Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Ein bisschen Dreck kann nicht schaden

Ein neuer Sammelband will die Fallstricke sogenannter Identitätspolitik ausloten. Leider kommt das Buch auch nicht ohne polemische Zerrbilder aus.

Von Daniel Hackbarth

Seit Jahren werden Freiheitsrechte geschleift, indem etwa wie zuletzt in Frankreich und Deutschland Polizeibefugnisse erweitert werden. Auch ökonomische Ungleichheit bedeutet immer einen Autonomieverlust: Materielle Not raubt die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Es gäbe also gute Gründe zur Klage über immer erdrückendere Verhältnisse. Stattdessen sind die Zeitungen und das Netz voll mit Warnungen, dass linker Moralfuror eine Tugenddiktatur zu errichten drohe – oder das schon längst getan habe.

Wer über «politische Korrektheit» und die Irrungen der «Identitätspolitik» sprechen will, müsste diese Schieflage zwischen öffentlich verhandelten und realen Freiheitseinbussen zumindest auch ins Visier nehmen. Das heisst nicht, dass es schrille Moralapostel nirgendwo gäbe. Aber für die allermeisten dürfte es viel wahrscheinlicher sein, dass sie über ein Pamphlet stolpern, das Sprechverbote anprangert, als dass sie je auch nur in die Nähe eines Plenums geraten, wo ihnen tatsächlich jemand über den Mund fahren könnte.

Versuche einer linken (Selbst-)Kritik dessen, was unter dem Schlagwort «Identitätspolitik» verhandelt wird, sind daher eine heikle Angelegenheit. Mitunter gehen sie ziemlich in die Hose, wie etwa im Fall des deutschen Publizisten und Linkspopulisten Bernd Stegemann (siehe WOZ Nr. 4/2019). Auch in den Texten, mit denen der neue Sammelband «Triggerwarnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen» die «Fallstricke der Identitätspolitik» ausloten will, wird allenfalls am Rand gefragt, warum dieses Thema so unverhältnismässig breit diskutiert wird und welche Agenda dahinterstecken könnte. Das ist wohl der Fokussierung auf eigene Zusammenhänge geschuldet, aber trotzdem problematisch.

Mehr Fehlertoleranz, bitte!

Die HerausgeberInnen Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel wissen jedenfalls um die Gefahren ihres Unterfangens, zumal es vor geraumer Zeit ein ähnlich gelagertes Buch gab, das sehr kontrovers diskutiert wurde («Beissreflexe», 2017). «Dieser Sammelband hat das Zeug, sich falsche Freund*innen und neue Feind*innen zu machen», heisst es in der Einleitung. Das klingt fast ein bisschen stolz, dabei sollte doch eigentlich der Anspruch sein, eine mit rechts unverwechselbare Kritik zu formulieren. Das Anliegen, für «mehr Fehlertoleranz» in der Linken und das «Aushalten von Widersprüchen» zu werben, ist indes unbedingt zu unterschreiben.

Wie man sich in diesem diskursiven Minenfeld vorantastet, führt gleich der erste Beitrag beispielhaft vor. Darin beleuchtet der Sozialpsychologe Markus Brunner das Phänomen der Triggerwarnungen, also der Praxis, das Publikum auf potenziell verstörende Inhalte hinzuweisen, ehe diese dargestellt werden. Dieses Verfahren tauchte vor ein paar Jahren an nordamerikanischen Universitäten auf und provozierte sogleich einen Aufschrei: Die Wissenschaftsfreiheit ist in Gefahr!

Brunner dagegen skizziert wohltuend unaufgeregt die Herkunft des Konzepts «Trigger» aus der Traumatheorie und erläutert, wie der Traumadiskurs allmählich politisiert wurde. Dies geschah auch infolge von Schadensersatzklagen KZ-Überlebender in Deutschland, die mit der Begründung abgebügelt wurden, ihre Leiden hätten nichts mit der erlebten Gewalt zu tun, sondern seien Ausdruck «ihrer mangelhaften biologischen Konstitution». Es war ein mühseliger und zugleich eminent politischer Prozess, ehe Traumata überhaupt ernst genommen wurden.

