Nr. 05/2018 vom 01.02.2018

Versteckt zwischen Dönerbude und Bordell

Zum Start der neuen WOZ-Serie geht es ins Vorstadtviertel von Solothurn. Dort kämpft ein kleines Infoladenkollektiv gegen Konsumzwang, Kapitalismus und Gentrifizierung.

Von Merièm Strupler (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Der Infoladen hat uns alle mehr zusammengebracht»: Das «Cigno Nero» an der Solothurner Schwanengasse.

«Wenn du willst, dass in einer Provinzstadt wie Solothurn etwas geht, dann musst du es selber machen», sagt Tim Zeier*. Gemeinsam mit drei KollegInnen sitzt er am Tisch neben der Bartheke im Infoladen Cigno Nero. Die Getränke hier haben keinen fixen Preis, die Gäste können so viel zahlen, wie sie möchten oder können.

Das Lokal ist klein: im einen Raum die eigenhändig eingebaute Bar; im anderen die Bibliothek. Da stehen fein säuberlich aufgereiht Bücher und Broschüren über soziale Bewegungen, Streiks und Lohnarbeit, Antifaschismus, Kapitalismuskritik, vergangene und kommende Aufstände. Das undogmatische und diverse Spektrum erklärt der 25-jährige Zeier so: «Ich bin links, aber parlamentarische Politik sagt mir nicht zu. Also bin ich ein bisschen weiter linksaussen und libertär.» Autoritärer Quatsch, stalinistischer Kram? Nein, so etwas finde man hier nicht im Regal.

Zeier und seine MitstreiterInnen – Liliane Gerber* (32), Niels Burri* (27) und Nadine Riederer* (28) – erzählen gerne von den Inhalten und Idealen, die hinter dem «Cigno Nero» stehen. Ihre Klarnamen aber möchten sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Als basisdemokratisch organisiertes Kollektiv wollen sie keine Einzelpersonen in den Vordergrund stellen. Zudem ist die Stadt klein, und das Internet vergisst nie.

Spraydosen an der Theke

Mit 16 500 EinwohnerInnen ist Solothurn überschaubar. Zählt man aber die umliegenden Gemeinden hinzu, leben in und um Solothurn rund 80 000 Menschen. Politisch wirkt es dennoch etwas eingeschlafen: Seit 24 Jahren hält FDP-Mann Kurt Fluri das Stadtpräsidium. Auch bei den Wahlen 2017 konnte ihn die Konkurrenz von links nicht aus dem Amt drängen, Fluri wurde im Juli für eine weitere Legislatur wiedergewählt, es ist seine siebte.

Und doch hat Solothurn eine kleine, aber langlebige linksalternative Szene. Die Genossenschaft Kreuz am «Aaremürli» ist die älteste selbstverwaltete Beiz der Schweiz. Hier wurde einst die GSoA, die Gruppe Schweiz ohne Armee, gegründet, und auch die Solothurner Literaturtage haben hier ihren Ursprung – wie auch die Filmtage, die heuer am Erscheinungstag dieser WOZ enden. Seit über zehn Jahren findet zudem jeden Sommer das antirassistische Fussballturnier Antira-Cup Soletta statt. Und immer wieder besetzt das Kollektiv Wagabunten leer stehende Flächen in und um Solothurn, um diese als Wohnort und Wagenplatz umzunutzen.

Die Idee, einen Infoladen zu gründen, hatte das Kollektiv vom «Cigno Nero» vor rund fünf Jahren. Zwei Jahre lang suchte die Gruppe nach einem geeigneten Lokal. 2015 dann die Zusage für die Räume an der Schwanengasse. Die jungen Leute renovierten, strichen die Wände, bauten die Bar und die Ladentheke, an der es Spraydosen mit allen möglichen Farben zu kaufen gibt. Die Adresse an der Schwanengasse hat dem Infoladen seinen Namen gegeben: «Cigno nero» ist italienisch und heisst «schwarzer Schwan». Das Lokal liegt etwas versteckt in der Vorstadt, fünf Gehminuten vom Bahnhof – an der einen Ecke eine Dönerbude, an der anderen ein Bordell.

