Nr. 39/2018 vom 27.09.2018

SRG-Radioumzug: Sparen und herrschen

Die Verlagerung des Radiostudios von Bern nach Zürich hat einen bitteren Grund: Managementspiele.

Von Kaspar Surber

Der Verwaltungsrat der SRG hat entschieden: Das Radiostudio Bern muss nach Zürich ziehen. Seither kennt das Ressentiment gegen die grösste Schweizer Stadt kein Halten mehr. Bloss irren all die Regionalpolitikerinnen, Mundartdichter und sonstigen NichtzürcherInnen in einem Punkt: Das Radiostudio zieht nicht nach Zürich, sondern nach Zürich-Leutschenbach, und das ist doch ein himmelweiter Unterschied.

Die NZZ-Redaktion beispielsweise befindet sich unzweifelhaft in Zürich. Vorne am See steht ihr Eckbau noch immer wie eine Machtdemonstration des Schweizer Bürgertums, auch wenn man sich publizistisch immer tiefer im teutonischen Wald verirrt. Die Tamedia liegt mitten in der Stadt, in einem transparenten Glaskasten, durch die Scheiben sieht man die Logos der vielen Redaktionen, von «Homegate» bis «Ricardo». Auch wir von der WOZ, eingemietet im sogenannten Trendquartier Kreis 5, gehören noch zur Stadt, wie unsere NachbarInnen von «Watson» und auch die von der «Weltwoche» sicher gerne bestätigen: Schreiben, was ist! Nur, dieses Leutschenbach hat mit Zürich wenig zu tun.

Im Dorf vor der Stadt

Leutschenbach liegt weit ausserhalb hinter einem Hügel, erreichbar aus der Stadt nur in Umsteigefahrten mit Bus, Tram oder Bahn. Von aussen wirkt es wie ein eigenes Dorf, wobei es statt eines Kirchturms als höchster Spitze ein Wetterstudio hat. Die LeutschenbacherInnen sind freundliche ZeitgenossInnen, aber weil ihre Siedlung etwas ab vom Schuss liegt, bleiben sie häufig unter sich und applaudieren sich gegenseitig. Entsprechend sind auch die Fiktionen der Schweiz, die in der Heimatfabrik am nördlichen Stadtrand produziert werden: im Zweifel lieber selbstgenügsam als welthaltig.

Hierhin sollen nun also die 170 Radioangestellten von Bern pendeln. Der Protest der versammelten Berner Parteien, von den Grünen bis zur SVP, konnte den Verwaltungsrat nicht milde stimmen. Der bescheidene Sparertrag von höchstens fünf Millionen Franken wirkt vorgeschoben. Warum ist es ohne Not so weit gekommen? Der einzige Grund, der übrig bleibt, klingt bitter für einen Betrieb, der grösstenteils von der Bevölkerung finanziert wird: Es waren Managementspiele.

Ausgedacht hatten die sich der neue SRG-Generaldirektor Gilles Marchand sowie der abtretende SRF-Direktor Ruedi Matter. Marchand, frisch aus der Westschweiz eingewechselt, wollte sich als Kraft des Wandels positionieren. Matter scheint sich selbst nicht sicher, ob er etwas Bleibendes geschaffen hat: Auch wenn er längst seinen Rücktritt angekündigt hat, ist er immer noch da.

Nach der No-Billag-Ablehnung kündigte die SRG-Spitze ein Sparpaket über hundert Millionen Franken an. Die ersten fünfzig Millionen waren aufgrund von Gebührenkürzungen begründet. Die zweiten waren reine Spekulation. Sie sollen prognostizierte Werbeverluste kompensieren und den digitalen Wandel befördern. Das Sparpaket verfolgte wie jede Austeritätsmassnahme letztlich nur ein Ziel: Es sollte Druck auf die Beschäftigten und ihre Familien machen, um den Umbau des Unternehmens voranzutreiben.

M & M versagten

Bloss fragt man sich in den letzten Monaten, welchen Umbau Marchand und Matter denn genau meinen. Warum die Stellen aus Bern in einen Newsroom nach Leutschenbach verlegt werden sollen, der gar nicht fürs Radio gebaut wird, konnten sie nie erklären. Wer zudem davon ausgeht, Digitalisierung habe etwas mit Zentralisierung zu tun, hat sie von Grund auf nicht begriffen. Sie ermöglicht es doch gerade, dezentral zu agieren. Oder wie man in der Schweiz sagt: föderalistisch.

Dass es einzig um Betriebsamkeit ging, belegen Protokolle, die der «Tages-Anzeiger» enthüllte. Marchand kritisierte demnach im Frühling die Ersparnisse des Umzugs als zu tief. Gleichzeitig stellte er fest: «Ein Verzicht auf das Vorhaben ist nicht möglich, weil das Vorgehen gegen die SRG sonst künftig Schule machen könnte.» Mit dem Entscheid haben die angeblichen Topmanager, die beide mehr als 400 000 Franken verdienen, genau das Gegenteil erreicht.

Mit ihrer Voreingenommenheit haben sie bei den Beschäftigten das Vertrauen verspielt. Mit ihrer Sturheit gegenüber regionalpolitischen Argumenten werden sie von der Politik erst recht in die Zange genommen, spätestens beim neuen Mediengesetz. Immerhin verstärken die 170 Radioleute von Sendungen wie «Echo der Zeit» den Weltanschluss am Leutschenbach.

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