarchistisches Projekt»: Die «Garage» mitten in Aarau, wo auch mal Vinylplatten verspeist werden.

Die Garagentür ist noch immer eine Garagentür, die Plakate wechseln, aber wirken jederzeit abgewetzt, und die Polaroidfotos hinter der Bar an der Innenseite des Garagentors bleichen langsam aus. Auf einer Bilderserie sind die «Garage» und ein Restaurant in Indien zu sehen – eine Art Fotobrieffreundschaft, die nur alle zwei Jahre mit einem neuen Bild ergänzt wird. Die Gemeinsamkeit beider Lokale ist die Botschaft auf ihren Schildern: «No urgent service please». Die «Garage» steht seit dreizehn Jahren für unangepassten Stillstand – und hat dadurch die Stadt verändert.

Der Gast ist kein König

Im Lokal am Aarauer Kirchplatz hausten früher das örtliche Feuerwehrauto und später zwei Polizeiautos. Seit 2005 ist es in der Selbstbezeichnung ein «Unterhaltungs- und Konsumations-Center». Die «No urgent service»-Fotos sollte aber trotzdem ernst nehmen, wer hier was trinken will. Obwohl das Lokal den Claim «Dem Volke dienen» für sich beansprucht, sind Gäste hier keine absolutistischen KönigInnen. Wer nach Coca-Cola fragt, hat Glück, wenn er überhaupt noch bedient wird.

Der Kopf hinter der «Garage» trägt weisses, langes Haar: Wenzel Andreas Haller. Er sagt: «Es gefällt mir, dass wir insgesamt keinen Fortschritt machen.» Haller besitzt mehrere Häuser und gilt als sehr fairer Vermieter. Das Gebäude am Kirchplatz konnte er kaufen, als der Dacheinsturz drohte. Das mitbietende Architekturbüro habe es, weil der Dachgiebel zu bersten drohte, erst im Frühling danach übernehmen wollen. Haller war das egal – er hatte das Gebäude schon lange davor im Blick.

Wenzel Andreas Haller, «Garage»-Besitzer: «Ich kann nur hoffen, dass alles Stadtmarketing scheitert.»

Erkannte er das Potenzial der Lage oder die hegemoniale Bedeutung? Haller muss man weder mit neoliberalen noch mit neokommunistischen Begriffen kommen. Er ist Anarchist, vielleicht Situationist, ein politischer Flaneur. Über «Alttrotzkisten» kann er sich aufregen, obwohl er das Hinterzimmer der «Garage» regelmässig «irgend so einem Lesegrüppchen der Revolutionären Marxistischen Liga» überlässt.

Arhythmische Irritationen

Haller bezeichnet die «Garage» als «vielleicht, hoffentlich anarchistisches Projekt». Das Lokal politisiert wohl niemanden. Häufig ist es eher herzig: etwa wenn Kinder während der Übertragung des Lauberhorn-Skirennens von Bänken und Tischen springen. Zu schockieren vermag die «Garage» höchstens ein paar WirtInnen, die nicht verstehen, weshalb so viele Menschen ihre Biere und Kafis hier trinken wollen. Die BeizerInnen können nicht nachvollziehen, wie man sich zwischen kahlen Betonwänden und mit einer Einrichtung, die aussieht wie die Innenarchitektur-Diplomarbeit von Pippi Langstrumpf, wohler fühlt als in ihren aseptischen Standardbeizen.

Einen Sommer lang war der halbe Kirchplatz ein einziger Sandkasten. Der Achtzig-Quadratmeter-Strand vor der «Garage» bleibt legendär. Im Lokal selbst konnte man auch schon erleben, wie ein ergrauter Industrialsänger während eines Konzerts auf engstem Raum vor zehn Leuten eine Vinylplatte verspeiste. Haller ist die Freude anzusehen, wenn er über seine fein dosierten Provokationen spricht. Einfach mal «Atommülldeponien» über das Garagentor schreiben und die Leute beobachten. Oder das Mobiliar draussen unkonventionell bemalen: Grundierung in Türkis – mit orangen, schwarzen und grünen Klecksen.

