Nr. 37/2018 vom 13.09.2018

Weisser Mann, was nun?

Reflexion ist besser als Wut. Das gilt gerade auch angesichts der umstrittenen Bezeichnung «weisse Männer».

Von Daniela Janser

Für auffallend viele weisse Männer ist das Etikett «weisse Männer» ein rotes Tuch. Egal ob auf Twitter oder in persönlichen Diskussionen: Die Bezeichnung löst regelmässig grossen Unmut aus, sogar dann, wenn sie keineswegs vorwurfsvoll, sondern bloss als Beschreibung verwendet wird. Das Label «weisser Mann» sei ärgerlich, unnütz oder gar unfair, heisst es jeweils.

Bodenlose Empörung

Stellvertretend sei hier der österreichische Philosoph Robert Pfaller zitiert, der sich einst als Althusser-Forscher und Alltagsanalytiker einen Namen gemacht hat. Heute zieht er gegen Political Correctness und Identitätspolitik ins Feld und zeigt dabei kaum Berührungsängste mit zum Teil extrem rechten Positionen. In einem neuen Aufsatz, nachzulesen im dubiosen Sammelband «Die sortierte Gesellschaft», bezeichnet er die «Klage über die ‹alten, heterosexuellen, weissen Männer›» direkt als «bodenlos dumme Polemik». Damit sprach er dem Chef des NZZ-Feuilletons aus dem Herzen, der sich seinerseits zur Verteidigung seiner Mitmänner aufschwang: «(…) immerhin haben die Prügelknaben auch die Demokratie, die Menschenrechte, die Dampfmaschine und den PC erfunden.»

Doch natürlich lauert hinter dieser bodenlosen Empörung ein viel interessanterer Komplex. Denn wer weisse Männer als weisse Männer bezeichnet und daran womöglich noch Wert- und Verhaltensurteile knüpft, kategorisiert diese Männer schlicht auf die gleiche Weise, wie es der öffentliche Diskurs mit Bezeichnungen wie «Menschen mit Migrationshintergrund», «muslimische Männer» oder «junge schwarze Frauen» auch macht.

Da dieser Diskurs immer noch sehr stark von weissen Männern geprägt ist, könnte man nun zum Schluss kommen, dass diese Gruppe zwar gern reihum Labels verteilt und diese auch ungerührt mit Schandtaten und Pauschalurteilen verbindet. Umgekehrt ertragen es aber weisse Männer erstaunlich schlecht, wenn sie selbst in eine solche Schublade gesteckt werden: wenn sie erfahren, was es heisst, nicht mehr länger das unmarkierte und selbstverständliche Zentrum des Diskurses zu sein, frei von identitären Zuschreibungen und Schuldzuweisungen.

Auch ein Donald Trump betreibt letztlich ganz klar Identitätspolitik für weisse Männer – nur wird das kaum je so deutlich beim Namen genannt. Identifiziert und benannt werden sollen bloss die anderen, am besten aus der privilegierten Sicherheit der eigenen scheinbaren Neutralität heraus. Oder etwas zugespitzter analysiert: Man geht heute sogar auf die Strasse, um für das «Recht» zu demonstrieren, weiterhin das N-Wort gebrauchen zu «dürfen», flippt im Gegenzug aber aus, wenn man mit dem vergleichsweise harmlosen Etikett «weisser Mann» konfrontiert wird. Dabei könnte man aus dem eigenen Ärger eine simple Lehre ziehen: Es ist unangenehm, wenn man in einen Topf mit verallgemeinernder Bezeichnung geworfen wird, von verächtlichen Etiketten ganz zu schweigen.

Gleicher als die anderen

Da wir hier nicht gerade von einer gefährdeten Randgruppe reden, wäre Gelassenheit angebracht. Und zwar sogar dann, wenn grobschlächtig behauptet wird, weisse Männer hätten sich in der Vergangenheit einiges zuschulden kommen lassen, von der Sklaverei über die Kolonialherrschaft bis zum Holocaust. Solche Behauptungen sind zwar sträflich verallgemeinernd und womöglich wenig aussagekräftig, aber halt nicht grundsätzlich unwahr. Und sie machen auch klar, dass das Etikett offensichtlich strukturell-abstrakt gemeint ist: Es wird also keineswegs unterstellt, dass jeder heute lebende weisse Mann auf der Anklagebank sitzt.

Nicht zu übersehen ist auch, dass die hartnäckigsten Attacken gegen die vermeintlich übermächtige Identitätspolitik in der grossen Mehrheit von weissen Männern stammen. Sie zeugen von der Angst, man könnte nun selbst in solche Identitätskategorien einsortiert werden, was für die «pale males» offenbar automatisch eine Abwertung und Machteinbusse bedeutet. Hinter der gerade von links oft geäusserten Behauptung, wir sollten uns doch einfach auf den Klassenkampf konzentrieren und alle dafür kämpfen, gleich behandelt zu werden, ungeachtet von Geschlecht, Religion, Hautfarbe und sexuellen Vorlieben, möchten manche weiterhin etwas gleicher sein als die anderen. Und dabei schön unauffällig bleiben.

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