Nr. 44/2018 vom 01.11.2018

Lieben im Versteck

In Marokko wird Sex tabuisiert und ist doch allgegenwärtig. Für einen Essayband und eine Graphic Novel hat Leïla Slimani mit marokkanischen Frauen darüber gesprochen, wie sie damit umgehen.

Von Alice Galizia

Genau hinsehen, ohne in Voyeurismus zu verfallen: Szene aus «Hand aufs Herz», gezeichnet von Laetitia Coryn (grosse Ansicht der Comic-Seite).

«Als Kind hat man mir eingeschärft, dass es falsch ist, mit jemandem zu schlafen», sagt Zhor. Als sie mit fünfzehn vergewaltigt wurde, habe sie danach vor allem Angst vor ihren Eltern und der Gesellschaft gehabt: «Ich war überzeugt, dass man mich einsperrt, dass man mir vorwirft, die Typen provoziert zu haben.» Eingesperrt wurde Zhor nicht, aber als es sich herumsprach, war ihr Ruf zerstört. Zhor trägt ein Tanktop und kurze Haare, sitzt lässig auf einem Sofa und raucht eine Zigarette. Sie lebt in Marokko, ist heute 28 und ledig – unüblich hier für eine Frau in ihrem Alter. Ihre Geschichte ist eine von vielen aus dem Essayband «Sex und Lügen» und der Graphic Novel «Hand aufs Herz» der Schriftstellerin Leïla Slimani.

Leïla Slimani, 1981 in Marokko geboren, wanderte mit achtzehn Jahren nach Frankreich aus. Sie arbeitete einige Jahre als Journalistin, bevor sie 2014 ihren ersten Roman, «Im Garten des Menschenfressers», veröffentlichte. Für den zweiten, «Dann schlaf auch du», erhielt sie 2016 den Prix Goncourt, den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs. Auf Lesetour in Marokko mit ihrem Erstling, der von einer Nymphomanin handelt, sei sie erstaunt gewesen, wie viele Frauen an ihren Lesungen offenbar das Bedürfnis hatten, mit ihr über Sexualität zu sprechen. Aus diesen Gesprächen entstand erst das Buch «Sex und Lügen» und daraus dann, gemeinsam mit der Cartoonistin Laetitia Coryn, die Graphic Novel «Hand aufs Herz». Bei etwas gestrafftem und fiktionalisiertem, aber ungefähr deckungsgleichem Inhalt wie dem Essayband folgt die Leserin darin Slimani, wie sie mit Frauen aus ganz unterschiedlichen Milieus spricht. In bunten Farben und weichem Strich erscheinen so etwa Slimanis frühere Haushälterin, eine Soziologin, eine Sexarbeiterin oder eine Ärztin. Dabei schafft es Coryn, mit ihren Zeichnungen genau hinzusehen, ohne jemals in Voyeurismus zu verfallen.

Geduldet und doch verboten

Die Frauen beschreiben eine Gesellschaft, in der Sexualität immer mit Tabu, Scham und Verschwiegenheit verbunden ist: Viele Frauen können ihre Familie nur durch Prostitution über Wasser halten, obwohl diese verboten ist; homosexuelle Handlungen sind ebenfalls nicht erlaubt, aber (meist) geduldet, sofern sie in den eigenen vier Wänden stattfinden. Trotzdem lebt man dauernd in Angst, dass man dabei plötzlich doch erwischt und verhaftet werden könnte: Auf Homosexualität stehen sechs Monate bis drei Jahre Haft.

Ähnlich ist es bei ausserehelichen sexuellen Beziehungen: Trotz Verbot haben die meisten jungen Menschen solche Liebschaften und investieren viel Zeit darin, diese gut zu verstecken. Wer doch mal beim Schmusen von der Polizei erwischt wird, kann sich meist vor Ort mit hundert Dirham Schmiergeld freikaufen – den «Preis für die Scham» nennt das etwa Nour, eine der Frauen, mit denen Leïla Slimani gesprochen hat. Für Frauen kommt hier ein zusätzlicher gesellschaftlicher Druck hinzu: Obwohl ausserehelicher Sex für Männer wie Frauen verboten ist, zeigt sich eine ausschliessliche Fixierung auf die weibliche Jungfräulichkeit. Die Ärztin Malika erzählt von demütigenden Besuchen junger Frauen mit ihren Schwiegermüttern, die darauf bestehen zu erfahren, ob deren Hymen noch intakt ist. Und Nour sagt, viele Frauen nähmen Analsex auf sich, nur um so im Prinzip «Jungfrau» zu bleiben.

Slimani wendet sich entschlossen gegen den Islamismus, der die Unterdrückung der Frau und der sexuellen Freiheit befeuert. Dem stellt sie ein differenziertes Bild eines Marokkos gegenüber, in dem der Ruf nach mehr Offenheit in Bezug auf Sexualität und alternative Lebensentwürfe immer wieder laut wird. Den Islam sieht sie durchaus als Teil einer offenen Gesellschaft – so porträtiert sie etwa eine Theologin, die den Koran als Basis für eine umfassende Gleichstellungspolitik auslegt.

Befreit von den Zwängen

Schade ist allerdings die weniger differenzierte Darstellung des «Westens», wenn sie etwa dessen «sexuelle Freiheit oder die Gleichberechtigung der Geschlechter» lobt. Keine Frage: Die sexuelle Freiheit ist zum Beispiel in Frankreich, auf das sich Slimani bezieht, viel ausgeprägter als in Marokko, gesetzlich sind Frauen und Männer gleichgestellt. Dass aber frauenspezifische Gewalt, Sexismus und Homophobie – in anderer Form – auch hier Realität sind, geht bei Slimani unter. Angesichts einer erstarkenden frauenfeindlichen Rechten sowie von christlichen und anderen FundamentalistInnen auch im Westen wäre es doch angebracht, Parallelen zu ziehen und solche Tendenzen als Auswüchse von im Grunde ähnlichen Ideologien zu verurteilen.

Abgesehen davon geben die beiden Bücher spannende Einblicke in die marokkanische Gesellschaft und lassen viele Frauen zu Wort kommen, die sonst kaum je einer hört. Dabei verweist Slimani auch auf Fortschritte, auf gewonnene Kämpfe wie die Lockerung des Abtreibungsgesetzes, auf den Willen vieler junger Menschen, ihre Sexualität so auszuleben, wie sie es wollen. So zeugen diese Geschichten auch von einem Wandel: «Unter den Frauen, die ich kennengelernt habe, waren viele, die sich von den Zwängen und Gebräuchen befreit haben. Diese Frauen, so hoffe ich, sind die Zukunft meines Landes.»

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