Nr. 38/2018 vom 20.09.2018

Oder sollte sie es lassen?

Eine Frage der Menschlichkeit, nicht des Mitgefühls: Im Spielfilm «Styx» kreuzt eine deutsche Seglerin mitten im Atlantik einen havarierten Kutter voller Flüchtlinge.

Von Florian Keller

Den Jungen hat sie aus dem Meer gefischt, doch was ist mit den anderen? Notärztin Rike (Susanne Wolff) bleibt in Sichtweite des Flüchtlingsschiffs im Hintergrund. Still: Trigon-film.org

Das Paradies war eine Erfindung des Menschen: ein Garten der Unschuld, so rein und so idyllisch, wie es die Natur nie gewesen ist. Und was der Mensch selber erfunden hat, kann er getrost auch eigenhändig bauen.

Ausgerechnet der Mann, der unsere christliche Vorstellung vom Garten Eden entzauberte, wollte einst ein Paradies auf Erden erschaffen. Das war Charles Darwin, als er 1836 auf der Insel Ascension landete, mitten im Atlantischen Ozean, auf halber Strecke zwischen Brasilien und Angola. Darwin regte an, die vulkanischen Böden zu bepflanzen, und so entstand auf dem kargen Eiland ein blühender Garten Eden, der uns daran erinnert, dass jedes Paradies erst dann echt ist, wenn es künstlich angelegt wurde.

Unterwegs zum Paradies

Dorthin zieht es nun Rike (Susanne Wolff), die Protagonistin im Film «Styx». Von Gibraltar aus will die deutsche Ärztin im Alleingang bis zu Darwins Paradiesinsel segeln. Doch so weit wird sie nicht kommen, weil sie auf dem Weg dahin mit ihrem Segelboot überladenes Treibgut kreuzt: einen havarierten Kutter mit anderen Menschen, die auf ihre Weise auch eine paradiesische Destination vor Augen haben. Aber in der entgegengesetzten Richtung, dort, wo Rike herkommt.

Zu Beginn hat man die Frau noch kurz bei der Arbeit gesehen, in einer Szene, die spiegelbildlich einiges von dem vorwegnimmt, was nun ihr privates Abenteuer auf See durchkreuzen wird. Zwei Autoraser liefern sich da ein nächtliches Rennen auf den Strassen von Köln, ein unbeteiligter Dritter verunfallt dabei schwer. Dann zeigt der Film den ganzen medizinischen Apparat, der aufgeboten wird, um das Leben dieses einzelnen Menschen zu retten, und mittendrin im Einsatz: Rike als Notärztin.

Jetzt, wo sie mitten im Atlantik auf diesen überfüllten Flüchtlingskutter stösst, haben sich die Vorzeichen gekehrt – allein auf ihrem Segelboot hat sie zu wenig Infrastruktur für zu viele Bedürftige. Zwar wüsste die Seglerin von Berufes wegen genau, was zu tun wäre, um Leben zu retten, und einmal tut sie es auch, als sie einen Jungen (Gedion Oduor Wekesa), der mit dem Mut der Verzweiflung ins Meer gesprungen ist, an Bord zieht. Da ist sie für einen Moment wieder in ihrem Element, wie sie fachgerecht einen einzelnen Patienten versorgt. Aber darüber hinaus, wie soll sie helfen?

Kammerspiel auf offener See

Es ist ein paar Jahre her, da haben wir im Kino schon einmal einen Einhandsegler begleitet, der auf hoher See mit verlorenem Treibgut konfrontiert war. Damals konnte man einem älteren Herrn dabei zusehen, wie er seinen unausweichlichen Untergang abzuwenden versuchte. Das war Robert Redford im Film «All Is Lost» (2013) von J. C. Chandor: Stoisch kämpfte der Mann dort um sein Überleben, nachdem ein herrenloser Schiffscontainer sein Segelboot gerammt hatte. Die Ladung damals: Kinderturnschuhe. Die edle Jacht des saturierten alten Mannes wurde also aufgeschlitzt von billigem Schwemmgut aus unserer Überflussgesellschaft, die konsumkritische Pointe war da natürlich inbegriffen.

Segelfilme sind ja meist Kammerspiele auf offenem Meer; es ist der extreme räumliche Gegensatz, der ihren besonderen Reiz ausmacht – ein Drama auf engstem Raum, aber in der grenzenlosen Weite des Ozeans. Und vieles von dem, was «All Is Lost» in diesen Extremen so grandios machte, spielt nun auch Wolfgang Fischer in «Styx» aus. Mit dem Unterschied, dass Redford seine Überlebensübung grösstenteils in einem riesigen Wassertank absolvierte, der schon für «Titanic» als Kulisse gedient hatte, während der österreichische Regisseur Wolfgang Fischer bis auf die Sturmszenen tatsächlich auf See drehte, zwischen Malta und Sizilien. Und auch sonst steht in «Styx» viel mehr auf dem Spiel als das Leben eines Best Agers, der an einem Restposten der globalen Warenströme zerschellt, allein gegen die Naturgewalten.