Dem Quartier eilt der Ruf voraus, dass dort einige Menschen, Geschäfte und Lokalitäten nicht so ganz ins idyllisch-bürgerliche Stadtbild passen. Im Mittelalter war die Vorstadt jener Teil Solothurns, der – im Gegensatz zur Altstadt auf dem Hügel – Gefahr lief, von der Aare überschwemmt zu werden. Später befanden sich das «Siechenhaus» und die Obdachlosenunterkunft in der Vorstadt, das Gefängnis an der Prisongasse noch bis in die siebziger Jahre. Heute sind dort die Drogenabgabestelle, die Gassenküche und Teile des Rotlichtmilieus domiziliert.

«Es werden immer wieder Versuche gestartet, die Vorstadt aufzuwerten und lukrativer zu machen», sagt Niels Burri. «Das ist die Gentrifizierung Solothurns.» Liliane Gerber ergänzt: «Wir hätten gerne, dass eine gewisse Verankerung im Quartier entstünde, um kommunale Arbeit zu betreiben, auch gegen die Aufwertung.»

Auch auf der anderen Seite der Aare, in der Altstadt, sei die Stadtaufwertung zu spüren: Am «Aaremürli», wo sich von jeher Solothurns Jugend draussen trifft, haben die Beizen nun Tische und Stühle aufgestellt. «Da herrscht mittlerweile überall Konsumzwang. Wenn man etwas Mitgebrachtes trinkt, kommen schnell die Wirte gesprungen», sagt Nadine Riederer. Auch deshalb ist es dem Kollektiv ein Anliegen, dass der Infoladen nicht zu einer solchen «Aufwertung» beiträgt. «Der Laden soll ein Ort sein, den alle mittragen. Alle können sich einbringen, Schichten übernehmen und Veranstaltungen organisieren.» Derzeit besteht das Kernkollektiv aus zehn bis zwölf Leuten zwischen 17 und 35 Jahren.

«Anders als in einer Grossstadt»

Kurz nach sieben ist der Infoladen an diesem Abend zum Bersten voll. Neben «Soledurner» Dialekt wird Englisch und Arabisch gesprochen. Trainerhosen und Nike-Turnschuhe treffen auf Piercings, Tattoos und blau gefärbte Haare. Um halb acht wird «The Antifascists» gezeigt. Der Dokumentarfilm beleuchtet Neonaziaufmärsche in Schweden und Griechenland und wie antifaschistische AktivistInnen versuchen dagegenzuhalten.

Im Kleinen gibt es auch Berührungspunkte mit Solothurn: Zuletzt hatte 2014 die ultrarechte Szene für überregionale Schlagzeilen gesorgt, als Neonazis mit Fackeln und weissen Masken durch die Altstadt marschierten. Antifaschismus steht weit oben auf der Agenda des «Cigno Nero». So etwa hat der Infoladen dem «Rechtsextremismus in Europa» ebenso einen Themenmonat gewidmet wie der rechtsextremen US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung sowie Arbeitskämpfen, dem 1. Mai und dem Feminismus.

«Es ist hier anders als in einer Grossstadt. Das hat Vor- und Nachteile», sagt Tim Zeier. «Viele verschiedene Leute finden Zugang, weil wir hier das einzige Projekt dieser Art sind. Es gibt weniger Grabenkämpfe und Spaltungen. Aber wir sind eben nicht viele, deshalb mussten wir schon immer zusammenhalten.» Und Gerber sagt: «Aus dem Laden ist wirklich viel entstanden. Mit dem Output hatte vor zwei Jahren niemand gerechnet. Der Infoladen hat uns alle mehr zusammengebracht.»

* Namen geändert.

Infoladen Cigno Nero, Schwanengasse 1, Solothurn; solomedia.weebly.com/infoladen.html.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch