Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

Zwischen Beton und Baby

Von Florian Keller

Und wieder ein Einpersonenstück fürs Kino. Wir hatten ja schon Sandra Bullock im All («Gravity») und Robert Redford allein auf sinkender Jacht («All Is Lost»), zwei Überlebensübungen von elementarer Wucht. Im Vergleich dazu ist die Kulisse in «Locke» um einiges profaner, ohne kosmische Leere oder ozeanische Weite: Da steigt ein Bauleiter namens Ivan Locke nach Feierabend in seinen BMW und fährt in den folgenden achtzig Minuten durch die Nacht. Während er dabei über seine Freisprechanlage zwischen Job und Familie hin und her telefoniert, bricht ihm allmählich seine wohlgeordnete bürgerliche Existenz unter dem Boden weg.

Am Steuer sitzt einer, den man sonst kaum so sanft reden hört wie hier: Es ist Tom Hardy, der uns zuletzt als Batmans Gegenspieler in «The Dark Knight Rises» mit seinem Maulkorb das Fürchten lehrte. Hardy ist ein Schauspieler, der allein durch seine physische Präsenz ein Klima der Bedrohung erzeugen kann. Ganz anders in «Locke». Da sitzt er in seinem Auto fest, die Stimme gedämpft vom Schnupfen, und manövriert sich am Telefon hilflos ins Nichts, als er seiner Ehefrau erklären muss, weshalb er nicht nach Hause kommt. Weil da nämlich ein uneheliches Kind unterwegs ist, bei dessen Geburt er dabei sein will. Und dann ist da noch der Betonguss auf seiner Grossbaustelle, den er am nächsten Morgen eigentlich persönlich überwachen sollte.

Ein Mann im Dilemma zwischen Beton und Baby: Das sind die doch recht kruden Gegensätze, an denen der britische Autor und Regisseur Steven Knight («Eastern Promises») sein Kammerspiel aufzieht. Wenn der Bauleiter dann auch noch ein Selbstgespräch mit seinem toten Vater anfängt, als sässe dieser auf dem Rücksitz mit im Auto, landet «Locke» zwischenzeitlich in der trivialpsychologischen Abteilung, also im Kitsch. Schade um die hypnotische Bildsprache, die die Lichter der Strasse in einem abstrakten Ballett aus Überblendungen und Unschärfen verschwimmen lässt. Das ist Kino in seiner elementarsten Form: ein Hörspiel mit Lichteffekten.

Ab 19. Juni 2014 in den Kinos.

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