Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Eine weitverzweigte Jazzfamilie

Niemand spielte so oft am Jazzfestival Willisau wie der Schlagzeuger Fredy Studer. Dieses Jahr trifft er dort auf die jungen Wilden vom Fischermanns Orchestra – einer vierzehnköpfigen Band, was eigentlich ökonomisches Harakiri bedeutet.

Von Christoph Wagner

Ein Jahr lang fast nur getrommelt: Schlagzeuger Fredy Studer, hier in einem geleerten Sprungbecken. Foto: Dragan Tasic

Letztes Jahr wollte es Fredy Studer noch einmal wissen. Der Luzerner Schlagzeuger zog sich in seinen Übungsraum zurück und arbeitete wie besessen an einem Soloprogramm. «Ein Jahr lang habe ich fast nur noch gegessen, geschlafen und getrommelt», beschreibt er sein Eremitendasein. Studer, der dieses Jahr siebzig geworden ist und seit Jahrzehnten zu den profiliertesten DrummerInnen der Schweizer Szene gehört, tauchte noch einmal tief in die Welt der Trommeln, Becken und Gongs ein und entwickelte ein Programm, das höchste spieltechnische Anforderungen stellt, sich aber längst nicht auf blosse Virtuosität beschränkt. «Ich habe Stücke entworfen und daran gefeilt, bis sie meinen Vorstellungen entsprachen», beschreibt er den Arbeitsprozess. «Dann habe ich sie geübt, geübt und nochmals geübt – stunden-, tage-, wochenlang. Erst wenn ein Stück völlig im Körper drin ist, kann man wieder die Freiheit finden, die fürs Musikmachen nötig ist. Denn letztlich geht es nicht um technische Bravourstücke.»

Anfang September wird Fredy Studer auf der Hauptbühne des Willisauer Jazzfestivals wieder alleine hinter seinem Schlagzeug sitzen, um sein Soloprogramm zu präsentieren. Vielleicht denkt er dann für einen kurzen Moment zurück an den Ausgangspunkt seiner Profikarriere. 1959 trat der Elfjährige in seiner Heimatstadt Luzern einer Trommlergruppe bei, die zusammen mit den Pfeifern den Fasnachtsumzug antrieb. Zwei Jahre trommelte der kleine Fredy die Schlagfiguren auf seinem Übungsbrett für sich alleine, bis er sie so gut konnte, dass er beim Umzug mitlaufen durfte.

Inzwischen spannt sich Studers Profikarriere über nahezu fünfzig Jahre und macht ihn zu einem Drummer mit internationalem Renommee. Um eine Idee davon zu bekommen, reicht ein Blick auf die Huldigungen von Drummerkoryphäen wie Jim Keltner oder Jack DeJohnette im Booklet seines gerade erschienenen Soloalbums «Now’s the Time». Mit anderen Grössen wie Pierre Favre oder Paul Motian spielte Studer zeitweise in reinen Perkussionsensembles oder Drumorchestern zusammen, wobei er sein Schlagzeugspiel verfeinert und den Grundstein gelegt hat, um sich nun an ein Soloprojekt zu wagen. «Die Stücke frisch zu halten und nicht nur abzuspulen, ist die grösste Herausforderung», sagt Studer.

Befreit vom kommerziellen Druck

Am Jazzfestival Willisau wird Studers solistische Askese unter anderem von der orchestralen Opulenz des Fischermanns Orchestra kontrastiert. Was die vierzehnköpfige Band seit ihrer Gründung vor zehn Jahren immer wieder zusammenbringt, ist vor allem die Musik selber. Denn eine solche Grossformation bedeutet in der heutigen Jazzwelt eigentlich ökonomisches Harakiri. Statt sich davon abschrecken zu lassen, lotete die Musiker in völlig unorthodoxer Manier die Möglichkeiten der Big-Band-Formation aus – sie können grossorchestrale Kompositionen entwerfen und sie auf der Bühne auch entsprechend inszenieren. Befreit von kommerziellem Druck müssen sich die Musiker weder um Moden noch um Anerkennung scheren. In völlig unorthodoxer Manier weichen sie vom üblichen Sound einer Brassband, ob Latin oder Balkan, ab. Eher scheint sich das Fischermanns Orchestra dabei vom Sun Ra Arkestra oder von Strassenformationen aus New Orleans inspirieren zu lassen.

«Wichtig ist, dass die Musik nicht stillsteht, sondern sich weiterentwickelt, dass wir uns immer wieder von neuem herausfordern», sagt Thomas Reist, Drummer und Bandleader des Fischermanns Orchestra. Dieser Anspruch ist in ihrer Musik nicht zu überhören. Da stehen kosmische Keyboardklänge neben psychedelischen Gitarrensounds. Manchmal heulen die Bläser in kollektiven Improvisationen um die Wette, um danach in ausgetüftelte Arrangements einzumünden, wo wuchtige Bläsersätze, Heavy-Metal-Blockakkorde und knackige Grooves die Szenerie bestimmen.

Kein Orchestra ohne Willisau

Bei der Gründung der Band kam dem Willisauer Jazzfestival eine Schlüsselrolle zu. Mit anderen JazzstudentInnen der Luzerner Musikhochschule war Reist 2007 bei einem Brassband-Projekt des amerikanischen Schlagzeugers Kenny Wollesen dabei, der daraus eine «Festival Street Band» zusammenstellte. Das klappte so ausgezeichnet, dass die MusikerInnen zusammenblieben und das Projekt seither unter dem Namen Fischermanns Orchestra weiterführen. Mittlerweile hat die Band ein halbes Dutzend Alben veröffentlicht – «Tiefenrausch» ist gerade erst erschienen. Niklaus Troxler, Grafiker und langjähriger Willisauer Festivalleiter, hat das Cover entworfen.

Bei solchen Verbindungen kann einem die Schweizer Jazzszene wie eine weitverzweigte Grossfamilie vorkommen, die sich einmal im Jahr für ein paar Tage in Willisau trifft. Niemand trat am Familientreffen so oft auf wie Fredy Studer – dieses Jahr zum 27. Mal.

Jazzfestival Willisau: 29. August bis 2. September 2018. Fischermanns Orchestra: Do, 30. August 2018, 20 Uhr. Fredy Studer solo: Sa, 1. September 2018, 14 Uhr. Programm unter www.jazzfestivalwillisau.ch.

Fredy Studer: «Now’s the Time. Solo Drums». Irascible. 2018.

Fischermanns Orchestra: «Tiefenrausch». Unit. 2018.

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