Beim ersten Anblick der Einheitskleckse erschauderte so mancher Stammgast: Passiert nun, was passieren muss? Verfällt die «Garage» dem neoliberalen Kreativwirtschaftsdrang? Bietet sie bald Pulled-Pork-Burger statt zwei Suppen an zwei Tagen pro Woche? Haller verrät, gegen wen sich die Kleckse richteten: gegen das Gastgewerbereglement, das eine einheitliche Bestuhlung fordert. Der türkis-orange-schwarze Augenkrebserzeuger ist die renitentestmögliche Umsetzung dieser Auflagen.

Verweigerung statt Entwicklung

Was die «Garage», ihr dreizehnjähriger Stillstand und ihre arhythmischen Irritationen im Stadtleben beweisen: Gegenkultur ist möglich. Nicht jeder kommerzielle Kulturort ist dazu verdammt, hemmungslos Treibstoff in Gentrifizierungsprozesse zu kippen. Es gibt ein Leben ausserhalb von «Frau Gerolds Garten» in Zürich oder den Zwischennutzungen im Basler Hafen – selbst in der Aarauer Altstadt mit all ihren Reformhäusern, Läden und chicen Beizen. Manche mussten hier bereits weichen: Das nichtkommerzielle Kulturlokal Barracuda wurde Ende 2017 geschlossen. Die «Waage» – laut «Aargauer Zeitung» «eine der letzten Chnellen», schloss 2016, und bereits 2014 ertrank das Genossenschaftsrestaurant Krone endgültig in seinen Schulden.

Die «Garage», sie steht noch. Nach wie vor ist das Lokal ein Safe Space des Nichtzwangs, der auf die Umgebung abstrahlt: Die Gäste sitzen auf dem Pflaster, in Hauseingängen, am Brunnenrand oder auch im Brunnen. Was die «Garage» ausgelöst hat, ist das, was StadtentwicklerInnen Mediterranisierung des öffentlichen Raums nennen – und damit vielleicht doch ein ungewollter Beitrag zur Gentrifizierung. Aber Haller geht es um Verweigerung, nicht um Entwicklung. «Ich kann nur hoffen, dass alles Stadtmarketing scheitert», meint er, als das Schlagwort fällt. Er kann der Entwicklung der Aarauer Altstadt nichts abgewinnen. Ihn erinnern die lokalen Grossprojekte «an die Monumente, die sich der Staatschef des Kongo in Brazzaville baut». Auch das Kulturzentrum Alte Reithalle, dem die Stimmbevölkerung kürzlich zwanzig Millionen Franken Zuschuss gewährt hat, müsse scheitern. Weil Geld drinstecke und dieses Geld nach einigen Jahren zwangsläufig zu einem langweiligen Programm führen müsse.

Haller, mittlerweile «mit Senioren-GA» unterwegs, kennt das «andere Aarau» der letzten vierzig Jahre. Er erzählt vom Optiker, der im Hinterzimmer seines Geschäfts eine Arbeiterbibliothek führte. Von unzähligen Wohn- und Kulturprojekten, an denen er beteiligt war. «Jedes Mal versuchten wir, deren Ende mit Petitionen und Aktionen zu verhindern. Bei der ‹Garage› konnte ich dasselbe Spiel mal am längeren Hebel spielen.» Weil das Gebäude das seine ist. Und weil Besitz Gestaltungsmacht bedeutet. Zum Glück will der Anarchist diese nicht auf Kosten anderer ausnutzen.

Die Leute, die gegenüber im Stadtbrunnen baden – täten die das ohne diesen Ort auch? Wäre der Platz heute bevölkert, wenn es das Lokal nie gegeben hätte? Auf jeden Fall hat die «Garage» am Aarauer Altstadthabitus gerüttelt. Hier hat so mancher gelernt, dass Gegenkultur nicht nur aus Pogo und lauten Parolen besteht. Die «Garage» ist sehr sanfte Gegenkultur.

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