Nr. 45/2018 vom 08.11.2018

Wiedergeburt zum Znacht

Von Alice Galizia

«Hier ist es mir grundsätzlich unsympathisch. Ich will hier wieder weg. Mir ist kalt, und ich hasse Topfpflanzen!» Herr Krause schimpft, starrt die Pflanze vor sich an, die ihre Blätter ausdehnt und nach ihm greift, ihn hineinzieht und seine Gedanken umwuchert. Eine Pflegefachfrau entreisst Herrn Krause aus ihren Schlingen und seiner Fantasie – «Chömed Sie, mir noch gehen auf Toilette.» Dann nehmen ihn seine Gedanken wieder ein, Erinnerungen an Hilde diesmal.

Wie Traumbilder sehen in Lika Nüsslis Comic «Vergiss dich nicht» diese Versuche aus, das schwer nachvollziehbare Denken von Demenzkranken zu beschreiben. Wie begegnet man Menschen, die oft unfreiwillig komische Dinge sagen, manchmal aggressiv werden («Abfahre mit dene Asylante! Huere Habasche!») und dann wieder völlig weg sind? Und wie geht der eritreische Pfleger damit um, wenn er von Herrn Blöchliger als «fremder Fötzel» beschimpft wird, ihm aber trotzdem in den Rollator helfen muss?

Während Besuchen bei ihrer demenzkranken Mutter im Pflegeheim hat Nüssli angefangen, Gespräche und Situationen zeichnerisch festzuhalten. Ihren konsequent in Schwarz-Weiss gehaltenen Zeichnungen mischt Nüssli viele fantastische Bilder bei. So sind die Übergänge zwischen Realität und Gedankenwelt der Menschen im Heim fliessend, Geschichten oft in Fetzen erzählt, man verliert den Faden und nimmt ihn woanders wieder auf. «Was git’s ächt zum Znacht?», «Brennti Wiedergeburt mit Brombeeri»: Solche Dialoge werden auch mal von Fantasiefiguren geführt – Federn auf dem Kopf, Hasenohren, eine Figur schmilzt plötzlich davon. Die zeichnerischen Mittel helfen dabei, diese nicht unbedingt verstehen zu wollen, sondern als das zu akzeptieren, was sie zuweilen sind: komplett absurd.

Lika Nüssli ist ein sensibler Comic gelungen, der sich sowohl der Komik als auch der Tragik im Umgang mit Demenz annimmt und versucht, die damit verbundene Hilflosigkeit zu bewältigen.

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