In der griechischen Mythologie ist der Styx bekanntlich der Fluss, der die Lebenden von den Toten trennt. Der Titel lädt also dazu ein, den Film auch allegorisch zu lesen, und damit handelt er sich gewisse Probleme ein, schon in der allerersten Szene. Da sehen wir Berberaffen in Gibraltar, wie sie die Häuser entlangklettern oder cool über einen Parkplatz schlurfen. Afrikanische Eindringlinge, die sich den Vorposten Europas erschliessen: Ist das unser eigener rassistischer Blick, den der Film uns mit diesen Bildern vorhält? Regisseur Wolfgang Fischer hat das offenbar gar nicht bedacht. Affen im städtischen Alltag, erklärt er im Presseheft, das sei für ihn einfach ein «Bild des Chaos», das Zeichen dafür, dass die Welt «aus dem Lot» sei.

Und noch ein unheimlicher Gedanke: Das teure Segelboot, steht es nicht auch irgendwie für Europa, bestens ausgerüstet, aber halt doch zu klein, «um alle aufzunehmen»? Der mythologische Überbau kommt dem Film also eher in die Quere, aber es hätte ihn gar nicht gebraucht. Denn davon abgesehen ist «Styx», ähnlich wie «All Is Lost», ein Actionfilm im elementarsten Sinn des Wortes. Heisst: ungemein physisch und handlungsorientiert in seinem Fokus auf diese alleinige Hauptfigur, die an Bord fast andauernd am Hantieren ist und die ausser ab und zu über Funk so gut wie gar nicht spricht. Schon beim Unfall in Köln, später dann auch auf dem Meer, konzentriert sich Wolfgang Fischer nicht auf das dramatische Geschehen, sondern auf die Handgriffe seiner Protagonistin: wie sie einen Schwerverletzten verarztet, wie sie die Segel setzt, wie sie durch einen Sturm navigiert.

Was tun? Rike weiss es, jederzeit. So fällt es dann auch umso stärker ins Gewicht, als sie in ihrer Autonomie jäh ausgebremst wird und in ihrer Handlungsmacht an Grenzen stösst. Eben dann, als ihr angesichts des Flüchtlingsboots ein Eingreifen untersagt wird, wo sie sich eigentlich zum Handeln genötigt sieht, das Gebot der Menschlichkeit also mit dem Gesetz kollidiert.

«Stay out» lautet nämlich die Anweisung der Küstenwache, als Rike diese per Funk alarmiert. Laut internationalem Seerecht ist sie zwar auch als einfache Seglerin verpflichtet, bei Seenot Hilfe zu leisten. Aber weil sie in diesem Fall ihre eigene, kleine Jacht gefährden würde, verschärft die Durchsage der Küstenwache nur das ethische Dilemma, dem sich Rike ausgesetzt sieht: Es gibt nichts Richtiges, was sie in dieser Situation tun könnte. Also tut sie das, was sie für am wenigsten falsch hält. Sie wartet auf die Küstenwache und bleibt so lange auf Sichtkontakt mit dem anderen Schiff.

Auf Distanz zum Grauen

Wenn es um das Leid von Flüchtlingen geht, sucht das Kino gerne die grösstmögliche Nähe, um unser Mitgefühl zu triggern. Menschlichkeit wird dann zum sentimentalen Effekt einer wie auch immer gearteten «Unmittelbarkeit» des filmischen Blicks. «Styx» dagegen verfährt gerade umgekehrt, indem der Film konsequent in seiner europäischen Warte verharrt: eben an Bord mit der Seglerin, das überladene Flüchtlingsschiff im Hintergrund, aber stets in Sichtweite. Und gerade dadurch, dass wir hier fast durchweg auf Distanz gehalten werden und das Elend und das Grauen vom Boot der Protagonistin aus nur erahnen können, macht der Film klar: Was Rike tut oder nicht tut, ist eine Frage der Menschlichkeit, nicht des Mitgefühls.

Als Zeichen ihrer Menschlichkeit lässt die Seglerin das Schiff nicht aus den Augen, während sie selber nicht einschreiten darf und womöglich doch sollte. Aber zugleich vergiftet der Abstand, den sie zum Schiff hält, ihr Gewissen. «Ich habe keine Antworten für dich», sagt sie einmal auf Englisch zu dem Jungen, den sie aus dem Meer gezogen hat. «Ich weiss nicht, was tun. Ich weiss es einfach nicht.» Als Rike dann doch eine Entscheidung trifft, ist es vielleicht schon zu spät. Und statt im künstlichen Paradies landet sie – in der Finsternis.

Jetzt im Kino.

Luzern, Stattkino, Do, 20. September 2018, 19 Uhr. Nach dem Film diskutiert WOZ-Redaktorin Noëmi Landolt mit Regisseur Wolfgang Fischer.

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