Überall lauert ein Trauma

Brunner zufolge führte dies aber zur «Universalisierung des Traumadiskurses»: «Wer heute Leiden glaubhaft und gesellschaftliche Gewalt sichtbar machen will, beruft sich auf den Traumabegriff», schreibt er – und dieser Verallgemeinerung entspricht der verbreitete Wunsch, vor Reizen geschützt zu werden, die Flashbacks «triggern» könnten. Das berge allerdings «die Gefahr einer Psychologisierung und Therapeutisierung des Politischen». Ein Problem ist das deswegen, weil dadurch Auseinandersetzungen und auch emanzipatorische Anliegen abgewürgt werden könnten: Schliesslich ist es ja wünschenswert, dass rassistische oder sexistische Gewalt auch an Universitäten und auf öffentlichen Podien zur Sprache kommt. Zudem ist es zumindest fraglich, ob sich gesellschaftliche Gewaltverhältnisse wirklich angemessen mit Begriffen beschreiben lassen, die der Psychologie entlehnt sind – oder ob diese nicht eher sogar mystifizierend wirken können.

Eine Pointe Brunners liegt indes darin, dass Triggerwarnungen in der Pädagogik gar nicht die Funktion haben, der Konfrontation mit Verstörendem auszuweichen, sondern im Gegenteil diese zu ermöglichen: indem nämlich Betroffenen dadurch die Chance gewährt wird, sich vorzubereiten auf das, was sie erwartet. Zudem seien die studentischen Initiativen in den USA weit weniger aufgeregt gewesen als gerne kolportiert. Davon ist in der rechten Kritik der «politischen Korrektheit» selten die Rede.

Leider aber sind nicht alle versammelten Essays so informativ. Stattdessen wird auch hier mit Pappkameraden operiert, etwa wenn sich der Wiener Psychoanalytiker Sama Maani an linken AntirassistInnen abarbeitet, die (ganz wie die Rechten!) alle Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern automatisch als MuslimInnen identifizierten – und man sich dann fragt, wo man denn diese Linken wohl bloss treffen mag. Auch Männern, die anbiedernd ihre Privilegien betonen, um damit weiblichen Zuspruch zu erheischen, begegnet man wohl weitaus seltener, als die Sozialpsychologin Charlotte Busch in ihrem Text insinuiert. Und natürlich fehlt auch nicht der Verweis auf «die» postmoderne Theorie, deren Wirkmächtigkeit der israelische Journalist Gadi Taub in seinem Beitrag einmal mehr überschätzt und die er zugleich vulgarisiert.

Warum sind wir so verletzlich?

So zeigt auch dieses Bändchen eher indirekt, worauf es in der Debatte ankäme: auf nüchterne Analysen und eine kritische Überprüfung der eigenen Kategorien, die auf Polemik und Zerrbilder verzichtet. Darüber hinaus wirft Charlotte Busch die interessante Frage auf, wie es zu deuten sei, dass gerade in einer so konformistischen Gesellschaft wie der bestehenden so beharrlich auf die eigene Individualität und deren Verletzlichkeit gepocht wird – auch daran liesse sich anknüpfen.

Scharfsinnig sind zudem die Überlegungen Leo Fischers: Der ehemalige «Titanic»-Chefredaktor geht der Hyperinflation der Satire in einer Zeit nach, in der sich noch der mieseste Twitter-Troll mit dem Hinweis brüstet, seine Botschaften seien «satirisch» zu verstehen. Fischer schliesst dennoch mit dem Appell: «Man muss sich schmutzig machen wollen. Bei vollem Peinlichkeitsrisiko. Das Feld subversiver, krawalliger Kommunikation wird schon zu lange von den Falschen bestellt.» Das richtet sich gegen eine zahnlose liberale Pädagogik à la Michelle Obama und Hillary Clinton («When they go low, we go high»). Tatsächlich soll ja ein bisschen Dreck allzu grosser Überempfindlichkeit vorbeugen.

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